Februar 08, 2009

BERLINALE 2009 - Einmal Teddy, bitte.

City of Borders (USA, 2009)

Die in Korea geborene und in den USA lebende Regisseurin Yun Suh besucht und begleitet in diesem Dokumentarfilm fünf völlig unterschiedliche Menschen, die sich alle regelmäßig in der einzig queeren Bar Jerusalems, dem Shushan, einfinden. An diesem Ort werden all jene gesellschaftlichen, sozialen, religiösen Grenzen aufgehoben, die sonst ihre Leben bestimmen – hier treffen schwule und lesbische Palästinenser auf Israelis. Die heilige "Stadt der Grenzen" nutzt Suh dabei für eine ebenso spannende wie geistreiche Meditation über den Nahostkonflikt, die Rechte von Minderheiten und reli- giösen Fundamentalismus. Sie hat dafür facettenreiche Menschen gefunden, die Unfassbares zu berichten wissen, und die diesen logistisch unheimlich kompliziert inszenierten Film zu einem enorm wertvollen Diskussionsbeitrag machen.

80%


Queer Sarajevo Festival 2008 (BA, 2009)

Die Doku schildert die haarsträubenden Vorbereitungen für das erste schwul-lesbische Festival in Bosnien-Herzegowina, das gegen alle Widerstände mehr schlecht als recht über die Bühne gebracht wurde. Von den Behörden zwar genehmigt, sahen sich die Veranstalter ständigen Drohungen ausgesetzt, die schließlich in Gewaltübergriffe übergingen. Der Film bietet ihnen ein Forum, ihre schwierige Arbeit vorstellen und auf die unzulängliche Arbeit von Regierung und Polizei hinweisen zu können. Die Inszenierung ist äußerst spartanisch, doch der Zweck heiligt die Mittel.

60%


Gevald (IL, 2009)

Netalie Brauns Kurzfilm-Musical ist eine sehr persönliche und ausgefallene Momentaufnahme: Als Ergänzungsstück zu "City of Borders" zu verstehen, blickt der Film einen Abend in das Innere des Shushans, der einzigen queeren Lokalität in Jerusalem. In 16 Minuten fängt der Film alle Sorgen, Zweifel und Ängste der Menschen ein, die für ihre Selbstver- wirklichung mitunter ein lebensgefährliches Risiko auf sich nehmen. Der Film ist eine bezaubernde Liebeserklärung an einen magischen Ort, der 2007 von der Bildfläche verschwand.

70%

End of Love (CN, 2008)

Die spannendsten queeren Filme kommen derzeit aus Korea, Thailand oder China, zumindest war das meine bisherige Beobachtung. "End of Love" von Simon Chung allerdings ist schlimmstes schwules Panorama-Material, das seine amateur- hafte Inszenierung an einer völlig abgestandenen Geschichte ausprobiert. Ein grauenvoller Schmu als nichts sagendes Digicam-Melodram. "My film is more close to Fassbinder than to Ozu", hieß es im Anschluss, als noch ca. zwei Dutzend Zuschauer auf eine Rechtfertigung warteten.

20%


Tanjong Rhu (The Casuarina Cove) (SG, 2008)

Abschlussfilm einer Filmuniversität in Singapur, der sich als erster mit den rechtmäßigen Verhaftungen von Schwulen in Cruising-Areas bis Mitte der 90er-Jahre im eigenen Land beschäftigt. Mit einer platten Verhör-Rückblenden-Struktur ist der Kurzfilm um sinnliche Bilder bemüht, die allesamt ambitioniert sein mögen, aber eigentlich nichts zu vermitteln wissen. Ein Wikipedia-Eintrag über die Vorfälle besitzt vermutlich einen höheren Mehrwert.

40%


Kommentare:

  1. Mit Kurzfilmen tu' ich mich immrt schwer, nicht wirklich so mein Ding.

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  2. Mottotag oder was? :D

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  3. @spidy:

    Wenn ein Film schlecht ist, was ja nicht selten vorkommt, wünsche ich mir öfter es wäre ein Kurzfilm. ;)

    @Anonym:

    Nix Mottotag, Mottowoche.

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  4. Ja klar, wenn ein Film schlecht ist, wäre es nur von Vorteil, wäre dieser dann ein Kurzfilm :-).

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  5. Soviel ich mitbekommen habe, wurde City of borders von den Lesern der Siegesäule mit einem Preis bedacht.

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  6. Ja, dem Leserpreis.

    Die Jurybegründung: „Am I fucking the enemy?“ ist einer der eindringlichsten Sätze in City of Borders von Yun Suh. Gedanken eines lesbischen Pärchens beim Sex. Eine ist atheistische Palästinenserin, die andere jüdische Israelin. Brandaktuell und nie schwarz-weiß zeigt der Film die komplexen und vielschichtigen Lebensrealitäten queerer Menschen in Israel/Palästina. Sie werden bekämpft, diskriminiert und erhalten Morddrohungen von Fundamentalisten, egal welcher Religion. Trotzdem eröffnen sie heimliche Treffpunkte, gehen für ihre Rechte auf die Straße und bieten vor der Kamera intime Einblicke in ihren Alltag.
    Die Siegessäule-Jury war tief beeindruckt von dem Mut der Filmemacherin und aller Progatonisten und Protagonistinnen in City of Borders.

    Das Preisgeld in Höhe von 1000 Euro stiftet die Regisseurin der palästinensischen Lesbenorganisation ASWAT

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