Februar 29, 2008

Kino: JUNO

"Thank god for teenage pregnancy!", resümierte Oscar- moderator Jon Stewart scherzhaft beim Blick auf die nominierten Filme des Kinojahres 2007, die sich in ihrer Schwermütigkeit selbst zu übertreffen schienen. Dabei behandelt Jason Reitmans Independentkomödie "Juno", die in den USA zum Überraschungserfolg reifte, ein nicht nur in seinem etwas pikierten Heimatland strittiges Thema, nämlich eben die Schwangerschaft einer Minderjährigen, das dem durchschnittlichen US-Kinobesucher durchaus die ein oder andere Zornesfalte, zumindest aber Schamesröte ins Gesicht zaubern dürfte. Immerhin haben Jugendliche in Amerika offiziell ja ohnehin keinen Sex, aus vielen Perspektiven nicht einmal eine Sexualität. Die gedoppelte Moral eines Landes, das Sex im öffentlichen Leben tabuisiert, gleichzeitig jedoch über die einträglichste Pornoindustrie der Welt verfügt, sei an dieser Stelle nicht weiter vertieft, sie ist bekannt – und bildet gerade deshalb einen interessanten Hintergedanken, wenn man sich die 130 Mio. Dollar vor Augen führt, die der nur sieben Mio. Dollar teure Film allein in den USA eingespielt hat.
 
Zwei Erklärungsversuche bieten sich an: Der Film trifft einen Nerv, indem er mit der allgemeinen Verschwiegenheit bricht. Eine 16jährige schläft mit einem Jungen, ohne Reue, dafür Selbstbewusstsein und frechem Mundwerk. Dann hatten sie zu allem Übel auch noch ungeschützten Verkehr, das Mädchen, Juno heißt sie, wird kurze Zeit später schwanger. Ein Schreckensszenario, verpackt als leichte alternative Teenagerkomödie. Indem "Juno" seinen Figuren also ganz selbstverständlich eine Sexualität im adoleszenten Alter zuspricht, ignoriert er das Bild des asexuellen Jugendlichen und dürfte verlockend sein für ein Publikum, das sich zumindest noch im Kino auf die ein- oder andere Wahrheit einstellen darf. Gleichzeitig könnte der Erfolg des Films, der fast ausschließlich auf Mundpropaganda zurückzuführen ist, auch mit seiner moralischen Haltung zum Sujet erklärt werden – und hier bietet "Juno" Grauzonen für illustre Deutungs- versuche: Zu konservativ und verlogen, scheinheilig und getarnt sei er (sagen die einen), und ebenso erfreulich zurückhaltend wie wertfrei, unkonventionell und ehrlich (sagen die anderen).
 
Reitmans Film über derlei Muster abzugleichen, erweist sich jedoch als unnötig. Der Film ist zu sehr seiner individuellen, durchaus ungewöhnlichen Geschichte verschrieben, als ihm exakt berechnete ideologische Implikationen nachgesagt werden könnten. "Juno" nämlich widerspricht sich in dieser Hinsicht vielfach selbst: Zwar thematisiert er die erstaunlich gesetzte, um nicht zu sagen altmodische Lebensvorstellung einer 16jährigen, deren Wertvorstellungen sich nur schwer mit ihrer unangepassten Quirligkeit vereinbaren lassen, gleich- zeitig löst er die grundsätzlich sicherlich als biederen Entwurf lesbare Geschichte mit unherkömmlichen Methoden auf. So findet die – abgestrichen an der Realität – plausibelste ‚Problemlösung’ Abtreibung eher einen verächtlichen Ausdruck, gleichzeitig wird die Schwangerschaft der Titelfigur als völlig unproblematisch skizziert, was der Sichtweise eines Moralhüters durchaus zuwiderlaufen dürfte. Juno möchte ihr Kind bekommen, ohne großes Brimborium, ohne wirkliche Krise, denn sie hatte einfach Sex, und ebenso wie sie dies eigenmächtig entschied, wird sie auch mit den Folgen zurechtkommen.
 
Was als scheinheilig gedeutet werden kann – heiter und locker inszeniert, erzählt der Film die Geschichte eines minderjährigen Mädchens, das ihr Baby um jeden Preis an eine intakte Adoptivfamilie abgeben möchte – ist vielleicht doch nur das längst überfällige Zugeständnis an eine autarke, selbst bestimmte Jugendliche, die sich zurecht gegen ein autoritäres Umfeld zur Wehr setzt. Und auch wenn Juno ihr Kind nicht selbst aufziehen möchte – und warum sie dies nicht will oder überhaupt könne, ist sicher eine berechtigte Frage, die der Film nicht beantwortet! – differenziert spätestens das Bild der schlussendlich allein erziehenden Adoptivmutter das vermeintlich scheinheilige Konstrukt. Der Film ist hier viel zu ambivalent strukturiert, als dass diese Diskussion in dem Maße, wie sie derzeit geführt wird, eine ernsthafte Berechtigung haben würde.
 
Tatsächlich ist "Juno" aus ganz anderen Gründen kein guter Film. Leider. Denn Reitman hat die eigene Messlatte mit seinem Regiedebüt "Thank you for Smoking" hoch angesetzt. In der Komödie über spinning-Gesellschaften bewies er erstaunliches Durchhaltevermögen – von der der ersten bis zur letzten Minute verlor er nie den Biss, der Film war auffällig rund und stilsicher in Szene gesetzt, mit einem klaren Konzept und pointiertem Witz. Dass er zudem nicht der mittlerweile gängigen (und am inoffiziellen Tod der Filmkomödie maßgeblich beteiligten) allgemeinen Rührseligkeit verfiel, die alle Schärfe auf den letzten Metern für Kitsch und Konsens aufgibt, erinnerte ihn an klassische Hollywood- komödien, ja, manche ernannten Herrn Reitman sogar schon zum Mininachfolger von Billy Wilder (und die Schlusseinstellung in "Juno" erinnert vielleicht nicht von ungefähr an "The Apartment").
 
Der Film ist aber schlicht zu nichtig, das Drehbuch von Debütantin Diablo Cody (paradoxerweise mit dem Oscar prämiert) sogar eine mittelschwere Katastrophe. Es findet bis auf die Handlung steuernde Schwangerschaft keine Höhepunkte und verdichtet seine dramatischen Stränge nicht. Besonders im mittleren Teil des Films hängt das Geschehen im nirgendwo, weiß nicht wohin es steuern und was es bewirken soll. Viele Szenen wirken plump und nicht aufeinander abgestimmt, einen wirklichen Rhythmus findet "Juno" schon gar nicht. Cody stolpert hier streng genommen über nahezu jeden Anfängerfehler, was nur im Kontext von Reitmans ungemein souverän gehaltener, flotter und das Schlimmste bewältigender Regie übersehen werden kann. Die Schreibe bleibt dennoch die Krux des Films, und insbesondere die Heldin Juno wirkt so konstruiert und unglaubwürdig, dass man durch sie hindurch ständig die Autorin zu vernehmen meint. Wenn das hippe 16jährige Mädchen dann beständig aus Musik von vorgestern und Filmen von vorvorgestern zitiert, wird hier fast penetrant der persönliche Geschmack ihres Alter Egos Cody abgehakt. Die Dialoge sind dabei affektiert und wirken zu jeder Zeit überlegt, durchdekliniert und aufgeschrieben, werden von allen Figuren gleich aufgesagt und machen nur einen aufgesetzten, koketten Eindruck. Schlimmer noch ist der gesamte Film unglaublich erwachsen geschrieben und macht sich nicht einmal die Mühe, sich auf Augenhöhe seiner Figur zu begeben. Das führt letztlich zum enttäuschenden Resümee, dass die zuweilen nervige Altklugheit von Juno, der Figur, nur noch von der beständig nervigen Altklugheit von "Juno", dem Film, überboten wird.


40%

TV: Fernsehtipps vom 01.03. - 07.03.2008

Samstag, 01.03.

23:45 Uhr – The Fog

Unnachahmlich photographierter, höchst atmosphärischer Gruselklassiker, der durch Carpenters Gespür für subtilen Horror absolut zeitlos ist.

0:00 Uhr – Jeepers Creepers 2 (Pro7)

Fast besser als sein Vorgänger. Stimmiger Teenie-Grusel mit den beiden typischen Victor Salva-Zutaten: Extra viele Klischees und halbnackte Jungs am laufenden Band.

1:45 Uhr – 8 MM (Pro7)

Der Film ist offenbar so befremdet von dem, was er abzubilden vorgibt, dass aus einer soliden Thrillernummer im S/M-Milieu eher ein verklemmter Reißer wurde. Nichts Neues vom Schumacher.

23:45 Uhr – Die Verurteilten (BR)

Gutes Gefängnisdrama, schöner Film über Freundschaft – aber Darabonts wahres Gesicht heißt: The Mist.

Sonntag, 02.03.

16:25 Uhr – Peggy Sue hat geheiratet (K1)

Für Coppola ein kleiner Fisch, aber mit viel Liebe fürs Detail inszenierte Komödie, die ganz Kathleen Turner gehört.

22:30 Uhr – Mann unter Feuer (Pro7)

Unfassbarer Schrott, der fast wehtut. Ein zielloses Gezappel ohne Sinn und Verstand.

0:15 Uhr – Under Fire (NDR)

Sehr guter Politthriller mit einer wunderbaren Joanna Cassidy und toller Musik. Unterschätzt.

Montag, 03.03.

21:00 Uhr – Der Unsichtbare Dritte (Arte)

Wer braucht James Bond, wenn man Cary Grant haben kann?

Dienstag, 04.03.

21:45 Uhr – To Die For (BR)

Sehr gute Medien-Satire. Obwohl von Gus van Sant.

Mittwoch, 05.03.

22:20 Uhr – Desperado (K1)

Aufwendigeres Remake von Rodriguez’ erstem Erfolgsfilm, ganz seiner zwischen coolem Gepose und harten Shoot Outs angesetzten Ästhetik verschrieben. Gekürzt.

0:35 Uhr – Weekend (ARD)

Filme von Godard sind wie ein nicht enden wollender Alptraum; kaltherzige, starre Gemälde, aufgeblasen, wichtigtuerisch, prätentiös.

Donnerstag, 06.03.

23:00 Uhr – Der schmale Grat (VOX)

Einer der besten Antikriegsfilme. Sagenhafte Bilder. Hoffentlich wird er sich eines Tages aus dem Schatten des zeitgleichen, ungleich schlechteren Spielberg-Beitrags lösen können.

Freitag, 07.03.

20:15 Uhr – Mit Schirme, Charme und Melone (RTL2)

Grauenhafte Adaption der Kultserie, in jeder Hinsicht misslungen.

22:00 Uhr – Lethal Weapon 2 (RTL2)

Überflügelt den Vorgänger mit viel Action und deutlich mehr Humor. Moralisch aber alles andere als unbedenklich. Und Mel Gibson nervt.

22:55 Uhr – Last Exit Reno (3SAT)

P.T. Andersons erster Film. Kenne ich noch nicht, wird aber vorgemerkt.


Februar 28, 2008

News: Upcoming Reviews


Demnächst Filmbesprechungen zu: "Juno" (Jason Reitman), "10.000 BC" (Roland Emmerich) und "Lars und die Frauen" (Craig Gillespie).

Kino: KINOSTARTS - 28.02.2008

  • Mirikitanis Katzen (Doku, USA 2006)
  • Ossi's Eleven (Komödie, D 2008)
  • I'm not there. (Musik-Biographie, USA 2007) [Kritik]
  • Michael Clayton (Thriller, USA 2007)
  • 8 Blickwinkel (Thriller, USA 2008)
  • No Country for Old Men (Western, USA 2007) [Kritik]
  • Meine Frau, die Spartaner und ich (Komödie, USA 2007)
  • Trip to Asia: Suche nach dem Einklang (Doku, D 2008)
  • Der lange Weg ans Licht (Doku, D 2007)

Februar 26, 2008

Kurioses: Wo wir schon mal dabei sind...

Kurioses: BEHÖRDENIRRSINN

"Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street" ist 'besonders wertvoll' denn: "Wann wurden je scharfe Messer so liebevoll besungen? Wann spritzte Blut so rhythmisch zu Broadway-Melodien? Wann wurde Kannibalismus so stilvoll kultiviert?" ...

Februar 25, 2008

ACADEMY AWARDS 2008 - Rückblick

Komische Oscars waren das. Aber auch spannende, zumindest was die nominierten Filme betraf. Einer pessimistischer als der andere, kaum fröhliches, beschwingtes, erheiterndes. Nicht mal ein "Little Miss Sunshine" konnte dieses Jahr für Auflockerung sorgen, der Ersatz dafür hieß "Juno" und der behandelt immerhin ein Tabuthema, nämlich die Schwanger- schaft einer 16jährigen. Indes macht er dies ein wenig verlogen und bringt so dann doch noch ein etwas Sonnenschein in die Liste solch grimmiger bzw. deprimierender Filme wie "Michael Clayton", "There Will Be Blood", "Atonement" und "No Country for Old Men". Letzterer ging als der erwartungsgemäße Sieger hervor: Bester Film, beste Regie, beste männliche Nebenrolle, bestes adaptiertes Drehbuch. Damit kann ich leben, zugegeben. Auch wenn mir die Coens suspekt sind: Zwei Brüder, die ihr ganzes Leben zusammenglucken, aussehen, als würden sie sie nicht waschen, und zudem alles andere als liebenswert freaky, sondern eher arrogant und unsympathisch auf die Oscarbühne stolzierten. Dass der Film gelungen, aber als überschaubare Kinospielerei nicht unbedingt preiswürdig ist, verdeutlicht der Blick auf die Konkurrenz. Das Meisterwerk "There Will Be Blood" wurde von der Academy entweder nicht verstanden, oder – was wahrscheinlicher ist – nicht gemocht, stellt er doch das gesamte Grundgerüst ihres Vaterlandes in Frage. Das Abspeisen mit zwei Auszeichnungen wird dem Klassikerstatus da eher zuträglich sein.

Der wirklich große Verlierer ist für mich ohnehin David Finchers "Zodiac", der von Warner offenbar nicht beworben, einfach vergessen oder übersehen wurde. Nominierungen für Film, Regie und Ausstattung wären hier unabdingbar gewesen. Selbiges gilt für "Sweeney Todd", der mindestens in fünf weiteren Kategorien nominiert hätte werden müssen. Auch "Hairspray" tauchte gar nicht auf, ebenso wie Andrew Dominiks "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" insgesamt übergangen wurde. Wo wir schon dabei sind: Javier Bardems Frisur in allen Ehren, aber die Verkörperung einer Figur, die reine Genrekonstruktion ist, sollte nicht höher eingestuft werden als die brillante, begnadete Performance, die Casey Affleck als Robert Ford darbot. Aber ich denke einfach schnell an Pedro Almodovar-Filme zurück und die Sache bekommt einen versöhnlichen Geschmack.

Der Autorenstreik hat auch so seine Spuren hinterlassen. Jon Stewart war gut, aber er war nicht so gut wie bei seinem ersten Einsatz. Der Moderationsteil fiel insgesamt auch merklich kürzer aus, die Gags waren in Ordnung bis wirklich großartig, aber doch eher spärlich gesät.

Auf "Die Fälscher" hätte man eigentlich wetten müssen, Holocaust zieht immer, erst recht aus Deutschland (was für die Academy sicherlich gleichbedeutend mit Österreich und der Schweiz sein dürfte). In dieser Kategorie wären dennoch "Auf der anderen Seite" und sicher auch "El Orfanato" besser aufgehoben gewesen. Überraschend hingegen die weibliche Nebenrolle: Tilda Swinton und ihr Derek Jarman-Getue in allen Ehren, aber an Cate Blanchett und "I'm not there." hätte kein Weg vorbei führen dürfen – die Frau ist ein besserer Bob Dylan als Bob Dylan selbst! Und so doof, pubertär und öde "Transformers" auch sein mag, was seine visuellen Effekte betrifft, hebt der die Messlatte auf ein neues Niveau, was man vom steif getricksten "The Golden Compass" nicht behaupten kann. "Juno" wurde mit dem Drehbuch von Diablo Cody (ist das ein Name?) abgefertigt, als sentimental favourite sozusagen, und das, obwohl gerade dieses mit seinen affektierten Dialogen zu den Schwächen des Films zählt. Andererseits: Wenn Stripperinnen Oscars gewinnen können, ist Hopfen und Malz doch noch nicht verloren.

Was bleibt, sind die wahren Gewinner: "Once" und der beste Song, "Sweeney Todd" und die großartige Ausstattung von Dante Ferretti. Daniel Day-Lewis für seine Jahrhundert- leistung, "Atonement" für seinen ebenso originellen wie eingängigen Soundtrack, und "Ratatouille" für sich selbst. Fünf zufriedene Oscars, da gab es tatsächlich schon schlechtere Schnitte.

PS: Beinahe hätte ich die Geschmacklosigkeit des Abends vergessen. Wer bitte kam auf die Idee, die Oscars für den besten Dokumentarfilm (kurz/lang) von irgendwelchen US-Soldaten per Videoschaltung verkünden zu lassen? Real-Satire?

Februar 24, 2008

News: ACADEMY AWARDS 2008

Um ca. 0:30 Uhr geht's los, Teasing mit Oscar-Countdown, der Red Carpet-Show und erwartungsgemäß besonders untalentierten, inkompetenten Berichterstattern von Pro7, ehe dann um 2:30 Uhr die eigentliche Verleihung übertragen wird. Glücklicherweise hat sich der Sender hierzulande nach vielen Jahren Abstinenz Steven Gätjen wieder ins Programm geholt, den ich an und für sich als soliden Fragensteller und souveränen Filmkenner in Erinnerung habe. Man wird's sehen. Sollte Pro7 abermals auf Elmar Biebel als "Experten" setzen, wird's vermutlich besonders lustig.

Hier dann wie schon letztes Jahr die Nominierten und meine Prognosen (kursiv), nicht Wunschkandidaten (edit: Gewinner fett):

Best motion picture of the year:

  • "Atonement"
  • "Juno"
  • "Michael Clayton"
  • "No Country for Old Men"
  • "There Will Be Blood"
Ich habe bis letzte Woche auf "Atonement" gesetzt, aber da der nicht für den besten Schnitt nominiert ist, sondern von den Nominierten hier lediglich der Coen-Film, musste ich mich gesetzt der Regel, dass der Oscar für den Schnitt (seit über zwei Jahrzehnten) immer deckungsgleich mit dem Oscar für den besten Film ist, umentscheiden.

Achievement in directing

  • "The Diving Bell and the Butterfly", Julian Schnabel
  • "Juno", Jason Reitman
  • "Michael Clayton", Tony Gilroy
  • "No Country for Old Men", Joel Coen and Ethan Coen
  • "There Will Be Blood", Paul Thomas Anderson

(dürfte wohl ein klassischer sentimental winner werden, weil man die beiden ja angeblich so lange übergangen habe)

Performance by an actor in a leading role

  • George Clooney in "Michael Clayton"
  • Daniel Day-Lewis in "There Will Be Blood"
  • Johnny Depp in "Sweeney Todd The Demon Barber of Fleet Street"
  • Tommy Lee Jones in "In the Valley of Elah"
  • Viggo Mortensen in "Eastern Promises"

(alles andere käme einem Skandal gleich)

Performance by an actress in a leading role

  • Cate Blanchett in "Elizabeth: The Golden Age"
  • Julie Christie in "Away from Her"
  • Marion Cotillard in "La Vie en Rose"
  • Laura Linney in "The Savages"
  • Ellen Page in "Juno"

(eigentlich klar, aber die Cotillard räumt überall ab, vielleicht wendet sich das Blatt noch)

Performance by an actor in a supporting role

  • Casey Affleck in "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford"
  • Javier Bardem in "No Country for Old Men"
  • Philip Seymour Hoffman in "Charlie Wilson's War"
  • Hal Holbrook in "Into the Wild"
  • Tom Wilkinson in "Michael Clayton"

(obwohl Affleck ihn verdient hätte, aber den Film werden zu wenige Academy-Mitglieder gesehen haben)

Performance by an actress in a supporting role

  • Cate Blanchett in "I'm Not There"
  • Ruby Dee in "American Gangster"
  • Saoirse Ronan in "Atonement"
  • Amy Ryan in "Gone Baby Gone"
  • Tilda Swinton in "Michael Clayton"
(konkurrenzlos)

Best animated feature film of the year

  • "Persepolis" Marjane Satrapi and Vincent Paronnaud
  • "Ratatouille" Brad Bird
  • "Surf's Up" Ash Brannon and Chris Buck

(wenn es ein Animationsfilm schon mal in die anderen Kategorien schafft, ist die Sache geregelt)

Best foreign language film of the year

  • "Beaufort" Israel
  • "The Counterfeiters" Austria
  • "Katyn" Poland
  • "Mongol" Kazakhstan
  • "12" Russia

Adapted screenplay

  • "Atonement", Christopher Hampton
  • "Away from Her", Sarah Polley
  • "The Diving Bell and the Butterfly", Ronald Harwood
  • "No Country for Old Men", Joel Coen & Ethan Coen
  • "There Will Be Blood", Paul Thomas Anderson

(sehr hochkarätig, schwierige Wahl)

Original screenplay

  • "Juno", Diablo Cody
  • "Lars and the Real Girl", Nancy Oliver
  • "Michael Clayton", Tony Gilroy
  • "Ratatouille", Brad Bird
  • "The Savages", Tamara Jenkins

(klassischer Fall von: wir mögen den, der soll wenigstens etwas bekommen - oder darf man "Juno" nicht unterschätzen, immerhin ist es der einzige der Nominierten für den besten Film, der in den USA über 100 Mio. Dollar eingespielt hat!)

Achievement in film editing

  • "The Bourne Ultimatum", Christopher Rouse
  • "The Diving Bell and the Butterfly", Juliette Welfling
  • "Into the Wild", Jay Cassidy
  • "No Country for Old Men", Roderick Jaynes
  • "There Will Be Blood", Dylan Tichenor

(die Coens und ihr doofes Pseudonym)

Achievement in cinematography

  • "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford", Roger Deakins
  • "Atonement", Seamus McGarvey
  • "The Diving Bell and the Butterfly", Janusz Kaminski
  • "No Country for Old Men", Roger Deakins
  • "There Will Be Blood", Robert Elswit
(die besten der Besten, aber Deakins dürfte sich selbst ausstechen)

Achievement in art direction

  • "American Gangster"
  • "Atonement"
  • "The Golden Compass"
  • "Sweeney Todd The Demon Barber of Fleet Street"
  • "There Will Be Blood"

(Wunschdenken)

Achievement in costume design

  • "Across the Universe"
  • "Atonement"
  • "Elizabeth: The Golden Age"
  • "La Vie en Rose"
  • "Sweeney Todd The Demon Barber of Fleet Street"
(ich wage mal, doch nicht auf "Elizabeth" zu tippen)

Achievement in makeup

  • "La Vie en Rose"
  • "Norbit"
  • "Pirates of the Caribbean: At World's End"

(keine Nominierung für "Sweeney Todd", skandalös)

Achievement in music (Original score)

  • "Atonement", Dario Marianelli
  • "The Kite Runner", Alberto Iglesias
  • "Michael Clayton", James Newton Howard
  • "Ratatouille", Michael Giacchino
  • "3:10 to Yuma", Marco Beltrami

(ich mochte "Ratatouille" mehr, aber tippe doch sehr stark auf "Atonement")

Achievement in music (Original song)

  • "Falling Slowly" from "Once", Glen Hansard and Marketa Irglova
  • "Happy Working Song" from "Enchanted", Alan Menken
  • "Raise It Up" from "August Rush", Nominees to be determined
  • "So Close" from "Enchanted", Alan Menken
  • "That's How You Know" from "Enchanted", Alan Menken
(Menken sticht sich aus - und "Once" muss was bekommen)

Achievement in sound mixing

  • "The Bourne Ultimatum"
  • "No Country for Old Men"
  • "Ratatouille"
  • "3:10 to Yuma"
  • "Transformers"

Achievement in sound editing

  • "The Bourne Ultimatum"
  • "No Country for Old Men"
  • "Ratatouille"
  • "There Will Be Blood"
  • "Transformers"

Achievement in visual effects

  • "The Golden Compass"
  • "Pirates of the Caribbean: At World's End"
  • "Transformers"

Best documentary feature

  • "No End in Sight"
  • "Operation Homecoming: Writing the Wartime Experience"
  • "Sicko"
  • "Taxi to the Dark Side"
  • "War/Dance"

Best documentary short subject

  • "Freeheld"
  • "La Corona (The Crown)"
  • "Salim Baba"
  • "Sari's Mother"

Best animated short film

  • "I Met the Walrus"
  • "Madame Tutli-Putli"
  • "My Love (Moya Lyubov)"
  • "Peter & the Wolf"

Best live action short film

  • "At Night"
  • "Il Supplente (The Substitute)"
  • "Le Mozart des Pickpockets (The Mozart of Pickpockets)"
  • "Tanghi Argentini"
  • "The Tonto Woman"

So. Das - oder "There Will Be Blood" wird doch der Über- raschunsggewinner und sahnt total ab. ;)

Februar 23, 2008

TV: Fernsehtipps vom 23.02. - 29.02.2008

Samstag, 23.02.

17:45 Uhr – Der Glückspilz (Das Vierte)

Gewohnt großartig inszenierte Wilder-Komödie, die es am Ende aber jedem recht machen will und die Geschichte ein wenig unbefriedigend auflöst. Walter Matthau ist dennoch brillant.

20:15 Uhr – Gangs of New York (Pro7)

Scorseses verhunztes Amerikaepos über die Geschichte der Gewalt: Sieht schön aus, ist aber fehlbesetzt, musikalisch ziemlich daneben und strapaziert das Nervenkostüm mit Day-Lewis’ Over-Acting (der sich hier aber nur warm spielt, wir man derzeit in den Kinos bestaunen darf). Gekürzt.

20:15 Uhr – Akte X: Der Film (VOX)

Aufwendig und seinerzeit ein wirkliches Erlebnis. Das Akte X-Phänomen ist jedoch ungemein dated und völlig in den 90ern stecken geblieben.

22:05 Uhr – Jeepers Creepers (RTL2)

Frei von Originalität und überaus konventionell gestrickter Teenhorror, der kein Klischee auslässt, von Victor Salva (pfui) aber routiniert in Szene gesetzt ist.

22:55 Uhr – Frenzy (ARD)

Schräger, schwarzhumoriger Spät-Hitchcock: Kein Meister- werk, aber virtuos in jeder Hinsicht.

23:15 Uhr – American History X (Pro7)

Nicht unumstrittener Versuch, die Ursachen und Auswirkungen des Neo-Faschismus anhand von amerikanischen Suburbs zu untersuchen. Irgendwie setzt der Film räumlich und zeitlich an der falschen Stelle an, hat aber doch eine nachhaltige erzählerische Kraft.

23:15 Uhr - …und dennoch leben sie (NDR)

Auf dem De Sica-Gebiet habe ich absoluten Nachholbedarf.

0:00 Uhr – Hitcher, der Highwaykiller (K1)

Spannender Psychotrip, umwerfend geschrieben. Rutger Hauers One-Man-Show inkl. Homo-Subtext. Gekürzt.

0:05 Uhr – Boulevard der Dämmerung (BR)

Meisterwerk. Der beste Film über Hollywood. Zum Niederknien.

Sonntag, 24.02.

18:05 Uhr – Die Kaktusblüte (Das Vierte)

Unglaublich komisch. Und Goldie Hawn ist ein Engel.

20:15 Uhr – Krieg der Welten (Pro7)

Mit erstaunlicher Präzision widmet sich Spielberg in seinem ‚Anti-E.T’ einem düsteren, vor allem aber ungemein bedrohlich in Szene gesetzten Invasionsszenario, das von seinen beklemmenden Bildern, den überraschend dezenten 9/11-Anklängen und einem souveränen Tom Cruise lebt. Ein etwas gedehnter Mittelteil und der zwar zweideutige, aber tendenziös eher verkitschte Schluss verwehren Spielbergs bestem Film seit Jahren jedoch den Eintrag in die Filmgeschichtsbücher – obwohl kaum ein Film zuletzt so eindrucksvoll demonstrierte, wie man mit Effekten in Kombination mit Live-Action umzugehen hat. Verkannt.

0:30 Uhr – Oscarverleihung (Pro7)

Mehr dazu natürlich in Kürze.

Montag, 25.02.

20:15 Uhr – Jersey Girl (SAT.1)

Ich hoffe ja immer noch, dass Dilettant Kevin Smith eines Tages Berufsverbot bekommt.

22:15 Uhr – Das Imperium der Wölfe (ZDF)

Kenne ich nicht, aber der erste Teil war zum Kotzen.

Dienstag, 26.02.

22:10 Uhr – Copykill (WDR)

Der deutsche Titel hat mich immer verwirrt. Ansonsten guter Film, seit ich aber weiß, wer Harry Connick Jr. ist und was der so treibt, finde ich den nur noch halb so gruselig.

0:20 Uhr – Die wunderbare Macht (ARD)

Super, die ARD veranstaltet offenbar eine Sirk-Retro. Wunderbar. Gucken!

Mittwoch, 26.02.

23:40 Uhr – Velvet Goldmine (BR)

Geht zwar nicht ganz auf, aber Haynes’ Ambition bleibt unverkennbar. Finde ich gelungener als "I’m not there.".

0:35 Uhr – Haben und Nichthaben (HR)

So niveauvoll können Rip-Offs sein (in diesem Fall von "Casablanca"). Einer der wunderbarsten Hawks-Filme, absolut phänomenal gespielt.

Freitag, 29.02.

20:15 Uhr – The Green Mile (RTL2)

Gutmenschendrama mit besonders viel Kitsch und Pathos. Darabonts Tränendrücker – im Vergleich zu seinem letzten Film Gold wert.

22:05 Uhr – Fargo (Tele5)

Intelligente und dennoch verspielte Provinzsatire, schrullig bis Anschlag und toll geschrieben. Krankt für mich aber an den typischen Coen-Problemen (siehe Review zu "No Country for Old Men").

23:55 Uhr – Darkman (RTL2)

Raimis irre Comic-Achterbahnfahrt, optisch toll umgesetzt und musikalisch wunderbar untermalt von Danny Elfman. Gekürzt.

0:35 Uhr – Menu Total (Arte)

Schlingensief hat mir schon so manche Filmnacht gerettet. Der soll ja besonders schlimm sein, zumindest steht in meiner Programmzeitschrift, Wim Wenders habe bei der Uraufführung tobend den Saal verlassen. Ja, kann es denn ein besseres Gütesiegel geben?


Februar 20, 2008

Kino: THERE WILL BE BLOOD

Filmmusik hilft in der Regel, das Bild zu komplettieren. Sie unterstreicht und untermalt, rundet auf und ab, verdichtet und verkürzt, oder gibt einem Moment den letzten Schliff, sie trägt und begleitet einen Film, immer auf der Suche nach dem richtigen Ton, der unterstützenden Note. Die ersten düsteren Klänge in "There Will Be Blood" sind schon so klaus- trophobisch, atonal und dissonant, dass sie alles, nur keine epische Wirkung im Sinn haben können. Und viele Minuten werden vergehen, ehe ein erstes Wort sie ablöst: "No!". Doch gebändigt ist sie dadurch nicht. Für weitere zweieinhalb Stunden wird sie sich als eigene Stimme behaupten, die dem Bild beständig widerspricht. Sie kommentiert eigensinnig die Erschaffung einer Welt, ohne sich daran zu beteiligen, ganz so als wüsste sie von Beginn an, dass die Geschichte vom Öl nur in einer Geschichte vom Blut enden kann. Die Musik in diesem Film ist eine eigene, losgelöste Naturgewalt. Eine neben Daniel Day-Lewis und Paul Dano.

"No!". Daniel Plainview liegt verletzt auf dem Boden des Ölgrabens. Die Kräfte haben ihn fast verlassen, doch sein Ehrgeiz ruht nie. Er bezwingt die Gewalt des Erdgesteins, fordert dessen massive Kräfte heraus. Und verneint den Verlust, die Niederlage, das Scheitern gegen eine Macht, der auch er nicht gewachsen ist. Noch nicht. Bald wird der Ozean aus Öl, der unter seinen Füßen lodert, entbrannt sein und an die Oberfläche strömen, sich jenem Mann geschlagen geben, der von so viel Hass und so wenig Empathie angetrieben wird, dass er nur die gewaltige Kraft der Natur als ebenbürtigen Gegenspieler annehmen kann. Daniel-Day Lewis ist Daniel Plainview. Ein unbezwingbares Monstrum, ein wildes Tier zwischen Größenwahn und Fanatismus, ein brodelnder Kessel, jeden Moment bereit zum Überlaufen. Diese Wucht von einem Schauspieler ist ohnegleichen. "There Will Be Blood" gehört Daniel Day-Lewis, das ist sein Film, seine One-Man-Show, seine Bühne.

Day-Lewis interpretiert den Oil-Man als einsamen, asozialen, gesellschaftlich inkompatiblen Despoten, der eine Gefahr vor allem für sich selbst darstellt, als jemanden, der alle Macht an sich gerissen hat, jede Empfindung unter ständiger Anspannung, ständigem Druck ableitet. Dafür hat er sich der Rolle höchst komplex angenährt: Seine Sprache ist ein Englisch vergangener Tage, sie wirkt wie ausgestorben, so unnuanciert, seltsam betont, so kraftvoll, beängstigend, instinktiv. Ja, Day-Lewis hat einen komplett eigenen Sprachduktus entwickelt, angelehnt an John Hustons Figur in "Chinatown" – seine Stimme verändert er soweit, dass sie von einem komplett anderen Schauspieler zu stammen scheint. Das ist kein einfaches Method Acting mehr, kein verbissenes Einleben in eine Figur, das lässt sich nicht mehr in bekannten Formkategorien festhalten. Was Day-Lewis hier unternimmt, ist eine Transformation. Es ist eine schauspielerische Jahrhundertleistung, die einmal zu den größten Performances der Filmgeschichte zählen wird.

Natürlich behandelt "There Will Be Blood" die Entstehung des Kapitalismus’. Das ist der Text, der einem da ganz klar und gut lesbar auf die Leinwand geschrieben wird. P.T. Andersons Film ist eine schlicht allegorische Abbildung kapitalistischer Struktur. Wie sie funktioniert, wie sie tickt, wie sie sich ausbreitet. Wie sie den Beginn der modernen USA markiert. Und die Geschichte ist deshalb so kraftvoll, weil sie eine uramerikanische ist, erzählt aus amerikanischer Sicht, wie eine stolze Vaterlandsfabel, die wahr geworden ist. Dem Aufkommen neuer steht dabei das Festhalten an alten Strukturen gegenüber. Der Film entwirft eine Gegen- sätzlichkeit von Wirtschaft und Politik zu Religion. Die einen organisieren sich industriell und geschäftstüchtig, die anderen predigen in Holzkirchen die dritte Wiederauferstehung und den Willen zur Genügsamkeit. So widersprüchlich Anderson diese beiden Grundsäulen der USA zunächst anlegen mag, bilden sie doch eine Symbiose. Sie bedingen sich gegenseitig, profitieren voneinander und arrangieren sich.

Sie stehen sogar beinahe in einem Abel und Kain-Verhältnis zueinander: Eli Sunday (wahnwitzig, seinem Kontrahenten fast ebenbürtig und schlicht phänomenal gespielt von Paul Dano), als Vertreter der Kirche, als ein selbsternannter Gesandter Gottes, und Daniel Plainview als Geschäftsmann und Inventor, der erst selbst im Dreck wühlt, um später dann wühlen zu lassen – sie verbindet in gewisser Hinsicht ein brüderliches Band. Wenn Neid und Habgier schließlich im Brudermord kulminieren, bleibt dennoch die Frage, wer hier die Oberhand behält: Spielt Plainview nur ein gerissenes Spiel mit Eli, benutzt er ihn für seine Zwecke bis zum letzten Schluss ("I’m finished."), oder ist es doch der Neid auf ein übergeordnetes Ganzes, auf einen Glauben an etwas, das Kraft ohne Zutun schenkt. Ist es doch Eli, der alle Machtzügel in der Hand hält, wenn er Geld für Kirchen kassiert, während sich die Ölbohrer in die Luft sprengen. Dieses Kräftemessen ist ebenso uneindeutig wie verlockend, mindestens so perfide wie undurchsichtig. Und wenn zudem Plainviews vermeintlicher Halbbruder auf der Spielfläche erscheint, wie auch überhaupt noch die Frage nach Elis Zwillingsbruder im Raum steht, dann wird es so richtig schön verschachtelt. Von der Vater-Sohn-Geschichte, die wie so oft bei Anderson eigentlich im Mittelpunkt steht, noch gar nicht zu sprechen.

"There Will Be Blood" lässt sich nicht fassen, eigentlich kann man den Film auch gar nicht wirklich verstehen, zumindest nicht beim ersten Mal. Das ist ein so gewaltiges Mammutwerk, so vieldeutig, chiffriert und ambivalent, so feinsinnig, strukturiert und hochkomplex inszeniert. Das ist die Arbeit eines absoluten Meisters, eines Regisseurs, der im völligen Bewusstsein seiner künstlerischen Fähigkeiten steht. Gleichzeitig erzählt der Film einfach nur eine Geschichte, wirkt simpel in der Narration, zumindest gradlinig und überschaubar, ungemein spannend und unterhaltsam. Das alles erscheint widersprüchlich: Ein gigantisches, über drei Jahrzehnte erstreckendes Amerikaepos, überaus üppig und oppulent in Szene gesetzt, mit einem großen, bedeutsamen und historischen Gehalt. Und gleichzeitig doch ein intimes, beklemmendes, leises Figurenspiel. Aber vielleicht ist "There Will Be Blood" auch einfach nur Kino.


100%

Februar 19, 2008

Berlinale: HATSU-KOI - FIRST LOVE

Kurz vor seinem Schulabschluss hat Tadashi (Hiroshi Murakami) in erster Linie mit dem Erwachen seiner Sexualität zu tun. Der Außenseiter ist heimlich in seinen besten Freund verliebt, weiß aber nicht, wie er es ihm sagen oder überhaupt zu sich und seinem Schwulsein stehen soll. In der Schule wird er schikaniert und als Schwuchtel beschimpft, was für seine Selbstfindung nicht gerade förderlich ist. Als Tadashi eines Nachmittags auf dem Nachhauseweg zwei offensichtlich Schwule in der Bahn sieht, folgt er ihnen. Damit richtet der Schüler allerdings einigen Schlamassel an und bringt ordentlich Wirbel ins Leben von Keigo (Teppen Matsunoki), Hiroki (Ryôya Kawashima) und Shinji (Shinji Horie), die gemeinsam eine Homo-WG betreiben.

Der grobkörnige Videolook erschreckt zunächst – "Hatsu-Koi" ist mit einem einfachen Camcorder gedreht, ohne gesonderte Beleuchtung. Ein Amateurfilm, wenn man es denn so nennen will: Die Crew bestand nur aus Regisseur Kouichi Imaizumi und einem zweiten Mann für Ton und Musik. Gemessen an seinen spärlichen Mitteln und Fehlern (unfreiwillige Komparsen, die in die Kamera schauen, Stative, die sich überall spiegeln) ist der Film durchaus bemerkenswert, und ausnahmslos gut gemeint sowieso. Eine kleine, etwas bemühte Coming of Age-Geschichte wird hier erzählt, mit sympathischen Laien, originellen Einfällen und einem liebenswerten Humor. Die Lockerheit in der Darstellung von Homosexualität ist geradezu erfrischend, während der Film – für asiatische Produktionen nicht allzu üblich – auch nicht auf recht explizite Sexszenen zwischen Männern verzichtet. Dass die Selbstfindung und Akzeptanz der eigenen Sexualität letztlich nur über den Bund der Ehe einen Weg findet, lässt sich angesichts des ansteckenden Elans von "Hatsu-Koi" verkraften. An Diskussionen über das ewige Streben nach Gleichberechtigung via Hetero-Bürgerlichkeit ist dieser Film ganz sicher auch gar nicht interessiert.


60%

Berlinale: DRIFTER

Der Dokumentarfilm gewährt einen Einblick in die Drogen- und Stricherszene rund um den Zoologischen Garten. Mit einem kleinen Team begleitet Regisseur Sebastian Heidinger die 16jährige Aileen, ihren Freund Daniel, 25, und Angel, 23 Jahre, bei alltäglichen Situationen wie dem Verkauf von Straßenzeitungen, der Reinigung öffentlicher Toiletten und Prostitution. Alle drei sind drogenabhängig und versuchen immer wieder, vom Leben auf der Straße loszukommen. Der Film zeigt Arztbesuche, Notunterkünfte und das soziale Miteinander der Junkies, ihr Unterkommen in Nischen und Randzonen – auf der Suche nach einer Zukunft.

"Drifter" behandelt ein vielfach aufbereitetes Sujet, das sich nachhaltig vor allem durch Ulrich Edel Filmadaption "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" festgesetzt haben dürfte. Heidinger nährt sich den Betroffenen mit emotionaler, aber nicht räumlicher Distanz. Er folgt ihnen bis auf die Toilette und zeigt Spritzeninjektionen in der Nahaufnahme, Gespräche über Freier und Erfahrungen mit ihnen aus direkter Perspektive. Der Film verharrt in einem Zustand der Hilflosigkeit, die ihm nur einfaches, unaufdringliches und dennoch nahes Beobachten ermöglicht. Obwohl der Vorwurf der Sozialpornographie auch in der anschließenden Podiumsdiskussion nach der Kinovorführung nicht ausblieb, ist genau dies das deutlichste Zeichen für ein Gefühl des kollektiven Unbehagens, nichts tun zu können. "Drifter" steht vor dem alten Problem des Genres, ein soziales Problemfeld einzufangen, ohne eine ausschließlich starre Begaffung des Elends für ein in warmen Kinositzen eingerichtetes Publikum zu ermöglichen.

Heidinger, der hiermit seinen Abschlussfilm an der Film- und Fernsehakademie Berlin vorstellt, weiß sehr wohl um diese Gefahr. Und weitergedacht ist der Vorwurf auch geradewegs absurd: Die Dokumentation bildet ab, um komplexe Sachverhalte für ein unbeteiligtes, unwissendes Publikum zu transzendieren. "Drifter" nämlich erzählt von Jugendlichen, die einem tagtäglich am Berliner Zoo begegnen, ohne dass man sie wahrnimmt, weil sie nicht verwahrlost, nicht zweifelsfrei als Straßenkinder, Junkies und Stricher erkennbar sind. Der Film untersucht sozusagen eine Grauzone. Dafür bedient er sich mitunter auch der bewussten Inszenierung, dieses Gefühl kann die Dokumentation nicht unterdrücken. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man sich dem Thema überhaupt dokumentarisch und damit glaubwürdig annehmen kann, ohne das Behandelte mit einer gewissen dramaturgischen Struktur zu versehen. Und so erweist es sich als eigentliche Stärke des Films, auf konventionelle Off-Stimmen und Zwischeninterviews zu verzichten, um stattdessen eher szenisch vorzugehen.

"Drifter" ist natürlich sehr bewegend, die Selbstlosigkeit dieser Jugendlichen, der Hass, den sie gegen sich aufbringen, die Perspektivlosigkeit beunruhigt und macht das Zusehen keinesfalls einfach. In einem anschließenden Foyergespräch, das ich mit dem Regisseur führte (die Berlinale erweist sich nicht zuletzt für diese unmittelbare Kontaktform als Segen), erläuterte er noch einmal sorgfältig und glaubhaft, wie er das Vertrauen der – ja, wie solle man sie eigentlich bezeichnen, wurde gefragt – ‚Protagonisten’ erlangte. Die dreimonatige ‚Kennlernphase’ ohne Kameras merkt man dem Film letztlich an, von der restlichen Vor- und Nachbearbeitungszeit gar nicht zu sprechen. Er habe von Anfang an konkret klargestellt, dass er einen Film mache – und auch, wie er ihn mache. Was manch einer demnach als inszeniert, konstruiert oder gezwungen empfinden mag, ist letztlich nur Ausdruck einer Bereitschaft zur Kooperation, einer vertrauten Hingabe. Wie sehr eine derartige Dokumentation indes von beiderlei Gewinn sein kann, zeigt das Schicksal von Daniel – er hat nach den Dreharbeiten einen Entzug gemacht und ist seit zwei Jahren clean.


75%

Berlinale: DREAM BOY

Der 15jährige Nathan (Stephan Bender) ist gerade erst mit seinen Eltern in eine ländliche Kleinstadt in Louisiana gezogen, da wird er schon auf den zwei Jahre älteren Nachbarsjungen Roy (Maximillian Roeg) aufmerksam. Die beiden erledigen gemeinsam Schularbeiten und freunden sich zögerlich an. Obwohl Roy eine Freundin hat, kommt es eines Nachts zur Annäherung mit dem schüchternen Nathan. Fortan nutzen die Jungen jede Gelegenheit, um sich ungestört zurückzuziehen, in ständiger Angst, von jemandem aus der streng konservativen Gegend entdeckt zu werden. Doch Nathan belastet zusätzlich die Angst vor seinem alkoholabhängigen Vater – um dem ständigen Missbrauch zu entgehen, flüchtet er deshalb in den Wald.

Wer dachte, die unbeholfene Altherrenromantik bei Gus Van Sant sei schon das schlimmste, was dem US-Independentfilm mit Blick auf nackte Jungs in den letzten Jahren widerfahren wäre, der wird von "Dream Boy" eines besseren belehrt. Regisseur James Bolton geht zwar gerade erst auf die 40 zu und rückt seinen schwulen Figuren nicht allzu unangenehm auf den Leib – dafür allerdings erzählt er eine ungemein abgestandene, einfallslose und beliebige Coming Out- Geschichte, die unübersehbar im Fahrwasser von "Brokeback Mountain" nach Luft schnappt. Auf Klischees wird ausnahmslos nicht verzichtet, da ist man schwul, weil der Vater in Kindheitstagen des Nachts öfter mal das Schlafzimmer aufgesucht hat, hasst und bestraft sich für die eigene Sexualität und benimmt sich überhaupt wie ein sozialer Krüppel. In ellenlangen, aber unbegründet bedächtigen Einstellungen werfen sich die beiden Teens erst verschüchterte Blicke zu und fummeln bald den lieben langen Tag herum. Über das pubertäre Getue, das der Film ebenso pubertär inszeniert, vergisst Bolton allerdings, wohin die Reise gehen soll. Die Figuren bleiben unheimlich blass, ganze Nebenstränge werden gewoben, um ungenutzt zu bleiben, Randcharaktere eingeführt, um im Nirgendwo zu verschwinden.

Schmerzen verursacht das Over Acting mancher Darsteller, so der Mutter Nathans, die als Alkoholwrack mit verwischter Schminke den streng religiösen Vater (merke: Bibeltreue kausalisiert unterdrückte Sexualität) anfleht, nicht den eigenen Sohnemann zu missbrauchen. Der baut sich in seinem Zimmer Fallen, in die der Papi tappt, um dann raus in den Wald zu rennen. Dort trifft er auf seinen heimlichen Cover Boy, der immer so dreinblickt, als würde er in der nächsten Bel Ami-Western-Produktion die Hauptrolle spielen und ständig etwas von "touch me, touche me" faselt. Dazu sieht man mal Aufnahmen von Wiesen und künstlerische Einstellungen gen Himmel, denn Wolken sind ja immer ein schönes Symbol, egal für was. Und zum Ende hin schließlich nimmt das Drama noch eine Kurve zum Spukhaushorror, um einen irgendwie metaphorischen Ausdruck für den banalen Tod einer Figur zu suchen. Das ist in der Tat so derart grauenvoll, dass nur ein Zitat im Press Kit für größere Würgreize sorgt – Bolton sei der neue Bergman, hat dem Regisseur jemand prophezeit. Jemand namens Gus Van Sant.


10%

Februar 18, 2008

BERLINALE 2008 - Rückblick

So, schon wieder vorbei, die kürzesten 10 Tage des Jahres. Das Programm erschien mir dürftig, sehen wollte ich die wenigsten Sachen, und wenn, dann wartete um die Ecke ohnehin schon der baldige Kinostart. Also fiel der Blick wieder aufs Panorama, was dann zu einer mageren Ausbeute von nur fünf Filmen führte (Reviews dazu eventuell in Kürze). Der Hauptgrund: Arbeit und soziale Verpflichtungen, wen man so alles treffen muss und natürlich auch gerne trifft, da kommen quasi alle Filmfreunde von weit her zusammen (die halbe Blogger- und Forengemeinschaft, um genau zu sein).

Was lernen wir aus diesem Jahr Berlinale? Dieter Kosslick ist ein Alt-68er. Die Stones, Patti Smith und Neil Young scheinbar modern. Madonna macht jetzt auf Regisseurin und wertet das Produkt dann gleich im Internet aus. Für den Wettbewerb bleibt gerade noch die Resteware aus Übersee oder Weltpremie- ren, die die Welt bis dato auch aus gutem Grund nicht gesehen hat, übrig. Plakate können einen in hysterisches Lachen ver- setzen, so geschehen beim deutschen Motiv zu "The Other Boleyn Girl", auf dem Scarlett Johansson und Natalie Portman wie zwei Jungdirnen im lasziven Korsett posieren, während Eric Bana schaut, als würde er fragen, wie er sich da nur hinein verirrt haben dürfte. Dieter Kosslicks Englisch sollte endlich mal den Goldenen Bären gewinnen. Filmvorführer scheint kein erlernter Beruf zu sein. Die Variety-Sonder- ausgaben bestehen vorwiegend aus Screening-Terminen für den Filmmarkt. Getränkepreise am Potsdamer Platz wurden um 100% angezogen. Filmstudenten sehen gut aus, aber wirken angespannt und genervt, vermutlich weil die Buñuel-Retro immer ausverkauft ist oder ihr Abschlussfilm nicht auf der Berlinale gezeigt wird. Shahrukh Khan möchte niemals einen Schwulen spielen, posiert auf seinen Plakaten aber besser als jeder Gayporno-Star. Wichtig ist man, wenn um den Hals ein rotes Bändchen baumelt. Noch wichtiger ist man, wenn man dazu die schnieke Berlinaletasche umzuhängen und in der einen Hand einen Latte Macchiato und der anderen Notizblock und Kugelschreiber zu halten hat. Rauchverbot gilt überall, nur nicht auf Berlinale-Partys. Zumindest war das bei der Senator-Fete der Fall, zu meinem Glück. Und Harvey Weinsteins vielleicht auch, der war ebenfalls da. Presse- konferenzen werden nur von Pseudojournalisten besucht, die mit ihren Pseudofragen nicht einmal versuchen, irgendwie nicht pseudo zu wirken. Die Filmauswahl war schon berechenbarer, zumindest um einige Dritte Welt-Dramen, Folter-Dokus und Arme Menschen-Betroffenheitskino reicher. Ein "300" außer Konkurrenz hat gefehlt, ich hätte dafür vielleicht "Rambo" vorgeschlagen. Im Kino husten und schniefen alle vor sich, das reinste Bazillendomizil. Um Studentenermäßigungen zu bekommen, muss man alles, nur kein Student sein. Und der neue Bruce LaBruce soll zu den Highlights der Berlinale zählen – was genau sagt das eigentlich über die 58. Filmfestspiele aus?

Photos: Melanie Renker