November 28, 2007

News: SWEENEY TODD - 9 Clips & mehr!

Insgesamt neun neue Film-Clips, drei Featurettes und zwei Behind-the-scenes-Videos gibt es exklusiv bei IESB.net zu bestaunen. Die Ausschnitte (brauchen etwas zum laden) geben einen recht genauen Eindruck vom Film wieder. Und Sacha Baron Cohen kann wirklich singen!


mehr gibt's
hier!

TV: DURCH DIE NACHT MIT...

... Joe Coleman und Asia Argento. Erstausstrahlung: Dienstag, 04.12. um 0:30 Uhr auf Arte

Die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Arte-Reihe ist ja längst kein Geheimtipp mehr. Und nachdem sich bereits allerlei illustre Gestalten aus den verschiedensten Kulturbereichen begegnet sind, sollen nun auch Asia Argento und Joe Coleman unter der Regie von unserem Jörg Buttgereit eine gemeinsame Nacht vor der Kamera verbringen. Beide sind zweifellos Multitalente: Während erstere kaum vorgestellt werden muss – als Tochter von Kinovirtuose Dario wurde Asia zunächst mit Filmen wie "Trauma" und später durch "XXX" oder "Land of the Dead" einem größeren Publikum bekannt –, sei zu Joe Coleman nur gesagt, dass er über ein ausgiebiges Archiv höchst eigenwilliger Ausstellungsstücke verfügt, und sich vor allem als "Outsider-Artist" versteht. Das umfasst im Genauerem u.a. obskure Bilder, inspiriert von bekannten Serienmördern, und kuriose Live-Shows, bei denen schon einmal diversen Kleintieren das Köpfchen abgebissen wurde. Kein Wunder also, dass der gemeinsame Nenner bei Marilyn Manson anfängt – und irgendwo mit "Scarlet Diva" aufhört. In diesem Film nämlich – ein Ausschnitt belegt es erinnernd – hatte Asia dem stattlich gekleideten Joe bereits eine Rolle verpasst, die beiden sind sich also keinesfalls fremd. Tatsächlich sogar könnte die Chemie kaum besser sein. Und das ist eine günstige Voraussetzung für 50 amüsante, bizarre, höchst unterhaltsame Minuten, auch wenn mitunter jegliches Konfliktpotential anderer Ausgaben der Reihe dem vorprogrammiert friedvollen Miteinander weichen muss. Die angepeilten Stationen reichen vom alten Jahrmarkt auf Coney Island samt Holzachterbahn und echter Freakshow bis zu einem Besuch beim Performance-Künstler David Blaine, angereichert mit zahlreichen wunderbaren Konversationen und Lebensweisheiten ("What’s much scarier than death is life."). In ihren Zwischentönen ist die Episode ebenso interessant wie lehrreich, während der Blick ins New Yorker Nachtleben wie immer ganz beiläufig zum ungemein nuancierten Stadtportrait gerät. Spätestens wenn beider Blick in den Trinkkelch so tief ausfällt, dass nur noch hemmungsloses Herumalbern möglich scheint, weiß der Zuschauer: Auch das ist eine weitere unverzichtbare Stunde TV-Kultur.


erschienen in: DEADLINE #6/07

November 25, 2007

Retro: THE STAR WARS HOLIDAY SPECIAL (1978)

Es dürfte das mit Abstand meistverbreitete Bootleg in den Weiten des World Wide Web sein, denn nach der einmaligen Ausstrahlung im Spätherbst 1978 auf NBC erblickte das "Star Wars Holiday Special" nie wieder das Licht der Welt. Keine einzige Wiederholung wurde gesendet, keine einzige legale Veröffentlichung hat es gegeben. George Lucas, in den Credits nicht einmal erwähnt, aber für die Geschichte des TV-Specials verantwortlich, leugnet mittlerweile sogar, dass es überhaupt existiert!

Als Fan-Relikt ist diese eineinhalbstündige Show selbstredend über jeden Zweifel erhaben. Was uns, abgesehen von Sir Alec Guinness, die komplette Hauptbesetzung des ersten "Star Wars"-Films hier vor – und so talentierte Leute wie Steve Binder oder Stan Winston hinter der Kamera präsentieren, ist sicherlich nicht weniger als das schrägste, schlechteste und gleichzeitig liebenswürdigste Kuriosum innerhalb des "Star Wars"-Imperiums. Diese bizarre Mischung aus Live Action-Entertainment, Musical-Kitsch, Sci-Fi-Soap und Zeichen- trick spielt qualitativ in einer so derart weit, weit entfernten Galaxis, dass jede Negation seiner Produzenten nur konsequent erscheint. Doch das "Star Wars Holiday Special" sollte in seiner unbeholfenen Art nicht unterschätzt werden: Das sind 90 absurde Minuten, die man nicht missen möchte.

Ausgangspunkt des Specials ist das gemütliche Heim einer Wookie-Familie, nein, DER Wookie-Familie: Chewbaccas kleiner dicker Sohn (?), seine Ehefrau (?) und der werte Großvater (ohne Fragezeichen) sitzen hier beisammen, backen Wookie-Kekse, spielen virtuelle Holo-Games und warten auf die Ankunft ihres zotteligen Freundes (remember: "Will someone get this big walking carpet out of my way?"). Der befindet sich jedoch noch inmitten tumber Sternenduelle, gemeinsam mit Partner Han Solo. Die eingestreuten Sequenzen des Originalfilms werden durch extra gedrehte Einstellungen ergänzt, in denen Harrison Ford und Peter Mayhew im Cockpit sitzen und etwas angestrengt hin- und herwackeln.

Um sich die Wartezeit zu verkürzen, schaltet die Wookie-Familie wahlweise rüber zu Luke Skywalker, der mit R2 gerade an irgendetwas herumrepariert und wie irre in die Kamera starrt (man muss Mark Hamills Make-Up gesehen haben, um es zu glauben), zu Prinzessin Leia, die sich mit C3P0 ein paar schöne Stunden macht, oder zu einigen der anderen Figuren, die speziell für die Show ‚entwickelt’ wurden. Überraschenderweise aber klopfen auch noch imperiale Befehlshaber und Sturmtruppen an die Wookie-Tür und fordern die Herausgabe wichtiger Informationen der Allianz. Stattdessen jedoch vergnügen sich Vaders Gehilfen erst einmal mit dem Musikvideo "Light the Sky on Fire" von Jefferson Starship, einer mindestens so deplatzierten wie komischen Synthie-Combo. Das ist im Übrigen weniger Schleichwerbung als so manch andere dezente Utensilien, z.B. eine Bantha-Stoffpuppe, mit der Chewies Sohn ganz aufgeregt spielt.

Dass vieles von dem, was hier gezeigt wird, auch ein wenig dem offiziellen ‚SW-Canon’ widerspricht, ist noch das geringste Problem. Vielmehr verwirrt, dass Chewies Familie auf Kashyyyk in Baumhäusern wohnt, die eher an die heimischen Gefilde der Ewoks erinnern, denn an die viele Jahre später in "Episode III" vorgestellte Heimat der Wookies, auch wenn das vor allem hinter die Tatsache tritt, dass alle Außenansichten des Spielorts stets gezeichnet sind! Für mittelschwere Lachkrämpfe dürften darüber hinaus die Tätigkeiten der Familie sorgen: Die Hausfrau, die als solche nur ihrer Küchenschürze wegen zu erkennen ist (stimmlich unterscheidet sie sich indes nicht von ihren männlichen Artgenossen), schaut sich hysterische Kochprogramme an, die von einem seltsamen, vierarmigen Transvestiten moderiert wird. Ihre Begrüßung mit Chewie fällt ebenfalls recht komisch aus (ein bemühter Kuss klappt nicht recht und so muss eine Umarmung genügen) und überhaupt ist die ganze Asexualität des "Star Wars"-Universums hier in seltsam biedere, aber nicht minder witzige Verhältnisse gerückt.

Interessant fällt natürlich die eingeschobene Comicpassage aus. Boba Fetts erster Auftritt verleiht dem "Star Wars Holiday Special" in gewisser Hinsicht auch eine ernsthafte Legitimation (also auf Nerd-Ansprüche übertragen), und die eigenwillige Zeichnung hat zweifellos auch was für sich, insbesondere im Vergleich zu "Clone Wars". Weiterhin gibt es auch einige deleted scenes aus "Episode IV" zu sehen, zwar nur unbedeutende Zusatzaufnahmen aus Mos Eisley, aber für den geneigten Fan ist das wahres Gold. Die Episode in der Bar wartet mit einigen bekannten Gesichtern auf, die allerdings ungleich schlechter zurechtgemacht sind als im Film. Die Sinnlosigkeit der Szene mal außen vor gelassen, weiß die Musicalnummer der Bardame Ackmena sogar zu gefallen, vor allem da Fernsehkomponist Ian Fraser hier das berühmte Williams-Cantina-Motiv variiert (wenngleich die gesamte Musik der Show wie die von einem Billigorchester interpretierte Version des Originalscores klingt).

Da Han und Chewie das vertraute Heim schließlich doch noch erreichen und die Wookie-Familie somit wieder vereint ist, darf schlussendlich sogar noch meditiert werden (oder so etwas ähnliches zumindest). Das mündet in den letzten Einstel- lungen, die alle Beteiligten noch einmal vereinen. Was dann folgt, ist eine hoffnungslos überkandidelte, aber trotz aller Banalität und ungewollten Selbstparodie auch sehr schöne Gesangseinlage von Carrie Fisher zu der Musik des obligatorischen Titelthemas. Und mit ihrer doch beachtlichen Stimme erinnert sie in der Tat an ihre Mutter, der wunderbaren Debbie Reynolds aus "Singin’ In The Rain". Deshalb sei ganz ironiefrei gesagt: Das "Star Wars Holiday Special" lässt sich nicht in Punktbewertungen fassen, es ist nie und nimmer das, was es sein sollte und wollte, aber wer braucht all die offiziellen und inoffiziellen "Star Wars"- Ableger, wenn die Serie das beste Trash-Ripp-Off gleich selbst liefert?!


November 24, 2007

TV: Fernsehtipps vom 24.11. - 30.11.2007 (inklusive Weihnachtstipps von Mr. Hankey)

Aus Zeitgründen etwas knapper diese Woche:

Samstag, 24.11.

0:55 Uhr – Das Haus der Vergessenen (RTL2)

Intelligente und doppelbödige Schauermär von Wes Craven, deren aufgesetzter Sozio-Subtext nicht die clevere Einbettung und Umkehrung zahlreicher Märchenmotive überdecken sollte. Gekürzt.

1:00 Uhr – Conan – Der Barbar (ZDF)

Einst zu Recht als faschistoid und frauenfeindlich abgestraft, kann John Milius’ kleiner reaktionärer Kostümfilm heute bestenfalls als unfreiwillige Komödie bestehen. Campy.

Sonntag, 25.11.

20:15 Uhr – Fluch der Karibik (Pro7)

Unausgegoren und dramaturgisch überaus holprig, manches Mal auch dilettantisch in Szene gesetzt, aber weitestgehend dennoch gefällig, nicht zuletzt durch Johnny Depps Over-Acting.

20:15 Uhr – „Dirty Dancing“ (RTL)

Meist ungewollt komisch und staksig, aber liebenswert. Ein Kind seiner Zeit.

2:10 Uhr – Sein oder Nichtsein (ARD)

Der Lubitsch-Film aller Lubitsch-Filme. Zigfach kopiert, nie erreicht,

Montag, 26.11.

20:40 Uhr – Dem Himmel so fern (Arte)

Bewegende, herausragend in Szene gesetzte Douglas Sirk- Adaption. Julianne Moores absolute Meisterleistung.

Dienstag, 27.11,.

2:10 Uhr – Die Fürsten der Dunkelheit (Tele5)

Carpenter zitiert sich zwar nur noch selbst – unterhaltsam und stimmig ist dieses Kabinettstückchen aber dennoch.

Mittwoch, 28.11.

22:30 Uhr – Halloween H20 (K1)

Stilistisch überraschend ausgefeilter Film, dem Original sehr nahe. Aber ohne jede Bedeutung, die über Run and Hide-Spannung hinausginge.

Donnerstag, 29.11.

0:35 Uhr – Ninotschka (ARD)

Jede Dialogzeile ist Gold wert – eines der besten Drehbücher aller Zeiten.

Freitag, 30.11.

22:15 Uhr – 12 Monkeys (RTL2)

Gilliams Meisterwerk in der Endlosschleife.

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Freitag, 30.11.2007

20:15 Uhr - Disneys wunderbare Weihnachtswelt (S-RTL)

Ein weiteres Highlight aus dem Disney-X-Mas-Schrank, dieses Mal aus dem Jahre 1981! Eine bunte Episodensammlung, die u.a. Kurzfilmklassiker wie "Ungebetene Weihnachtsgäste", bei denen Chip und Chap Donald ein unruhiges Fest beschehren, oder "Abenteuer auf dem Eis" enthält. Disneyliebhaber schalten ein.


News: SWEENEY TODD - Poster, Poster, Poster

Und noch mehr Poster. Dafür muss die knappe Zeit reichen. Blog-Updates in Kürze wieder.

November 21, 2007

News: SWEENEY TODD - Noch mehr neue Poster




Es hört nicht auf - und eines besser als das andere.


News: SWEENEY TODD - Neue Poster / Clips

Also die Poster bekommen von mir alle schon einmal das Prädikat bestes Design des Jahres.
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Johnny Depp und seine Gesangskünste + Tim Burton-Interview + TV-Clip

November 20, 2007

Retro: PECKER (1998)

Das Kino des John Waters ist ein Kino der Menschen. Kaum ein anderer amerikanischer Regisseur der Gegenwart erzählt mit einer derartigen Leidenschaft, mit einer so inbrünstigen Selbstverständlichkeit und offenen Geisteshaltung ganz einfach von Menschen. Man sollte im Falle von "Pecker" widerstehen, den einst für geschmackvolle Eskapaden mit Drag-Queen Divine berüchtigten Underground- regisseur ein weiteres Mal des Seitenwechsels zum Mainstream zu bezichtigen. Mit Verlaub – dann hat man es einfach nicht verstanden.

Waters ist immer Waters geblieben. Und das mit aller Konsequenz. Seine zu skandalträchtigen Zelluloidentglei- sungen ausgestellten Fäkal- und Tiersexszenen aus "Pink Flamingos" werden immer einleitendes Element einer Waters-Filmkritik bleiben, das weiß der Mann selbst – ebenso wie diese Impertinenz seiner früheren Filme heute kaum noch jemanden zu schocken vermag. Aber ein Ausbleiben jener Attitüden, die ihm den recht missverständlichen Ruf eines ‚Pope of Trash’ eingebracht haben, bedeutet nicht, aus Waters’ Post-"Polyester"-Arbeiten eine Anbiederung beim gemäßigten Konsenskino mittelhoch budgierter Produktionen ableiten zu können.

Es ist doch ganz einfach: Von den Einflüssen im Independentbereich gar nicht erst zu sprechen (Christoph Schlingensief oder Todd Solondz beispielsweise), ist das Waters-Erbe nunmehr relativ unüberschaubar. Nahezu jede (post)moderne Komödie bedient sich herben Fäkalhumors, da wird gefurzt, gekackt und in Scheiße gebadet, unentwegt gerülpst, gefickt und mit zahllosen Körperflüssigkeiten hantiert, das alles zu bewussten Geschmacklosigkeiten forciert und mit Blockbuster-tauglichen Einspielergebnissen belohnt. "American Pie" und "Scary Movie", "Jackass" und "Borat", die Farrelly-Brüder und Todd Phillips – absolut undenkbar ohne Waters.

Was einst angewidert aufgenommen und mit NC-17-Ratings abgewiesen wurde, gehört gegenwärtig also fast zum guten Ton. Welchen Sinn würde und könnte es überhaupt ergeben, wenn Waters mit diesem ausgeprägten Groß an Bad Taste-Ergüssen, den Resultaten seines eigenen Schaffens, noch zu konkurrieren versuchen würde. Der Mann hat erreicht, wofür er mit subversivem Geist kämpfte: Das zuvor als pervers deklarierte, abwegige Verhalten all der Outcasts ist gesellschafts-, massen- und publikumskompatibel geworden. Und Waters ist ein überaus bescheidener Kinorevoluzzer – er ruht sich keinesfalls auf seinen Lorbeeren aus, sondern absolviert Cameos in Trashfilmen ("Blood Feast 2: All You Can Eat"), pusht die ‚Nachfahren’ mit über- schwänglicher Kritik ("Another Gay Movie") und – dreht weiterhin Filme.

Deshalb zurück zu den Menschen, um die es bei Waters immer schon ging. "Pecker" ist eine überschaubare Geschichte über einen jungen gleichnamigen Photographen aus – wo sonst – Baltimore, einem niedlich-schläfrigen und immer leicht neben der Spur wirkenden Edward Furlong sozusagen, der alles ablichtet, was ihm vor die Linse gerät. Als sich nach einer kleinen Bilder-Ausstellung im Sandwich-Shop (!) die große Kariere anbahnt, Pecker nämlich wird von einer süßlich-netten, hinreizenden Lili Taylor ("How can you be so kind and gentle and still have talent?") nach New York beordert, kriselt es erst beim Verhältnis mit Christina Ricci ("I beg of you, do not become an asshole, Pecker!") und später dann hängt auch der Haussegen schief ("We're all famous – just like the Jackson family!"). Doch ein Waters-Film wäre indes kein Waters-Film, würden nicht all die Nerds und schrägen Vögel aus katholischen Großmüttern, zucker- abhängigen Kleinkindern, kleptomanischen Freunden, verklemmten Designerhomos, verkleideten Lesben und Spießbürgervätern am Ende eine ausgelassene, im speziellen Sinne durchaus harmonisch-orgiastische Feier veranstalten.

"Pecker" ist eine Liebeserklärung an die Schönheit des Verschrobenen. Zunächst durch den Kamerasucher seines Helden, später auch mit freigelegtem Blick auf all seine Figuren. Es ist eine Kunst, von so derart schrulligen Gestalten zu erzählen, ohne sie jemals zu denunzieren oder vorzuführen. Die religiöse, beständig mit einer Mariastatue Bauchrednerkünste vorführende Großmutter wird genauso liebevoll gezeichnet wie die homophile, in einem Stripclub arbeitende Schwester ("Are you homosexual?""No, I’m not.""You wouldn’t understand then."). Waters liebt sie alle, in ihrer ganzen unangepassten Art, ihren merkwürdigen Eigenheiten. Dass der Film sowohl als Ode ans einfache Kleinstädtische wie auch als Absage an die übersättigte Großstadtkultur scheitert, liegt genau darin begründet: Auf ihre ganz eigene Weise sind ja doch alle Figuren Freaks, warum also nicht einfach gemeinsam die Klamotten vom Leibe reißen und unenthemmt lostanzen. Wie in "Hairspray", "Cry Baby" oder "A Dirty Shame" machen die eigentlich rivalisierenden Parteien (hier: friedvolle Provinzler gegen die New Yorker-Modeszene) letztlich doch gemeinsame Sache, Waters löst alle Konflikte stets in eine große umfassende Lebensbejahung auf.

Natürlich liegt der Film dennoch seinem Handlungsort Baltimore zu Füßen. "Pecker" weist selbst für Waters-Verhältnisse überdurchschnittlich viele Außenaufnahmen auf, am Ende hat man als Zuschauer das Gefühl, jede Straßenecke und jede Abbiegung zu kennen. Auch das ist Teil der – in einem speziellen, nicht herkömmlichen Sinne – familiären Atmosphäre des Films, der eine Welt kreiert, in die man sich nur zu gern hineinbegeben würde, so wunderbar anders, liebevoll und nostalgisch wirkt sie. "Pecker" wirft ganz einfach einen wunderbar poetischen Blick auf Baltimore, dessen Bewohner und ihre kleinen Alltagsabsurditäten.

Selbstverständlich – dies ist ein John Waters-Film – sollte auch dem Lerneffekt Platz eingeräumt werden. Oder weiß der Leser dieser Zeilen etwa, was a) ‚trade’ bedeutet? Sollte dem nicht so sein: Hierbei handelt es sich per genauer Definition um einen Heterosexuellen, der gleichgeschlechtlichem Oral- verkehr nicht abgeneigt ist, allerdings mit der Einschränkung, nicht selbst aktiv zu werden. Etwas weiter gefasst also sind trades Männer, die sich schwulen Sex quasi "gefallen lassen", laut Waters sozusagen Klemmschwestern besonders aus südlichen Regionen, die ihr Mannsbild nicht überwinden können (alte Binsenweisheit: so lange du nicht gefickt wirst, bist du nicht schwul). Auf "Pecker" übertragen meint die Bezeichnung indes lediglich knackige Hetero-Männer, die in einer Homo-Bar tanzen. Was sie dort genau tun, nennt sich im Übrigen b) ‚tea-bagging’ und ist weitaus harmloser als es der Begriff vermuten lässt. Haarige Einsichten der Watersschen Art gibt im c) ‚The Pelt Room’, wo leicht aggressive, aber liebenswürdige Lesben für ein Dutzend alter Säcke strippen – was die örtlichen Baltimore-Bewohner schockiert: "Public hair causes crime.". Nur eine von vielen großartigen Dialogzeilen in "Pecker".

Furlongs Figur ist in mancher Hinsicht sicherlich auch ein Alter Ego Waters’, der mit seinem Buch "Director’s Cut" – dessen wirklicher Sinn sich mir erst nach erneuter Begutachtung des Films erschloss, zuvor fristete es ein armseliges Dasein in meinem Regal – ebenfalls kuriose Photos abbildete: Nichts weiter als von einem Fernsehgerät abgeknipste Bilder von "Peyton Place" bis zu "Written on the Wind" waren darin zu sehen, nicht zu vergessen haufenweise beharrte und gespreizte Hinterteile: "Life isn't anything if you're not obsessed", heißt es im Film. Und schließlich, nachdem Friede,. Freude, Eierkuchen dominiert – und in "Pecker" ist das ausnahmslos positiv zu verstehen – verkündet der Titelheld sein nächstes Anliegen. Was folgt ist eine grässlich abgedroschene Regisseurspose (die Hände zu einem rechteckigen Objektiv formend) und die Drohung, dass nun auch die Welt der bewegten Bilder nicht mehr sicher sein wird. "Cecil B. DeMented" lautet die konkretere Antwort.


85%

November 19, 2007

News: 5-25-77 - Trailer

Aus dem totalen nichts kommt dieser Trailer zu einem extrem vielversprechenden neuen Film namens "5-25-77" - das Datum, an dem "Star Wars" in den USA startete. Es geht um einen Nerd, der gern Sci-Fi-Regisseur werden möchte und die Premiere des Lucas-Films kaum erwarten kann. Könnte richtig, richtig gut werden.

News: VALKYRIE - Trailer

Tom Cruise als Graf von Stauffenberg - und bereits der erste Trailer ist unfreiwillig komisch. Unter Bryan Singers Ägide in Berlin und Umland gedreht, kommt der Film wohl am 10.07.08 in die deutschen Kinos.

November 18, 2007

Radio: FILM-BLUE MOON 11/07

Heute ab 22Uhr heißt es wieder zwei Stunden mitstreiten beim Film-Blue Moon auf Radio Fritz (Berlin/Brandenburg). Durch die Sendung führen wie immer Mc Lücke und Ronald Bluhm, anrufen und sich aktiv an hitzigen Diskussionen zu aktuellen Kinofilmen von "American Gangster" bis "Abbitte" beteiligen kann jeder - und einen Griff in die Fritz-Film-Geschenkekiste gibt es dann auch noch. Per Livestream oder direkt im Radio.

November 17, 2007

Kino: THE DARJEELING LIMITED

Drei Brüder. Drei ungleiche Brüder. Drei ungleiche Brüder auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Realität. Auf der Flucht vor der Realität und dem Alttäglichen. Dem Alltäglichen aus familiären Hochzeiten zum Beispiel. Oder Kindsgeburten. Kindsgeburten, vor denen es wegzurennen gilt. Vor dem Alltäglichen. Am Besten irgendwo nach Indien. In Indien gibt es Spiritualität. In Indien gibt es meditative Odysseen zu erleben.

Macht sie diese Dialektik ganz klirre? Es ist die Dialektik des Wes Anderson. Sie besteht aus Gegensätzen, aus Wiederholungen und lakonischen Umwegen, aus Verkürzungen und auch aus dem Gefallen am Einfachen. Semantisch bedeutet das: Starre Blicke, starre Perspektiven, sanfte Popsongs, gar nicht sanfte Kameraschwenks. "I want to thank you for raising our children by the way.". Das sagt Gene Hackman einfach so beim Spaziergehen zu seiner Frau, in Andersons skurrilem Familiendiagramm "The Royal Tenenbaums". Ein kurzer Moment aus dem nichts, in der Tat irrsinnig komisch, weil so nebenher gesagt, so aus dem Kontext gerissen und – eben so lakonisch.

Dass sich darin auch eine wunderbare Tragik verbirgt, und diese sich nie ihren Weg zur seriösen Sentimentalität bahnt, macht Andersons Filme bei aller Leichtigkeit auch sehr warmherzig, sehr ehrlich. Und dennoch sei der Einwand erlaubt: Was bedeuten diese Konglomerate aus dysfunk- tionalen Familienverhältnissen, diese situativen Mosaike ohne wirklichen Zusammenhang? Steckt da jenseits des Offensichtlichen überhaupt etwas hinter? Und hat Anderson eigentlich auch ein Gespür für das größere Ganze, für einen Gesamtzusammenhang, das über viele kleine und ganz sicher auch sehr feine Kabinettstückchen hinausgeht?

Aber sei's drum. "The Darjeeling Limited" heißt der Zug, in dem ein beträchtlicher Teil des neuen und gleichnamigen Anderson-Films spielt. Dem ganzen geht ein kurzer Vorfilm voraus, zumindest tut er so. In Wahrheit treffen hier Jason Schwartzman, einer der besagten drei Brüder, und die bezaubernd burschikose Natalie Portman aufeinander, und später nimmt der Film mehrere Bezüge zu dieser kleinen Ouvertüre. So wirklich was passieren tut hier dennoch nicht, die Reise durch Indien ist mit vielen hübschen Einfällen garniert, visuell macht das ganze auch was her und unbedingt witzig ist "The Darjeeling Limited" sowieso. Die ungleichen Brüder erleben auf ihrem Selbstfindungstrip allerlei Merkwürdigkeiten, Läuterungen und Lebenserkenntnisse. Immer teilt der Film die Kuriosität des Erlebten mit ihnen, trockener Humor und sublimierte Tragik resultieren daraus.

Nahezu bedeutungslos und ohne jeden Belang das alles, aber sympathisch inszeniert, angenehm in seiner Unaufgeregtheit und seiner ganz eigenen Lethargie (ein Kritiker formulierte mal treffend, dass dies nicht mehr aber auch nicht weniger als "Studentenulk auf hohem Niveau" sei). Ein bisschen zu lang gerät "The Darjeeling Limited" zweifellos, ein Ende nämlich will er nicht finden, auch wenn's schon lange nichts mehr zu erzählen gibt – oder eigentlich auch nie gab. Auf Anderson ist aber weiterhin Verlass. Da tauchen neben Schwartzman, Owen Wilson und Adrien Brody natürlich auch Bill Murray und Anjelica Huston auf, die lassen es sich eben alle nicht nehmen. Und so ist die große Familie, wenn schon nicht unbedingt im Film, so doch zumindest vor und hinter der Kamera vereint. Wie immer.


65% - erschienen bei: DAS MANIFEST

TV: Fernsehtipps vom 17.11. - 23.11.2007 (inklusive Weihnachtstipps von Mr. Hankey)

Samstag, 17.11.

20:15 Uhr – Hook (SAT.1)

Ironischerweise zeigt ausgerechnet dieser Film, dass Spielberg sein Peter-Pan-Syndrom nicht überwinden konnte: Eine überfrachtet in Szene gesetzte, steife und gleichzeitig quietschbunte Studionummer, deren grundsätzlicher Fehler nicht verzeihlich ist – Peter Pan erwachsen werden zu lassen.

20:15 Uhr – Schlaflos in Seattle (K1)

Sympathisches Dauergeplapper für Großstadtsingles. Nett.

20:15 Uhr – Der Himmel über Berlin (BR)

Wenders, der spirituelle Weltverbesserer. Nahezu unerträglich.

22:55 Uhr – James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte (ARD)

Der gelungenste Moore: Unglaubliche Stunts und feine Selbstironie.

2:40 Uhr – Cabin Fever (Pro7)

Wunderbar frisches, originelles Debüt Eli Roths, das eine hanebüchene Geschichte mit zahlreichen Augenzwinkertricks verziert. Sowohl als Hommage wie auch Virus-Horror überaus gelungen.

Sonntag, 18.11.

20:15 Uhr – Ein (un)möglicher Härtefall (RTL)

Der naive Versuch der Coen-Brüder, die Screwball-Comedy zu reanimieren. Clooney ist nicht Grant, Zeta-Jones nicht Hepburn. Ziemlich mittelmäßig.

22:15 Uhr – The Grudge (Pro7)

Nicht wirklich gut, aber peinlicherweise fand ich den doch sehr gruselig.

23:15 Uhr – Kap der Angst (BR)

Scorseses gut gemeintes Remake. Filmisch in einer eigenen Liga, aber mehr als Anschauungsunterricht ist das auch nicht.

Montag, 19.11.

22:15 Uhr – Insomnia (ZDF)

Atmosphärisches Remake, bei dem Robin Williams zurück- haltender denn je chargiert, während Pacino gewohnt over-acted. Nolan erweist sich weiterhin nur als solider Filmemacher.

Mittwoch, 21.11.

20:15 Uhr – Stadt der Engel (K1)

Das Remake zum Wenders-Kitsch. Immerhin besser als das Original – und das spricht nicht gerade für sich.

20:15 Uhr – Good bye, Lenin! (WDR)

Mehr oder weniger gelungene Tragikomödie, die aber zu überladen ist, es allen recht machen will und irgendwann in Rührseligkeit untergeht.

22:30 Uhr – The Faculty (Pro7)

Mitunter treffsichere „Body Snatchers“-Variation, vom Herrn Williamson darf man aber dennoch mehr erwarten.

Donnerstag, 22.11.

20:40 Uhr – Eyes Wide Shut (Arte)

Kubricks Traumnovelle. Mochte ich im Kino, vermute hier mittlerweile aber eher eine Anhäufung von Oberflächenreizen hinter verklemmter Fassade. Zweitsichtung ungern.

Freitag, 23.11.

20:15 Uhr – To Die For (Das Vierte)

Leider doch ganz ordentliche Medien-Satire. Obwohl von Gus van Sant.

22:10 Uhr – Terminator 2 (Tele5)

In jeder Hinsicht herausragende Fortsetzung. Camerons virtuoser Meilenstein, besser geht’s nicht.

22:25 Uhr – Lost Highway (3SAT)

Zwischen Noir-Meditation und Story-Reflexion: Völlig überschätzter, aber nichtsdestotrotz faszinierender Seelen- strip David Lynchs. Weitaus simpel konstruierter als gemeinhin behauptet.

0:30 Uhr – Lethal Weapon 4 (RTL2)

Der amüsanteste Film der Reihe: Grandiose Actionszenen und Jet Li lauten die Vor-, Mel Gibson und das Ende die Nachteile.

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Jetzt, da die Adventszeit naht, möchte ich selbstverständlich auch Mr. Hankey - einen meiner geschätzten ofdb-Kollegen - zu Wort kommen lassen, seines Zeichens nämlich erklärter Weihnachtsfan und -spezialist:

Dienstag, 20.11.

20:15 Uhr - Jack Frost (K1)

Weihnachten kommt immer früher, so natürlich auch im Fernsehen. Jack Frost ist die diesjährige Einleutung der X-Mas-TV-Saison. Durchaus fantasievoll und charmant, aber auch überhöht kitischig, so wie man es halt von den Amis kennt. Und nein, dies ist nicht der Horrorfilm, sondern Michael Keaton als Schneemann.

Freitag, 23.11.

20:15 Uhr - Micky's Fröhliche Weihnachten (SRTL)

Der Heillig Abend-Klassiker, bei SRTL schon über einen Monat zu früh auf dem Schirm. Wer aber nicht mehr warten kann, der darf sich mit dem modernen Weihnachtsepisodenklassiker aus dem Hause Disney schon mal auf die Vorweihnachtszeit einstimmen. So herzensgut und erfreulich wurde Disneys Weihnacht danach nämlich nie wieder!


(ich kann aber leider nur bei letzterem zustimmen, Hankey)

November 15, 2007

Kino: MR. MAGORIUM'S WONDER EMPORIUM

In "Finding Neverland" ging es um die Magie des Alltags, darum, Fantasie als Rettungsanker aus der Tristesse zu begreifen. "Lemony Snicket's A Series of Unfortunate Events" dagegen spielte in einer gänzlich artifiziellen Welt, die in ihrer Konsistenz durch den Schrecken des realen Alltäglichen (Tod der Eltern) bedroht schien. In beiden Filmen spielte Dustin Hoffman eine Nebenrolle – und an beide erinnert "Mr. Magorium's Wonder Emporium", der von einem welken Wunderladenbesitzer als Lebensmagier erzählt. Hoffman spielt diese Rolle mit übereifriger Unbeschwertheit nahe am Rande des Over-Acting-Wahnsinns, während Natalie Portman eine entzückend androgyne Gehilfin abgibt. Das alles ist süßlich bis Anschlag, unerträglich einfallslos und rundherum von Tim Burtons "Charlie and the Chocolate Factory" abgekupfert. Das brave und gänzlich nichts sagende Märchen lehrt: Unser aller Zeit ist zwar endlich, doch mit ein wenig Fantasie leben wir auf ewig in den Herzen unserer Geliebten weiter. Ein Spielzeugladen als lebensbejahendes Zaubersymbol also – na dann frohe Weihnacht mit Walden Media.

20%

November 12, 2007

News: SWEENEY TODD - Poster #3

Ein neues "Sweeney Todd"-Poster und erste Reviews nach dem Branchenscreening gibt's zu vermelden. Der beste Burton-Film seit "Ed Wood", so Ain't it cool news gleich im ersten Satz, und weiter werde ich gar nicht erst lesen. Das wird ein Fest.

November 10, 2007

Kino: ATONEMENT

Sobald diese Frau auf der Bildfläche erscheint, gehört ihr, ihr ganz allein die ganze große Leinwand. Keira Knightley hat es, das gewisse etwas, sie ist so grazil und edel, so anmutig und schön wie fast filigran. Ihre flachbrüstige, kokette Ausdruckskraft lässt immer wieder an Audrey Hepburn denken, doch der Vergleich allein wird ihr nicht gerecht. Es war Joe Wright, der aus Knightley das rausholte, was weder die Piraten der Karibik noch König Arthur auch nur im Ansatz schafften: Diese junge Frau kann spielen, kann mit wenigen Gesten höchste Präsenz einfordern, selbst nebst so talentierten Herren wie Matthew Macfadyen oder nun James McAvoy. Und mehr noch: Sie schultert ganze Filme mühelos, mit einer Leichtigkeit, einer Ungezwungenheit, die schlicht und ergreifend wunderbar ist, ganz besonders wunderbar.

Nach "Pride and Prejudice" steht sie erneut unter der Regie von Wright vor der Kamera, wieder ein Kostümfilm, wieder nach einer Literaturvorlage. Doch nicht Jane Austen lieferte den Stoff für das dramatische, dreiaktige Kabinettstück aus Intrigen und Verzweiflung namens "Atonement" – Abbitte –, sondern der Brite Ian McEwan. Ein Engländer also, schon wieder.

Der Film erzählt zunächst ein fast klassisches Landhausdrama. Der englisches Adel steht im Mittelpunkt, 1935 das Jahr: Ein kleines Mädchen (Saoirse Ronan) hegt große Gefühle für den Sohn des Haushälters, den charmanten Robbie (McAvoy). Doch Briony hat abgesehen vom Offensichtlichen wenig Chancen bei ihrem Schwarm, der nicht nur mit ihrer Schwester Cecilia (Knightley) anbandelt, sondern im Eifer des Gefechts auch gern mal obszöne Liebeswünsche per Post verschickt: "In my dreams I kiss your cunt, your sweet wet cunt.". Der Unmut aus langsamer sexueller Reife und unerwiderter Liebe artet schließlich in einer fatalen Beschuldigung aus: Briony gibt gerichtlich zu Protokoll, dass Robbie die minderjährige Cousine vergewaltigt habe – wohl wissend, dass dem nicht so war.

Was folgt ist ein radikaler Szenenwechsel. Bis hierher erstrahlte "Atonement" in sanftmütigen, betörend weichen Bildern, wirkte unbeschwert und leicht in Szene gesetzt. Lange noch bleibt die Eingangssequenz in Erinnerung, in der Briony ganz erregt über ihr erstes geschriebenes Drama durchs Haus läuft, untermalt von einem mindestens so einfallsreichen wie wunderschönen Musikscore, der in seine Pianoklänge schnelle rhythmische Tipplaute einer Schreibmaschine einflechtet. Wright ist hier in seinem Element, die visuellen Ideen sind wagemutig, frisch und modern, ganz so verspielt also wie in seinem Vorgänger "Pride and Prejudice". Die Kamera gleitet fast schwerelos durch Räume und über Felder, und eine mehrere Minuten andauernde, ohne Schnitte vollzogene Fahrt am Strand von Dünkirchen gerät mit meisterlicher Präzision schlicht großartig.

Da befindet man sich dann schon im zweiten Drittel, das den lädierten Robbie als Kriegsgetriebenen zeigt, nachdem er vier Jahre unschuldig im Gefängnis saß. Spätestens hier jedoch – zuvor war "Atonement" zwar geschickt, aber auch recht belanglos – bricht der Film ein. Der große Krieg nach dem kleinen Liebesdrama überfordert Wright, das übersteigt die Fähigkeit des Films, wirkt fremd, nicht gekonnt und zusehends langatmig. Es fällt schwer der bis dato zweigeteilten Romanze zu folgen, weder wurde McAvoys Figur ausreichend Raum zugesprochen, als diese gleich die Hauptlast der Erzählung zu tragen vermag, noch können die parallel eingestreuten Herzschmerzblicke der Knightley für nachvollziehbare Herbstromantik sorgen. Ganz deutlich pendelt der Film hier im nirgendwo, weiß offenbar nicht wohin die Reise gehen soll und bleibt aufgrund seiner blassen Charaktere und dem kaum entwickelten Figurendreieck Briony-Cecilia-Robbie ohne Belang – trotz vielen hübschen inszenatorischen Einfällen, beispielsweise der immer wieder unterschiedlichen Variation des Schreibmaschinentippens, simuliert mal als Geräusch eines Zuges, dann wieder als anknipsende Lampen eines langen Flurs.

Schließlich kehrt "Atonement" erneut zur Briony-Figur zurück, die mittlerweile erwachsen geworden ist, als Krankenschwester arbeitet und mit den inneren Dämonen ihrer schrecklichen Kindstat zu kämpfen hat. Diese letzte Drittel ist schwungvoller in Szene gesetzt, indes aber auch interessanter, da diese Figur anfangs mit verhältnismäßig größerer Sorgfalt vorgestellt wurde – ihre weitere Entwicklung also von größerem Belang ist, als die sperrige Liebesgeschichte. Dass die Erzählung jedoch auch hier unschlüssig wirkt, zusammenhangslos und lückenhaft erscheint, ist nicht von der Hand zu weisen. "Atonement", das ist spätestens dann klar, mag sympathisch und annehmbar sein, aber wirklich gut ist er nicht.

Dieses Urteil wird erschüttert, ja radikal in Frage gestellt, wenn der Film zu einem Fernsehinterview mit der ergrauten Briony (Vanessa Redgrave) schwenkt, die erst hier nun endlich ihre Abbitte leistet: Die zuvor gezeigte Entschuldigung bei Cecilia und Robbie, die glückliche späte Fügung der Ereignisse war nur ein Konstrukt, eine Fantasie jener Frau, die es in Wahrheit nicht geschafft hat, ihre Lüge aufzuklären. Hier taucht es wieder auf, das Motiv des Films, das Klacken der Schreibmaschine: Prinzipiell also hat Briony nur einen weiteren, sicherlich den Roman ihres Lebens geschrieben, und der Zuschauer war mittendrin. Jeder Vorwurf, "Atonement" sei unglaubwürdig und kaum nachvollziehbar, wird hier fast reumütig abgewiesen. Fast wirkt es so, als entschuldige sich der Film für die Fiktion, die er zwei Stunden lang bedient hat, und die eigentlich nur der Verzweiflung und dem Eskapismus einer alten Frau zuzurechen ist. Macht es sich der Stoff hier zu leicht, oder sollte man diese Ode ans Geschichtenerzählen tatsächlich als nahezu grandios feiern?

60%

TV: Fernsehtipps vom 10.11. - 16.11.07

Samstag, 10.11.

20:15 Uhr – „Sky Captain and the World of Tomorrow“ (Pro7)

Die digitale Inszenierung auf dem Höhepunkt ihrer Seelen- und Belanglosigkeit.

20:15 Uhr – „Space Cowboys“ (RTL)

Für Eastwood-Verhältnisse erschreckend flach und sinnfrei – Altherrenspaß.

22:10 Uhr – „James Bond – Lizenz zum Töten“ (ARD)

Die zweite und leider schon letzte Mission Timothy Daltons, harter und großartig inszenierter Bronson Bond. Cut.

22:40 Uhr – „Momentum“ (RTL)

Momentum mal: Louis Gossett jr. dreht noch Filme? Wo haben sie den denn raus gelassen?

0:10 Uhr – „Final Fantasy“ (Pro7)

Siehe 20:15 Uhr.

0:25 Uhr – „Copykill“ (ARD)

Solider, beklemmender Thriller mit großartigem Bösewicht und noch großartigerer Sigourney Weaver.

2:45 Uhr – „Blacula“ (K1)

Amüsanter Blacksploitation-Kracher.

Sonntag, 11.11.

20:45 Uhr – „Reds“ (Arte)

Leider bis heute nicht gesehen. Beatty als Regisseur schreckt mich aber nach wie vor eher ab.

0:00 Uhr – „Hotel Ruanda“ (ARD)

Annehmbar und immerhin besser als die anderen modischen Afrika-Betroffenheitskinofilme.

2:00 Uhr – „Die Nacht des Jägers“ (ARD)

Dass Charles Laughton nur einen Film inszenieren durfte, ist bedauerlich: Eine brillante, ungeheuer einflussreiche Stil- studie, die jeder Filmfreund gesehen haben muss.

Montag, 12.11.

20:40 Uhr – „2001“

Einflussreicher Klassiker, der Maßstäbe gesetzt und das Genre transzendiert hat. Inhaltlich kaum nachvollziehbar, prätentiös und intellektuell, ist das für mich dennoch nur ein interpretatorischer Zweikampf zwischen Zuschauer und Kubrick, schrecklich aufgeblasen und selbstverliebt.

22:15 Uhr – „Antikörper“ (ZDF)

Deutsches Kino jenseits aller Geschmacksgrenzen, mit einem Finale, das man gesehen haben muss, um es zu glauben. Schlecht in völlig neuen Dimensionen.

23.25 Uhr – „Nightmare On Elm Street 5: Das Trauma” (Das Vierte)

Stephen Hopkins interpretiert mit seinem Beitrag der Reihe den Mythos Freddy Krueger als teuflische Ausgeburt der Hölle, ohne sich allerdings in ähnlich christliche Albernheiten wie der (dennoch höchst vorbildliche) dritte Teil zu verlieren. Mit einer comicartigen, visuellen Brillanz kreiert er wahrhafte Traumwelten, die für eine ansprechende Geschichte aber nur bedingt Platz zulassen. Läuft gekürzt.

Dienstag, 13.11.

20:15 Uhr – „Besser geht’s nicht“ (K1)

Nicholson und Hunt sind die ganze Miete.

Mittwoch, 14.11.

20:15 Uhr – „Eine Frage der Ehre“ (K1)

Eine von Cruises besseren Rollen. Rob Reiners Handwerk hilft dem spannenden Courtroom-Drama über manch holprige Drehbuchstrecke.

22:50 Uhr – „Die Fliege 2“

Trash-Sequel zum Cronenberg-Hit, bei dem Chris Walas sich noch einmal richtig austoben darf.

23:10 Uhr – „Uhrwerk Orange“ (Arte)

Ein Film irgendwo zwischen Faschismusparabel, Gewalt- ästhetik und Mediensatire, undifferenziert, uneindeutig und immer nahe an der Verharmlosung – Kubrick bedient mitunter, was er anzuprangern gedenkt.

Donnerstag, 15.11.

20:40 Uhr – „Dr. Seltsam…“

…oder wie das mit mir und Kubrick nichts mehr wird.

0:20 Uhr – „Im tiefen Tal der Superhexen“ (Arte)

Titten meets Kleinstadt, Russ Meyer wie er leibt und lebt. Subversives Relikt.

Freitag, 16.11.

22:30 Uhr – „Fargo“ (3SAT)

Intelligente und dennoch verspielte Provinzsatire, schrullig bis Anschlag, toll geschrieben und überaus kokett.

22:30 Uhr – „Naked City“ (Tele5)

Bogdanovich auf den Spuren von Jules Dassin. Gewagt, aber ich kenne den Film nicht.

0:55 Uhr – „Tigerland“ (Pro7)

Ganz doll unüberlegter, völlig idiotischer Kriegsfilm von Ex-Schaufensterdekorateur Joel Schumacher.