Dezember 31, 2009

FROHES NEUES UND SO BLA BLA BLA

Allen Lesern und Nicht-Lesern einen guten Rutsch! Ich habe die Feiertage genutzt, um nicht produktiv zu sein. Dennoch gibt es am Wochenende den obligatorischen Jahresrückblick mit der Top 10.

Auf 2010, das Jahr, in dem wir uns wieder sehen.

Dezember 17, 2009

Kino: AVATAR

Der größte, der teuerste, der aufregendste Film nach dem Mega-Spektakel, das – ach ja – irgendwie als der größte, teuerste und aufregendste Film aller Zeiten gilt. Zum König der Welt hat sich James Cameron auf seinem Oscarsiegeszug vor 12 Jahren erklärt und dann von der großen Leinwand verabschiedet, um nicht am finanziellen und zu Teilen auch künstlerischen Maßstab seines Riesenhits vom sinkenden Schiff gemessen werden zu können. Die 3D-Technik nun lockte den Regisseur mit attraktiven Fluchtmöglichkeiten in neue Räume aus dem Schaffensexil: in der Tiefe des Bildes findet Cameron offenbar den Mut, sich endlich wieder einem Publikum zu stellen. Das neue alte Gimmick des Kinos wirkt Distanz zersetzender denn je, und "Avatar" ist schwer, zumindest aber anders zu beurteilen in seiner digitalen Ästhetik und Dreidimensionalität – er läuft nicht Gefahr, in Konkurrenz mit "Titanic" treten zu müssen. Gewiss nicht.

Cameron entwirft, mit aller Sensibilität, Melancholie und Beherztheit, eine filmische Natur, in der man feinste Blüten, wunderbar fluoreszierende Blätter und schönste Flugtiere bestaunen kann! Dass der Mann, der einst noch für ein Kino aus Schwermetall ("Terminator"), aus kybernetischen Kräften ("Terminator II") und wuchtigem Militärgeschütz ("Aliens") stand, mit geradezu sinnlicher Akribie digitale Naturbilder erschafft, die nicht selten die Grenzen zum Kitsch überschreiten, das verwundert nach dem Gefühlsklopper "Titanic" erst einmal nicht. Eher schon irritiert, dass Cameron in "Avatar" gänzlich vom Kampf der friedlichen Ökologie gegen gewaltsame Maschinen erzählt, und dabei gar noch Umweltbotschaften auf den Weg gibt: Das harmonische Waldvölkchen der Na'vi nämlich muss sich gegen böswillige Militärs mit imposanten Waffen zur Wehr setzen, um ihre Flora und Fauna zu schützen. Cameron erweist sich dabei als geradezu grüner Ideologe, der mit den Na’vi tanzt.
Die blauen Wesen haben gelbe Zähne und schicke Flesh Tunnels, erweisen sich trotz ihrer bedrohlichen Erscheinung jedoch als esoterische Sensibelchen, die in sektengleichen Massenzeremonien einer gigantischen, wurzelartigen Lichtquelle zu Fuße liegen – mein Freund, der Baum. Klanglich verhält sich der Film zu diesem in violetten und rosafarbenen Tönen getünchten Bilderreigen ("The Abyss") mit einer hübsch gejaulten Ethno-Beschallung durch James Horner, der immer wieder den gleichen schönen simplen Soundtrack recyceln darf. Selten war seine Musik von einer so banalen, wenig tragfähigen und verkennbaren Qualität – für die Ohren zumindest hat "Avatar" nicht viel Neues zu bieten.

Was aber eigentlich hat dieser Film überhaupt (Neues) zu bieten, wo er doch irgendwie als so etwas wie die sinnästhetische Revolution des Kinos angekündigt und vermarktet wurde? Diese Frage mag Grund sein, warum man nach knapp drei Stunden aus dem Kinosaal torkelt und mehr über die 3D-Brillenabdrücke auf der Nase, als das eben Gesehene nachdenken möchte. Denn "Avatar" ist letztlich ein Film der Widersprüche: Die visuellen Effekte suchen ihresgleichen, die Motion-Capture-Animation war noch nie so überzeugend, die künstlichen digitalen Naturbilder noch nie so real. Das hat man so tatsächlich noch nie gesehen, und doch überrascht Cameron an keiner Stelle seines Films. Die Gut-Gegen-Böse-Geschichte ist mindestens so alt wie die Technik neu sein mag, die Dramaturgie so dünnflächig wie die visuellen Attraktionen im Überfluss. Das alles Innovative dieses Films letztlich dem Computer entstammt oder zumindest auf ihn zurückzuführen ist, während Handlung und Figuren archetypischer und langweiliger nicht sein könnten, macht "Avatar" bestenfalls zu einer CGI-Öko-Fabel im Ethno-Takt. Oder auch ganz schlicht zum bisher dürftigsten Film von James Cameron – so beeindruckend und so egal.

50% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN


70% - Zweitsichtung

Dezember 16, 2009

News: ALICE IN WONDERLAND - Trailer #3


Der dritte Trailer. Sieht alles schon viel deutlicher, runder, besser aus. Hier in groß.

Dezember 15, 2009

News: GOLDEN GLOBES 2010 - Nominees


Das extrem dürftige Kinojahr spiegelt sich auch in den Nominierungen wieder. Teilweise völliger Quark. Aber die kuriose Foreign Press nimmt eh kaum jemand ernst - eigentlich weiß sogar niemand wirklich, wer die überhaupt ist. Am 17.01.10 werden die Globes verliehen.

Dezember 12, 2009

Kino: THE PRINCESS AND THE FROG

Nachdem die Disney-Animationsschmiede Ende der 90er Jahre in eine finanzielle und vor allem kreative Schaffenskrise rutschte, die viele billige Sequels zu hauseigenen Meisterwerken für den Videomarkt und nur noch einige wenige Kinofilme von durchwachsenem Erfolg mit sich brachte, sah man sich auch angesichts der immer populäreren Animation aus dem Computer gezwungen, den klassischen Zeichentrickfilm aufzugeben. Gegen die CG-Tricksereien von DreamWorks und Co. wollte sich Disney jedoch nie so wirklich durchsetzen, und so überrascht es nicht, dass sich das Studio nach dem Einkauf des Quasi-Konkurrenten Pixar nun wieder auf jenes Handwerk berufen wissen möchte, mit dem es jahrzehntelang Filmgeschichte schrieb. John Lasseters erster Amtshandlung, alle Direct-to-Video-Fortsetzungen einzustellen, folgte sogleich die zweite: Die Produktion eines neuen klassischen Zeichentrickfilms, eines Musicals.

In der Geschichte von "Küss den Frosch" verschlägt es die erste afroamerikanische Prinzessin des Disney-Universums in die Sümpfe Louisianas, wo sie gemeinsam mit Prinz Naveen alles unternimmt, um wieder ein Mensch zu werden – die hübsche Kellnerin, noch eine Prinzessin in spe, ist nach einem Kuss des verwandelten Traumprinzen genau wie er zum Frosch mutiert. Als quakendes Pärchen wider Willen lernen sie tapfere Wegbegleiter kennen, entkommen dem bösen Fluch des Voodoo-Magiers Dr. Facilier und landen nach einigen Hindernissen natürlich doch noch in ihren richtigen Armen. Die Handlung derlei Märchen ist so unbedingt vorhersehbar wie zweitrangig, denn natürlich wissen Ron Clemens und John Musker, ihrerseits etablierte Disney-Hasen, dass die altmodische Animation, quirlige Sidekicks und eingängige Musicalnummern die Trümpfe ihres Zeichentrickfilms bilden.

"Küss den Frosch" ideologisch durch die Mangel zu nehmen, erscheint bei einem Traditionsunternehmen überholter Wertvorstellungen wie Disney gewiss müßig. So gewinnt der Film weder durch seine erstmalige Besetzung einer schwarzen Prinzessin in der Hauptrolle, wie er durch den hinreichenden Gebrauch entsprechender Südstaatenklischees verlieren mag. Er ist schlicht als vergnügliche Einladung zu nostalgischen Erinnerungen zu verstehen: Ganz offensiv knüpft der Film an die Magic Moments der Disney-Geschichte an, mit einer wundervollen Jazz-Musik von Randy Newman. Die Animation überrascht dabei mehr als einmal, besonders in der herausragenden Dinner-Sequenz im Art-Deco-Stil. Nicht so fein und detailliert wie in den frühen Produktionen des Studios zwar, aber auch weitaus weniger klobig und grob als die Arbeiten der späten 80er und frühen 90er Jahre. Dass die Zeichner dabei nicht gänzlich auf die Unterstützung des Computers verzichten konnten, verrät indes jedoch auch einiges über die allzu betonte Rückbesinnung auf den klassischen Trickfilm.


70% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Dezember 10, 2009

Kino: ZOMBIELAND

"In einer Welt, in der die Toten ins Leben zurückkehren, hat das Wort Probleme nicht mehr die Bedeutung wie früher.", grummelt Dennis Hopper in George Romeros vierter Zombieepisode "Land of the Dead" – nach Farmer- und Kaufhaus und stickigem Militärbunker zogen die Untoten hier schließlich gleich durch ganz Amerika, um die Welt mit ihrem Hunger nach Menschenfleisch zu erobern. Romero, der geistige Urvater aller lebenden Toten, hat mit seinen Dead-Filmen nicht nur ästhetisch die Prinzipien des Genres festgelegt. Selbst in betont unernsten Slapstickverneigungen halten sich blutjunge Filmemacher über 40 Jahre nach der "Night of the Living Dead" noch an dessen Regeln.

So auch im neuesten Lebende-Tote-Abenteuer, in dem die Zombieseuche, analog zur Schweinegrippe durch BSE hervorgerufen, die Erde gänzlich erfasst hat: "United States of Zombieland" ist der von Chaos und Zerstörung dominierte Schauplatz der Apokalypse. Nur wenige Überlebende streifen durch das Land, auf sich gestellt oder in kleinen Gruppen führen sie einen Kampf ums Überleben. Und das bedeutet nicht nur die Beseitigung dutzender gieriger Zombies, sondern auch die Suche nach allmählich verfallenden Lebensmitteln. Logisch.

In "Zombieland" gelten demnach strenge Regeln. 33 an der Zahl hat der Computer-Nerd Columbus (Jesse Eisenberg) aufgestellt, um sich im Paradies der Untoten zurechtfinden zu können. Angefangen hat es beim World-of-Warcraft-Zocken, als ihn das hübsche Nachbarsmädchen ganz plötzlich auf den Leib rücken wollte – seit dieser ersten Erfahrung mit dem anderen Geschlecht kämpft sich Columbus durch ein von Zombiehorden überwandertes Heimatland, um seine hoffentlich noch nicht infizierten Eltern zu finden. Getreu Regel Nummer 17: Don’t be a hero.

Auf seiner, man beachte den Namen, Entdeckerreise trifft der junge Angsthase Columbus auf den mürrischen Cowboy Tallahassee (Woody Harrelson in einer sanftmütigen Parodie seiner "Natural Born Killers"-Rolle) und ein cleveres Schwesterpärchen, das die beiden Kerle ordentlich in Schach hält. Gemeinsam mit der attraktiven Wichita (Emma Stone) und der kleinen Little Rock (Abigail Breslin, die sich erfolgreich von ihrem nervigen "Little Miss Sunshine"-Image gelöst hat) machen sich die vier schließlich auf in einen Vergnügungspark – warum bei aller landesweiten Totengräberstimmung nicht ein wenig Achterbahnfahren?

"Zombieland" ist so etwas wie die US-amerikanische Antwort auf Edgar Wrights "Shaun of the Dead". Wie dieser versteht er es, die Regeln des Genres zu hinterfragen und nichtsdestotrotz einzuhalten, zwischen augenzwinkernder Hommage und eigenständigem Horrorspaß zu balancieren, und bei allen Referenzen und Bezügen nicht zum bloßen Zitat zu verkommen: Regisseur Ruben Fleischer versteht es vorbildlich, eigenständige und nicht völlig überzeichnete Figuren in ikonische Bilder einzubetten, die nicht bei jeder Gelegenheit banaler Ironie erliegen.

Bereits zu Beginn legt der Film ein enorm hohes Tempo vor, das er durch seine stimmige Mischung aus treffsicheren Gags, skurrilen Typen und überraschenderweise sogar ein wenig Tiefgang bis zuletzt hält. Die Titelsequenz ist für sich genommen schon das Eintrittsgeld wert, zu Metallicas "For whom the bell tolls" (woah!) wird der Zuschauer ins Zombieland geworfen, wo es nicht immer nur komisch, sondern durchaus auch eklig zugeht – Freunde von beinhartem Zombie-Splatter werden mit dieser eher sympathisch-harmlosen Komödie allerdings nicht unbedingt glücklich werden.

Diese dürften sich womöglich allein schon vom unerwartet melancholischen Tonfall des Films abgeschreckt fühlen. "Zombieland" erzählt über weite Strecken eher die Initiationsgeschichte eines schüchternen Losers, der sich mit Mädchen schwer tut und von Panikattacken geplagt wird. Der Coming-of-Age-Einschlag befördert die bluttriefenden Zombies dabei nicht selten auf die Ersatzbank, wenn sich Fleischer immer wieder die Zeit nimmt, seinen Figuren kleine charakterliche Momente einzuräumen.

Gerade die in diesem Genre sonst stark ausgeprägte Tendenz, alles zu stilisieren und mit einer ausgestellten Coolness zu unterstreichen, lässt "Zombieland" glücklicherweise vermissen – er schöpft sein Unterhaltungspotential vor allem aus den Stärken seiner liebenswürdigen Viererbande und charmanten, nicht zwanghaft pointierten Dialogen. Als das Gespann auf seinem Weg in den Vergnügungspark schließlich Zwischenhalt in einer Villa bei Los Angeles macht, wartet der Film zudem mit einem ebenso unerwarteten wie köstlichen Cameo auf, der hier des Spaßes wegen nicht verraten werden soll.


65% - erschienen bei: gamona

Dezember 07, 2009

Zuletzt gesehen: WATCHMEN

Thematisch und visuell ebenso stark überfrachtete wie zunehmend uninteressante Adaption der tiefsinnigen Superheldenreflexion Alan Moores, bei der Zack Snyder mitunter eindrucksvoll die Bilder der Vorlage verknüpft, ohne jedoch jemals eine gedankliche, erzählerische oder einheitliche Ordnung herzustellen. Sichtlich überfordert von der Komplexität des Comics weicht der Film den mitunter kritischen und offensiven Referenzen an die Comicgeschichte aus und verfällt in protzige Popkulturverweise, die stets falsche Verbindungen knüpfen: Die Haltung der Vorlage zum Superhelden als fragwürdiges Popphänomen gerinnt bei Snyder durch schmucke Ohrwürmer und infantile Filmzitate zum Gegenteil – seine Watchmen sollen als konventionelle Identifikationsfiguren taugen. Dem fügen sich ansehnliche, den Mainstream-Gewohnheiten zuspielende Action- und Härteeinlagen, die den philosophischen Fragen des Comics nur noch einen banalen Verhandlungsraum lassen, den Snyder in Dialogen zu finden glaubt, die so redundant wie ungelenk wirken. Ein an der filmischen und konventionellen Form gescheitertes Projekt, dem es gehörig an intellektuellem Willen fehlt.


40%

Dezember 02, 2009

Kino: SAW VI

Es ist das derzeit einzige wirkliche Horror-Franchise: Auf einen neuen "Saw"-Film ist jedes Jahr Verlass, und gewiss, die beständigen Folter-Sequels um den Jigsaw-Killer stehen damit in einer nostalgischen Genretradition, die von Slasher-Vorgängern wie der einst endlos erscheinenden "Freitag, der 13."-Reihe ambitioniert begründet wurden. Die schwankende Qualität der jeweiligen Episoden liegt dabei in der Natur der Sache – nach einem gar nicht so uncleveren fünften ist der sechste "Saw" -Teil nun wieder Business as usual: Vertrackt erzähltes, sich selbst wiederholendes, ausgestelltes Metzel- kino.

Interessant an den schnell heruntergekurbelten und unverschämt erfolgreichen Filmen der Serie ist der Umstand, dass sie sich ihres meuchelnden Helden bereits im dritten Teil entledigt hatte. Das Markenzeichen der "Saw"-Fortsetzungen also, der greise Jigsaw-Mörder, spielt faktisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Autoren hat das im vierten der stets schlicht ohne Zusatz nummerierten Filme zu einem neuen Konzept angeregt, nach dem der Killer seine Aufträge quasi aus dem Jenseits weit über seinen Tod hinaus erteilt.

So stellte uns "Saw IV" einen Jigsaw-Nachfolger vor, der mit Ton- und Videobändern des längst verstorbenen Serienmörders operiert und dessen Gräueltaten nun munter fortsetzt – eine logistische Meisterleistung! Tobin Bell, der Star der "Saw"-Filme, tauchte seither jedoch immer wieder in Rückblenden (und hier auch Visionen) auf, die schließlich bis zum ersten Film der Serie reichten und alles noch einmal in einem anderen Licht erscheinen ließen.

"Saw V" stellte dann innerhalb der Vorgänger gänzlich neue Bezüge her und schaffte in eindrucksvoll verwobenen Parallelplots weitere konfuse Zusammenhänge, die sich angesichts zahlreicher neuer Figuren und Gesichter wohl nur Hardcore-Fans der Serie gänzlich erschlossen haben dürften. Mit der Logik durfte man es dabei nie so genau nehmen, immerhin erscheinen die sorgfältig durchgeplanten Rätsel und Fallen des vor seinem Tod schwer krebskranken Jigsaws geradezu absurd.

Regisseur Kevin Greutert, bisher als Cutter in der "Saw"-Familie tätig, knüpft nun erwartungsgemäß genau dort an, wo der fünfte Film endete: Detective Hoffman setzt die Arbeit des Jigsaw-Killers im Geheimen weiter fort, während ihm seine Kollegen allmählich auf die Spur kommen. Ein weiterer Erzählstrang widmet sich abermals diversen Flashbacks, die die Vergangenheit seines toten Auftraggebers beleuchten, auch wenn es da nunmehr nicht allzu viel zu beleuchten gibt – die Geschichte des Jigsaws ist längst zu Ende erzählt, erstmals wirkt er hier vollkommen deplatziert und handlungsirrelevant.

Da natürlich auch saftige Foltereinlagen nicht fehlen dürfen, verschreibt sich der dritte Plotteil des Films einem egoistischen Direktor einer Krankenversicherung, der sich mühsam durch (allmählich wenig originelle) Fallen und Todesapparate kämpfen muss, die ihm diverse Entscheidungen über Leben und Tod abverlangen. Und weil auch die "Saw"-Serie die Wirtschaftskrise offenbar nicht unkommentiert lassen möchte, dürfen in der obligatorischen Exposition dieses Mal zwei Kredithaie um ihr Leben kämpfen: Wer sich das meiste Fleisch selbst abschneidet und in eine Waagschale wirft, erhält des Mörders Gnade. Prost.

Glücklicherweise ging mit dem Ableben des Jigsaw-Killers im dritten Film der Reihe auch der fragwürdige moralische Tonfall zurück: Die permanenten Ethik-Weisheiten über Leben und Tod oder Schuld und Unschuld verhüllten nicht nur scheinheilig die exploitative Absicht der auf sadistisch-fröhliche Splatter-Unterhaltung abzielenden Serie, sondern sorgten insbesondere in "Saw III" für einen unangenehm menschenverachtenden Beigeschmack. Genau genommen also haben die Filme durch den Verlust ihres Helden nur gewonnen.

"Saw VI" schließlich hat den Jigsaw-Nachfolger erfolgreich etabliert, der charismatische Hoffman ist kein Mann vieler Worte und tatsächlich auch bedrohlicher und undurchsichtiger als sein Vorgänger. Doch wie man schon in der letzten Fortsetzung vermuten durfte, ist auch er vielleicht nur ein Teil des großen ausgetüftelten Jigsaw-Plans. Und was dieser seiner Frau in der fünften "Saw"-Schlachtpalette in einer Box vermachte, wird jetzt ebenso enthüllt wie diverse Geheimnisse der eigentlich ebenfalls längst abgetretenen Amanda – sozusagen der weiblichen Konstante in der Serie.

Ansonsten bleibt alles beim Alten: Große Veränderungen sind bekanntlich Franchise-Killer, und die Variation des ewig Gleichen ist ein Grundprinzip postmoderner Horrorserien. Insofern wechseln sich auch in "Saw VI" bluttriefende Goreeinlagen, die in der deutschen Kinofassung zumindest noch unberührt blieben, wirr konstruierte Rückblenden und sinnfrei erklärte Handlungsmotive beliebig ab. Das ist trotz des Erfolges noch immer erstaunlich minderwertig produziert und inszeniert, aber nach wie vor leidlich unterhaltsam.


45% - erschienen bei: gamona