Mai 13, 2009

Kino: THE LAST HOUSE ON THE LEFT

Einmal mehr wird ein einstiger Undergroundstoff seinem zeitlichen und räumlichen Kontext entrissen und für die immer noch fraglich hochkonjunkturelle Unkultur zeitgemäßer, auf ein klar abgestecktes Teenager-Publikum hinproduzierter Horror- Remakes, die in ihrer deutlichen formalen Abgrenzung der Vorbilder nach allen Regeln der Kunst die Gesetze des Mainstream-Kinos wahren, umgemodelt und vermeintlich aufgefrischt. Interessanterweise versuchte sich bereits der originale "Last House on the Left" an einer Interpretation seines Referenzvorbildes, der "Jungfrauenquelle" Ingmar Bergmans, dessen religiöses Meditieren über Verlust und den Willen Gottes er gegen eine kühne, rücksichtlose und von studentischem Übereifer gekennzeichnete Gewaltballade eintauschte.

Verhielt sich Wes Cravens frühe Regiearbeit zu ihrem Bezugsobjekt noch wie die naiv-intellektuelle, zumindest aber überaus geistreiche und im Anliegen deutlich gesellschafts- politische Umkehrung des Bergman-Films, also einer Low-Budget-Neubearbeitung mit freimütigen Akzent- verschiebungen, so begnügt sich Dennis Iliadis’ in der 2009er-Version des Materials größtenteils auf das brave Nachstellen jener einst verstörend bösen Bilder Cravens, die in ihrer jetzigen aalglatten Berechenbarkeit bestenfalls ein wenig Popcornrascheln beim pubertierenden Publikum garantieren.

Die Rape-and-Revenge-Geschichte ist demnach die gleiche: Zwei unschuldige Bikini-Miezen vom Land geraten in die Fänge einer wüsten Großstadtbande, werden erst vergewaltigt und gefoltert, um anschließend einen qualvollen Tod sterben zu müssen. Unglücklicherweise sucht die mörderische Gang daraufhin nächtlichen Unterschlupf im Waldhäuschen jener Eltern, deren Töchterchen sie soeben Fluss abwärts elendig verenden haben lassen. Diese entpuppen sich dann, ganz so wie 1972 bei Wes Craven, hinter bürgerlicher Glitzerfassade als eigentliche Barbaren und führen gegen die Peiniger ihres Kindes einen genüsslichen Rachefeldzug – mit allem, was der eheliche Werkzeugschuppen so herzugeben hat.

Iliadis hat es, bei allem, was diese Neuverfilmung entschärfend an Änderungen vornimmt, immerhin verstanden, der zweiten Hälfte einen größeren Bedeutungs- und Spielraum zuzugestehen, um so zumindest die Essenz des Originals – das hinter US-amerikanischer Vorgartenidylle erst das wahrhaft monströse Gewaltpotential der Gesellschaft ausmachen und sich im Kontext der Hippiebewegung somit wohl gar als ironisch verstanden wissen wollte – auf logistischer Ebene wiederherzustellen. Doch verliert die, augenscheinlich deutlich explizitere, Meucheljagd der Eltern in dieser Neuauflage alles von ihrer symbolischen Bedeutung: Vom aufgebrachten Geist Cravens ist freilich ohnehin nichts mehr zu spüren (und der Verlust des bissigen Kommentars allein durch die Nicht-Reproduzierbarkeit der tief in den 70ern verwurzelten Vorlage erklärt), doch tut sich das Remake mit seinem Handlungsausbau in der zweiten Hälfte keinen Gefallen.

Denn unter den vielen anbiedernden dramaturgischen Korrekturen weg vom unangepassten, vielleicht gar imper- tinenten Erzählstil des Craven-Films, hin zur klassischen Opfer-Täter-Verteilung, wie sie das Mainstream-Format auf ein erträgliches, will heißen: beschwingtes, Unterhaltungslevel einpendelt, wurde auch das Überleben der Tochter gesichert: Damit die Identifikationsfigur das Ende des Films miterleben und dafür verletzt aus dem Fluss schwimmen darf. Dass das grotesk-brutale Abrechnen mit den Kindstötern – bzw. Nichttötern – dadurch keiner wirklichen Logik mehr, geschweige denn Aussagekraft folgt, liegt auf der Hand. Nur, und das ist das eigentlich perfide dieses weiteren sinnlosen Remakes eines 70er-Jahre-Genreklassikers, wirkt all die ausgestellte Gewalt – so glatt gebügelt und wenig schockierend sie auch erscheinen mag – dadurch nur umso unnötiger: Was einst einen subversiven Geist versprühte und bedauerlicherweise noch immer die Zensuranstalten beschäftigt, wirkt heute nur noch sinnentstellt, dümmlich und reichlich menschenverachtend. Nicht zuletzt der haltlose Epilog dieses neuerlichen "Last House on the Left" erweist sich dabei als ebenso einfältig wie verräterisch.


30% - erschienen bei den: FÜNF FILMFREUNDEN

Kommentare:

  1. Hätte mich auch echt gewundert, wenn da etwas ordentliches bei herumgekommen wäre.

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  2. ist der doch so gut...
    Man ist ja geneigt zu sagen: das übliche, sinnlose Horror-Remake.

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  3. Die eigentliche Existenzberechtigung besteht darin, dass Craven und Cunningham als Produzenten damit ein paar Dollar verdienen... sei ihnen gegönnt.

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  4. "Dass das grotesk-brutale Abrechnen mit den Kindstötern – bzw. Nichttötern – dadurch keiner wirklichen Logik mehr (...) folgt":

    Logisch wäre die Selbstjustiz also nur dann, wenn die Tochter auch sterben würde? Die Vergewaltigung und der versuchte Mord reichen nicht aus? Oder wie ist dein Satz zu verstehen?

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  5. Warum schnappen die Eltern sich nicht ihr Mädchen und machen sich auf und davon?

    Im Original treibt der Kindstot, synonym für den Verlust von Unschuld und Bigotterie, die bürgerlichen Vorstädter zur Kettensäge... hier ist es, bereinigt um jegliche Ideologie, einzig eine Frage von genre values und Dramaturgie - und damit sinnlos.

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  6. Naja, das kann ich selbst schlecht beurteilen, wie ich als Vater reagieren würde, wenn meine Tochter halb tot und vergewaltigt in meinem Wohnzimmer liegt und die Täter im Haus nebenan schlafen. Da er sie medizinisch stabilisiert hat, empfinde ich seinen Rachedurst nicht so unlogisch bzw. ist es wohl eine Affekthandlung.

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  7. Hier, falls du mal einen ordentlichen Horrofilm sehen willst ;)
    www.youtube.com/watch?v=G55DPrCsj_s

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  8. In der Tat, der reine Horror. :)

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  9. Ja, ich hab immernoch schlechte Träume deswegen.

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  10. Ich muss sagen, ich habe ein favel für Horror-Splatterfilme und ich fand den Film ganz gut. Klar war es nichts Neues, aber ist das nicht immer so bei so Filmen? Irgendwann gehen doch auch mal die Themen aus und das war ja auch ein Remake, also noch andere Geschichte. Letzen Endes muss ich sagen, dass hier doch das volle Programm vertreten war, von Vergewaltigung bis Gesplatter....

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  11. Na wahnsinn, das volle Programm!

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