März 31, 2007

TV: Fernsehtipps 31.03. - 06.04.07

Samstag, 31.03.

20:15 Uhr – „Eine Nacht bei McCool’s“ (VOX)

Hervorragendes Drehbuch, dessen irre guten Pointen und anzüglicher Witz zu einem Film mit bestens aufgelegtem Ensemble verarbeitet wurden. Leicht gekürzt.

20:15 Uhr – „Werner – Gekotzt wird später“ (Pro7)

…oder lieber gleich sofort.

22:10 Uhr – „Mindhunters“ (ARD)

Streng genommen recht öde und mitunter gar hanebüchene Agatha Christie-Adaption, die aber dennoch keinem wirklich wehtut.

22:35 Uhr – „No Way Out“ (BR)

Bemühter Neo-Noir, der weder schlüssig noch sonderlich stimmig geraten ist.

23:00 Uhr – „The Crow“

Ein an und für sich mittelprächtiger Film, der durch das tragische Ableben Brandon Lees jedoch eine mythische und zeitlose Dimension bekommt.

0:30 Uhr – „Robocop 2“ (Pro7)

Gemessen an Verhoevens Genre-Meilenstein eine schwache Fortsetzung, die die ironischen Untertöne des Originals nunmehr mit plumper Holzhammermethodik vorführt. Als simpler Actionfilm ist er dagegen ganz passabel, nur hier leider indiskutabel gekürzt.

0:50 Uhr – „Stephen Kings Stark“

Meine absolute Lieblingsverfilmung eines Stephen King- Romans, atmosphärisch dicht und überaus niveauvoll übersetzt George Romero den süffisanten Konflikt eines Buchautors – Timothy Hutton ist unschlagbar in seiner Doppelrolle. Ein wahrlich meisterhafter Film.

Sonntag, 01.04.

20:15 Uhr – „Troja“ (ZDF)

Gekürzte Kinofassung. Imposanter und in seinen Actionszenen phänomenaler Film, der aber den großen Fehler begeht, nicht Helena, sondern Achilles in den erotischen Mittelpunkt zu fixieren – anstatt die schöne Blonde ins rechte Licht zu rücken, geht Petersen eher seinem muskulösen Brad Pitt auf den Leib. Historisch zudem mehr als ungenau.

20:15 Uhr – „Dirty Dancing“ (RTL)

Mit viel Kitsch und reichlich Seifenblasenromantik über- tünchter Klassiker, den man zwar nicht ernst nehmen, aber doch sehr mögen darf.

20:15 Uhr – „Shrek“ (Pro7)

Gefällt sich in seiner ach so cleveren, postmodernen Zitat- freude, gerät ansonsten aber reichlich unliebenswert: Das grüne Etwas bringt mich schlicht und ergreifend zur Weißglut.

22:20 Uhr – „Im Körper des Feindes“ (Pro7)

Gibt mir überhaupt nichts und nimmt sich außerdem viel zu ernst.

22:20 Uhr – „Anatomie“ (K1)

Mit gepflegter Langeweile schlitzt sich eine Riege deutscher Möchtegern-Schauspieler durch die Heidelberger-Uni – das ganze ist katastrophal inszeniert und mit grottenschlechten Dialogen versehen.

0:30 Uhr – „Faster Pussycat! Kill! Kill!“ (Arte)

Ein alle Grenzen überwindender Trip von einem Film, den man gesehen haben muss.

Dienstag, 03.04.

23:00 Uhr – „Der unauffällige Mr. Crane“ (RBB)

…heißt eigentlich „The Man who wasn’t there“. Interessante Film-Noir-Interpretation, die bei aller Ambition aber doch nur an der Oberfläche kratzt.

Mittwoch, 04.04.

22:00 Uhr – „Mario und der Zauberer“ (3SAT)

Grausam selbst verliebte Thomas Mann-Adaption, bei der Brandauer die Vorlage regelrecht vergewaltigt.

0:35 Uhr – „Satyricon“ (ARD)

Beginn einer kleinen Themenreihe: In seiner Barockphase darf sich Fellini herrlich austoben, die deutschen Synchroni- sationen allerdings kann man vergessen. Deshalb lieber zur DVD greifen.

Donnerstag, 05.04.

23:00 Uhr – „Frantic“ (ZDF)

Polanskis endgültiger Abstieg in die weiten Tiefen der Durch- schnittlichkeit.

Freitag, 06.04.

13:05 Uhr – „Ben Hur“ (ZDF)

Ausgedehnte Fleischschau, deren Lack zunehmend ab- bröckelt.

20:15 Uhr – „Shrek 2“ (Pro7)

Das ganze Grauen noch einmal, nur noch viel, viel shrek- licher.

20:15 Uhr – „I, Robot“ (RTL)

Trotz einiger unnötiger Zugeständnisse ans Mainstream- Publikum und wenig Tiefgründigkeit ein fesselnder Sci-Fi- Thriller mit brillanten Actioneinlagen.

22:20 Uhr – „Die Passion Christi“

Biedere, langweilige, ideologisch gänzlich fragwürdige und vor allem schlecht in Szene gesetzte Fundamentalistenfantasie einer gänzlich verkappten Schwuchtel.

22:25 Uhr – „Alien Vs. Predator“ (RTL)

Großartiger Schrott mit viel Krawall. Irgendwie nett.

23:45 Uhr – „Bonnie and Clyde“ (K1)

Stilistisch wegweisender Gangsterfilm, der nichts von seiner Eleganz verloren hat.

März 28, 2007

Kino: MR. BEAN'S HOLIDAY

Es gibt eigentlich nicht wirklich einen plausiblen Grund, sich diese etwas bemühte Reunion des, lang ist es her, Anfang der 90er einmal witzigsten Briten und dessen trotteligen Albernheiten anzuschauen. Wenn, ja wenn da nicht ein gewisser Willem Dafoe in die Nebenrolle eines schmierig-eitlen Regisseurs geschlüpft wäre und dem Film durch seine selbstironischen wie pointierten Auftritte einige tatsächlich komische Momente bescheren würde. Ob oder inwiefern das jetzt streng genommen das Todesurteil für einen Film bedeutet, der ganz auf seinen Titelhelden – und dieser wird bekanntlich nicht von Dafoe verkörpert – zugeschnitten ist, sei einmal dahingestellt. Durch dessen starke Präsenz allerdings, obwohl ihm nur einige kurze Momente vergönnt sind, wird dieser Gaga-Film zweifelsfrei aufgewertet.

Denn dass Rowan Atkinson jene Figur, die ihn zum Multimillionär machte, rund 10 Jahre nach einem eher enttäuschenden Kinofilm ("Bean – The Ultimate Disaster Movie") ein zweites Mal auf die große Leinwand befördert, dürfte selbst die alteingesessenen Fans verwundern. Erstaunlicherweise aber ist der Griff in die Mottenkiste auch ansonsten weit weniger tief als zu befürchten war: "Mr. Bean's Holiday" ist ein insgesamt harmloses, überaus kindgerechtes und zuweilen dennoch recht amüsantes Wiedersehen mit dem doof-netten Grimassenschneider.

Insgesamt nämlich bedient sich Atkinson im Gegensatz zum ersten Film wieder bei der Originalserie: Ein absolutes Minimum an Dialogen, dafür umso mehr Situationskomik, Slapstick und Chaos. Der Ton des neuen Kinoabenteuers ist ein deutlich anderer – der Versuch, die Figur und deren Rahmen neu zugestalten, war hingegen die richtige Entscheidung. Zwar arbeitet das Drehbuch mit den gängigen Klischees alberner Komödien und konstruiert wie schon beim Vorgänger eine große Verwechslung, die die turbulenten Ereignisse in Gang setzt (im ersten Film wurde Bean versehentlich für einen Kunstkenner gehalten, woraus die Macher dann allerhand Komik zu generieren versuchten). Allerdings wird das Sequel erfreulicherweise nicht mit einem erhöhten Maß physischer Comedy-Action überladen, was "Mr. Bean's Holiday" ein gewisse Bodenständigkeit verleiht.

Der Titel verweist dabei ganz deutlich auf den Jacques Tati-Klassiker "Les Vacances de Monsieur Hulot": So wie wohl Mr. Bean in seinem Urlaub am Strand der Côte d´Azur für reichlich Ärger sorgen würde, verursachte der Titelheld dort ein großartiges Chaos an der bretonischen Badeküste. Doch diesbezüglich hat man es in gewisser Weise mit einer Mogelpackung zu tun: Den Badeort erreicht Mr. Bean erst ganz am Ende – bis dahin durchlebt er eine ganze Menge Trubel, sodass von Ferien keine Rede sein kann. Dass die Tati-Nähe womöglich auch als Zugpferd ihre Dienste vollbringt, ist unwesentlicher als die ansonsten etwas dürftige Geschichte in "Mr. Bean's Holiday". Grundsätzlich geht es nicht um viel mehr als eine turbulente Fahrt nach Cannes, wo der viel versprechende Urlaub eigentlich stattfinden soll – die üblichen Zoten inbegriffen.

Atkinsons gestische Mutationen sind diesbezüglich wie immer Geschmackssache, ihr permanenter Einsatz nutzt sich im Verlaufe eines 90-Minüters aber doch ein wenig ab, zumal die Gesichtsverrenkungen kaum variiert werden. Das Drehbuch ist auch ganz auf diese Momente abgestimmt und besitzt dadurch einen sehr episodischen Charakter, weil es prinzipiell nur Sketch an Sketch reiht. Der sehr auf die kleineren Zuschauer zugeschnittene Humor speist sich in leicht redundanter Abfolge demnach aus einer Vielzahl irrsinniger Situationen. Durchbrochen wird dieses Grundmuster dann nur durch Dafoes Einsätze als Arthaus-Regisseur bei einem Cannes-Screening: Dessen in Ausschnitten gezeigter Neo- Noir "Playback Time" ist zwar eine wahre Granate, doch das ansässige Publikum verfällt dennoch einem komatösen Tiefschlaf. Erst als dann Mr. Bean über die Stühle stolpert, wird es wieder aufmerksam. Manche wollen so etwas eben einfach nicht sehen. Da kann man nichts machen.

50%

News: Upcoming Reviews


Irgendwie sind meine Vorankündigungen immer etwas ver- wirrend, anstatt "Little Children" habe ich dann doch erst "The Hills Have Eyes 2" besprochen. Aber dieses Mal sollte es keine Verschiebungen geben. Demnach gibt es in Kürze Reviews zu: "Mr. Bean's Holiday" (Steve Bendelack), "Little Children" (Todd Field) und "The History Boys" (Nicholas Hytner).

März 24, 2007

Last Seen: VON FILM NOIRS UND MUSICALS

Abseits vom Kinogeschehen mussten letzte Woche auch so einige DVDs als Kompensator für meine leidige Semesterarbeit herhalten. Heilende Wirkung bescherte zunächst Henry Hathaways „The Dark Corner“ (Feind im Dunkel), ein viel zu unbekannter, aber irre spannender Noir über die ewigen Abgründe der Seele eines Ex-Häftlings auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und letztlich sich selbst. Comedy- Legende Lucille Ball überrascht in einer erstaunlich ernsthaften Rolle, während das Finale – eine wüste Autoverfolgungsjagd – als wahres Musterbeispiel cleverer Montage mittelschwere Begeisterungsstürme auslöst. (75%)

Weiter ging es mit „Highway“, einer überdrehten Road Movie-Komödie mit reichlich Slackerhumor, die mit der werte Spidy ausgeliehen hatte (danke noch mal!). Obwohl Jake Gyllenhaal als desillusionierter Teen-Outlaw gefällt, verharrt der hierzulande gar nicht erst veröffentlichte Film in seiner lethargischen Beliebigkeit. Das bizarre Over-Acting von Jeremy Piven (dessen nach „Smokin’ Aces“ zweite Perfor- mance jüngerer Zeit, die mich fast in den Wahnsinn trieb) gibt dem ganzen den Rest. (40%)

Großartig gespielt hingegen Ang Lees erste Regiearbeit „Pushing Hands“ (Schiebende Hände), eine sensibel erzählte und ohne viel Schnickschnack inszenierte Geschichte über das Altwerden. Ein einfühlsamer Film der feinen Töne, sehr nuanciert und bewegend. (75%)

Heiter und damit ein wenig kontrastierend folgte George Cukors „Holiday“ (Schwester der Braut) mit dem schönsten Traumpaar der Filmgeschichte: Cary Grant und Katharine Hepburn. Für eine Screwball-Komödie zwar nicht besonders dynamisch, überzeugt der Film mit fantastischen Dialogen und einer irren Spitzzüngigkeit. In Anbetracht seiner Homosexu- alität wundert mich Cukors prüder und dezent konservativer Ton (wie z.B. in „The Philadelphia Story“) manches Mal dennoch ein wenig. (70%)

Die zweite Sichtung der haarigen Abenteuer von „Borat“ und dessen Produzenten Azamat Bagatov bestätigten meine Liebe zu diesem Höhenflug des Kinojahres 2006. Mehr als respektabel die Raffinesse bei Schnitt und Kamera – hinter dem ulkigen Klamauk verbirgt sich ein herausragend inszenierter Film. (80%)

Eine weitere Reise in die Welt der Musicals brachte neben neuen Erkenntnissen vor allem helle Begeisterung. Da gab es Bob Fosses wunderbare Choreographien in „Damn Yankees!“ und natürlich Tab Hunter – neben Rock Hudson der zweite große Frauenheld der 50er, allerdings ebenso schwul wie dieser – genauso zu bestaunen wie die irren Welten des Busby Berkeley. Dessen 30er-Jahre Musicals faszinieren durch unfassbar aufwändige Massentänze und eine starke Geometrisierung des Menschen (siehe Bild). Da kommt in den Extras selbst John Waters aus dem Staunen nicht mehr heraus – und wo ich die beeindruckenden Choreographien in „Footlight Parade“ oder „Gold Diggers of 1933“ so sehe, da schließt sich manch filmhistorische Lücke: Von Spielberg („The Temple of Doom“) bis Burton („Charlie and the Chocolate Factory“) haben unzählige Filmemacher Berkeleys Kameraakrobatiken imitiert.


März 23, 2007

TV: Fernsehtipps 24.03. - 30.03.07

Samstag, 24.03.

15:25 Uhr – „Brief einer Unbekannten“ (3SAT)

Empfehlenswerte Stefan Zweig-Adaption mit einer hinrei- ßenden Joan Fontaine.

22:10 Uhr – „Deep Blue Sea“ (RTL)

Unterhaltsame und recht ideenreiche CGI-Haijagd.

22:25 Uhr – „Stigmata“ (K1)

Mindestens so albern wie „End of Days“ – unnötiges Kasperl- theater.

23:45 Uhr – „James Bond: Man lebt nur zweimal“ (ARD)

Prototyp aller Bond-Abenteuer und Opfer zahlreicher Parodien, ist dies der bis dato meistüberdrehte und rasan- teste Film der Serie.

0:25 Uhr – „Retroactive“ (K1)

Wird als Geheimtipp angepriesen, krankt jedoch an einem lahmen Drehbuch, das jeder Logik entbehrt.

3:05 Uhr – „Assault – Anschlag bei Nacht“ (RTL2)

Meisterlich inszenierte und atmosphärisch dichte Western- Hommage, noch heute beklemmend spannend.

Sonntag, 25.03.

22:05 Uhr – „Cliffhanger“ (Tele5)

Selbst in der hier gekürzten Fassung ein immer noch aufre- gendes Actionerlebnis, einer der besten Filme des Genres.

22:15 Uhr – „Underworld“ (Pro7)

Lau getrickste und uninspirierte Lack und Leder-Action.

Montag, 26.03.

22:15 Uhr – „Mission: Impossible“ (ZDF)

Brian DePalma adaptiert den Stoff zu einem furiosen und extrem spannenden Kinofilm, dem leider nur der ironische Funke fehlt.

Dienstag, 27.03.

20:15 Uhr – „Tote tragen keine Karos“ (Das Vierte)

Amüsante Film Noir-Parodie, die besonders als Appetizer für die zitierten Vorbilder Qualitäten hat.

Mittwoch, 28.03.

23:30 Uhr – „Freitag, der 13. “ (Tele5)

Der Inbegriff sleaziger Slasherware. Cunninghams Film ist die Exploitation-Variante von „Psycho“, weniger ausgeklügelt als „Halloween“, aber letztlich doch um einiges charmanter als dieser. Allerdings heftig geschnitten.

23:55 Uhr – „Mulholland Drive“ (ZDF)

Simpler als sie es vortäuscht, aber nicht minder clever – David Lynchs mysteriöse Hollywood-Odyssee.

Donnerstag, 29.03.

22:10 Uhr – „Auf brennendem Eis“ (VOX)

Als Öko-Papi macht Steven Seagal gar keine schlechte Figur, leider nur ist der Film genauso hohl wie der Rest seiner ewigen Videothekenware.

Freitag, 30.03.

20:15 Uhr – „Nicht ohne meine Tochter“ (Das Vierte)

Sally Field an sich ist schon der reine Horror, doch als paranoide Iran-Tussi wertet sie diesen ohnehin viel zu polemischen, naiv konstruierten und reißerischen Thriller zusätzlich ab.

0:15 Uhr – „Species 2“ (Pro7)

Schleimig und doof – Natasha Henstridge darf den müden Michael Madsen geil machen.

2:25 Uhr – „Blade 2“ (Tele5)

Bester Film der Reihe: Rasant inszeniert und wunderbar kauzig.

News: THE SIMPSONS MOVIE Neuer Trailer

Der neue Trailer zum ersten "Simpsons"-Kinofilm ist da! Die weiteren bisherigen Trailer gibt es hier zur Auswahl.

März 21, 2007

Kino: THE HILLS HAVE EYES 2

Dass an die aufbrausende Subversivität des 70er-Jahre Exploitationkinos aus dem Autorenkosmos all der Wes Cravens, Tobe Hoopers und George A. Romeros im hypermodernen Kino der Videoclipremakes, das die einst realitätsreflexive Kunst nur mehr auf ihre Oberflächenreize hin imitiert, längst nicht mehr zu denken ist, lag selbst bei dem Versuch einer Neujustierung durch den französischen Regisseur Alexandre Aja auf der Hand. Zwar gelang mit der Neuverfilmung von Cravens rustikalem "The Hills Have Eyes" (Hügel der blutigen Augen, 1977) eine erstaunlich selbstsichere und bei aller Extremität vergnügliche Hommage an die Reifezeit jenes Genres, das den Schrecken der Gegenwart mit apokalyptischen Bildern roher Zerstörung zu kommentierten versuchte. Doch trotz seines zeitgemäßen Subtexts – der Kampf Mensch gegen Mutation als Spiegelung eines 9/11-Traumas, wo die legere Bürgerlichkeit auf ihr barbarisches Gegenbild trifft, das sie ironischerweise selbst konstruiert hat – unterstellte Aja sein Update einer drastischen Gewaltästhetik, die sich an ihren brutalen Auswüchsen primär ergötzte denn zu verunsichern und somit in letzter Konsequenz nur entfernt an die Tradition der Vorbilder appellieren konnte.

Und dennoch: Vom stinkenden Remakebottich berühmt- berüchtigter Terrorfilmklassiker setzt sich die Version des "Haute Tension"-Regisseurs mit großem Vorsprung ab, Ajas clever gestrickte und durchaus ironisch unterlegte Neuauflage des Stoffes ist im Gegensatz zu vielen anderen MTV-Interpretationen Kettensägen schwingender Metzger oder konsumgeiler Zombies noch am ehesten vom Geist der Midnight Movie-Ära beseelt. Da "The Hills Have Eyes" mit einem weltweiten Einspielergebnis von 70 Millionen US-Dollar auch relativ erfolgreich lief, ließ eine Fortsetzung nicht lang auf sich warten. Und damit diese pünktlich ein Jahr nach dem Vorgänger in die Kinos ziehen kann, musste das Sequel im Eilverfahren hergestellt werden. Der deutsche Musikvideo- und Werbeclipfilmer Martin Weisz, dessen unfreiwillig komische Killergroteske "Butterfly: A Grimm Love Story" (Rohtenburg, 2005) hierzulande durch ein gerichtlich erwirktes Aufführungsverbot (und damit zugunsten des Publikums) nicht gestartet ist, übernimmt die dankbare Rolle, eine eigenständige Fortsetzung zum Remake zu inszenieren – dem Kannibalensujet darf er dabei sogar treu bleiben.

Mit Cravens eigenem Sequel "The Hills Have Eyes Part II" (Im Todestal der Wölfe, 1985) hat das erst einmal nicht viel zu tun, vielmehr wirkt der Film wie ein Remake des Remakes, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Abgesehen vom grundsätzlich identischen Plot, den alle "Hills"-Episoden aufweisen, wandelt Weisz routiniert auf dem sicheren Pfad des Vorgängers: Ein blutiger Prolog, der die Protagonisten und somit natürlich potentiellen Opfer in die Wüste befördert, die Unterteilung in eine eher durch Außenaufnahmen bestimmte erste und eine düstere, in den Katakomben angesiedelte zweite Hälfte, eine klare patriarchalische Struktur beider Seiten, die jeweils durch die Eliminierung des Oberhauptes aufgelöst und neu geformt wird (im Vorgänger starb Familienchef Big Bob einen radikalen Tod, während der Außenseiter im Bürohemd zum Helden avancierte) und zahlreiche kleine Ideen, die in "The Hills Have Eyes 2" nur variiert werden.

Grundsätzlich allerdings hat der Film mit Cravens einstiger Schnellschussfortsetzung mehr gemein, als man annehmen könnte. Beide erscheinen im Gegensatz zu ihren Vorgängern wesentlich konventioneller konstruiert und fügen sich deutlich der simplen Dramaturgie eines Slasherfilms. In Cravens Version von 1985 gerät eine Gruppe Jugendlicher in die Kannibalenwüste – nach und nach werden die schuldigen Kids dezimiert. Bezüge zum Original waren reiner Selbstzweck, letztlich unterschied sich "The Hills Have Eyes Part II" in seiner Beliebigkeit kaum mehr von einzelnen Ausgaben des "Friday the 13th"-Zyklusses. In der Neufassung gilt es deshalb nur die Teenager gegen eine Soldatentruppe einzutauschen: Der Rest ist nicht mehr als die Variation des ewig gleichen. Doch immerhin erhält der Film, dessen Drehbuch Craven gemeinsam mit seinem Sohn Jonathan verfasste, durch diesen Wechsel eine interessante Note: Der Kampf zweier Familien im Original und Vorgänger weicht für "The Hills Have Eyes 2" einer kriegerischen Auseinan- dersetzung zwischen blutjungen Gesandten des US-Militärs und barbarischen Terroristen.

Ohne wirklichen Ernst und entsprechend ausgearbeitete Dimension reicht das zwar nur für einen schmunzelnden, aber oberflächlichen Unterton, doch Craven hat diese Ebene zumindest ganz bewusst eingearbeitet: "Was im Moment passiert, ist historisch gesehen so wichtig – der Krieg im Irak und der Kampf gegen den Terrorismus, der Widerstreit der Kulturen! Vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Realität fand ich es interessant, eine Geschichte zu entwickeln, in der amerikanische Jugendliche in Uniform gegen einen Feind kämpfen, der vollkommen unerklärlich ist. Sie werden auf ein bestimmtes Feindbild hintrainiert, aber dann mit etwas gänzlich Unbegreiflichem konfrontiert." Das wirkt in derart saloppem Stil zwar reichlich platt, umschreibt die grundsätzliche Stimmung des Films aber sehr treffend: Mehr als ein archaisches Duell zwischen dem modernen Krieger im Tarnanzug und unzivilisierten Monstern aus der Wüsten- berghöhle findet in "The Hills Have Eyes 2" nicht statt – ein Bezug zu identischen Bildern der Gegenwart soll also offenbar ganz deutlich hergestellt werden.

Aus dieser nicht ganz ernstzunehmenden Prämisse bezieht der Film manch ironische Einlage. Wenn sich ein Soldat auf dem ihm fremden Terrain von einem Berg abseilt, auf halbem Wege plötzlich ein Mitglied der Kannibalensippe aus einem Schlupfloch herbeieilt und ihm genüsslich den Arm abschlägt, kurz in der Luft zappeln und schließlich fallen lässt, dann bezeichnet das recht zutreffend den Fun-Charakter des ganzen, der mit der ursprünglichen Bedeutung des Originals natürlich nicht mehr viel zu tun hat. Stellt man sich aber die ein oder andere gescheiterte US-Mission im weiträumigen, durch seine Wüstenlandschaft geprägten Irak vor, erscheinen derartige Momente unerwartet komisch; im humoristischen Sinne. Besonders deutlich macht sich das in jener Szene, als sich hinter einer Soldatin unerwartet ein dem Felsen angepasster Mutant zu bewegen beginnt – gegen den durch sein Territorium getarnten Feind scheinen die modern ausgerüsteten Militärs machtlos.

Das bestechende Produktionsdesign ist dann auch eine der wirklichen Stärken des Films. Hervorragend photographiert von Sam McCurdy ("The Descent"), wirken die unter der sengenden Sonne eingefangenen Sets erstaunlich atmos- phärisch. Die Make Up-Effekte bewegen sich auf dem herkömmlichen K.N.B.-Niveau, kommen aber weitaus seltener zum Einsatz als in Ajas Vorgänger. Obwohl das Treiben der gierigen Kannibalenmeute durchaus blutiger Natur ist, wird die fast brachiale Härte des Remakes nicht einmal tangiert: Auf ausufernde Goreexzesse muss der begierige Schmuddelfreund also zumindest in der für das R-Rating abgemilderten Fassung verzichten. Was dann übrig bleibt, ist wohl Gewohnheits- sache: Unterm Strich ein leidlich spannendes Erlebnis, prinzipiell völlig austauschbar und uneigenständig, aber zumindest amüsanter als erwartet.

50% - erschienen bei Wicked-Vision.de

Links:

März 20, 2007

Kino: THE NUMBER 23

Es ist bekannt, dass der Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1967 geboren wurde und 1994 verstarb. Eher weniger bekannt hingegen, dass die Summe aus den einzelnen Zahlen (1+9+6+7 und 1+9+9+4) bei beiden Jahresdaten 23 ergibt - irgendwie unheimlich, oder? Ist es ein Zufall, dass William Shakespeare am 23. April 1564 zur Welt kam und sie 52 Jahre später ebenso am 23. April wieder verließ? Oder Julius Caesar durch 23 Messerstiche starb und das lateinische Alphabet aus 23 Buchstaben besteht?

Diese Fragen werden auch im "Illuminatus"-Komplex der Autoren Robert Anton Wilson und Robert Shea nicht endgültig beantwortet, sondern vielmehr wird darin ihr Grundstein gelegt. Die 23-Numerologie mit ihren konspirativen Theorien und Vermutungen beschreibt die Annahme, alle Ereignisse und Begebenheiten stünden in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Zahl 23 und ihre Quersumme 5.

Viele Wege führen nach Rom: Mit etwas Knobelarbeit lässt sich eine derartige Verbindung problemlos zu jedwedem Gegenstand herstellen. Das umfangreiche Konstrukt 23 und die Mythisierung dieser Zahl sind fester Bestandteil der Postmoderne, ob in Literatur, Film oder Musik. In Deutschland hat sich Hans-Christian Schmid dem Phänomen mit "23 – Nichts ist so wie es scheint" gewidmet - und vielmehr einen Film über den Zeitgeist der 80er-Jahre, als auf den Titel bezogenen Verschwörungsthriller inszeniert.

In seinem - Achtung! - 23. Werk beschäftigt sich nun auch Regisseur Joel Schumacher mit der Unglückszahl. Jim Carrey spielt Walter Sparrow, einen durchschnittlichen Vorstadt- typen und Familienvater, der von seiner Frau Agatha (Virginia Madsen) ein mysteriöses Buch erhält: "The Number 23" von Topsy Kretts (für alle, die sich mit Subtilitäten schwer tun: den Namen einfach laut aussprechen). Darin geht es um den von der unheilvollen Zahl besessenen Detective Fingerling (ebenfalls Carrey), der einen ungewöhnlichen Mordfall aufklären muss. Sparrow ist so fasziniert von dem Roman, dass er dessen Inhalt bald für bare Münze nimmt: Er hält die Übereinstimmungen zwischen ihm und dem fiktiven Fingerling nicht für Zufall, sondern Bestimmung.

Mit unmodischen Bildern einer eher gediegenen Ästhetik bewegt sich "The Number 23" inhaltlich auf steifem Retro-Terrain. Der Thriller erinnert wechselhaft und recht beliebig an Vorbilder wie "Memento", "Lost Highway" oder "Fight Club", allerdings ohne deren Unberechenbarkeit. Denn leider krankt Schumachers zur Verworrenheit bemühter Selbstfindungstrip an seiner trivialen Erzählweise: Der Zuschauer dürfte das Puzzle so vorschnell zusammen haben, dass der Film mit manch konstruierter Falschfährte kaum mehr hinterherkommt.

Um das Mysterium 23 geht es hier tatsächlich keinesfalls. Vielmehr erweist sich das Theater um die Zahl, die im Verlauf der Geschichte bald keine Rolle mehr spielt, als unfreiwilliger McGuffin. Der paranoide Wahn Sparrows resultiert eher aus seiner Diskrepanz zwischen Realität und Selbstwahrnehmung, denn einer numerologischen Verschwörung. Einmal mehr übt sich Schumacher in plattem Budenzauber, wenn er in sein Szenenbild dennoch immer wieder variierte Verweise zur Titel gebenden Zahl integriert: Zigfach blendet er auf die Neonreklame eines Hotels, bis auch der letzte Kinobesucher begriffen hat, dass das wohl ein Hinweis auf die allgegenwärtige 23 sein könnte.

Ehe der obligatorische Schluss-Twist dann herbeieilt - in nahezu jeder Inhaltsangabe ist er bereits zu erahnen - bleibt nur die Frage, warum "The Number 23" den End-90er- Filmtrend mit Paukenschlagfinale nur verschlafen haben könnte. Vielleicht ja sogar deshalb, weil Schumacher ganz einfach warten wollte, bis er sein Pensum von 22 Arbeiten erreicht hat. Übrigens: Bevor der Regisseur sich der Filmerei zuwandte, arbeitete er als Dekorateur für Schaufenster. Manchmal sollte eben vielleicht auch ein Schumacher bei seinem Leisten bleiben.


40% - erschienen bei DAS MANIFEST

März 18, 2007

News: HOT FUZZ - Offizielle Website

In UK ein bemerkenswerter Box Office-Erfolg (bisher über 35 Mio. Dollar Einspiel), kommt Edgar Wrights Copfilm-Parodie "Hot Fuzz" am 14.06.2007 auch hierzulande in die Kinos. Zur Trailer-Auswahl (Deutsch/Englisch) geht es hier.

News: PIRATES OF THE CARIBBEAN 3 - Trailer

Der Trailer zum Trilogiefinale "Pirates of the Caribbean: At World's End" von Gore Verbinski ist erschienen. Deutscher Kinostart: 25.05.2007.

März 17, 2007

News: Upcoming Reviews

Es kam zu einigen Verschiebungen, aber folgende Kinofilme werden demnächst in jedem Fall besprochen: "The Number 23" (Joel Schumacher) "Sunshine" (Danny Boyle) und "The Hills Have Eyes 2" (Martin Weisz). Die TV-Tipps müssen diese Woche entfallen, bin etwas im Stress.

März 15, 2007

Kino: DIE FÄLSCHER

Der mittlerweile über 90jährige, ehemalige slowakische Kommunist Adolf Burger hat das erlebt, was der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky ("Anatomie") mit seinem Film "Die Fälscher" in ein kurzes Stück Unterhaltungskino ummodelliert. Zwischen 1942 und ’45 arbeitete er (gespielt von August Diehl) neben Salomon Smolianoff bzw. im Film leicht verändert in Sorowitsch (brillant: Karl Markovics) als Geldfälscher im Konzen- trationslager Sachsenhausen. Mit den staatlich verordneten Blüten erhoffte sich die SS damals eine wirtschaftliche Destabilisierung des englischen und US-amerikanischen Feindes, indem sie das Falschgeld unter die Menge bringen wollte. Die jüdischen Beteiligten des "Unternehmens Bernhard" wohnten unter besseren Lebensbedingungen in einem Sonderkomplex, den sie "Goldenen Käfig" nannten.

Dort schliefen sie anders als die restlichen Insassen in bequemeren Betten, verfügten über geregelte Mahlzeiten und eine Sanitäranlage. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als die SS-Kommandanten das Lager fluchtartig verließen, wurden die Fälscher von ihren Mithäftlingen zunächst für Nazis gehalten – sie waren genährter und kräftiger auf den Beinen als sie. Insgesamt haben sie Blüten im Wert von 134 Millionen Pfund herstellen müssen, doch dank ihrer Verzögerungstaktik konnten die Nazis das nahezu perfekte Falschgeld nicht mehr in Massenproduktion geben.

Diese Geschichte der größten staatlichen Geldfälschungs- aktion aller Zeiten ist eigentlich unglaublich. Und genau deshalb auch setzt Ruzowitzky sie mit konventionellen filmischen Mitteln um, damit sie begreifbar wird. Dafür gelten abermals die Kompromisse, die im Kino bei diesem Sujet immer gelten müssen: Das Unfassbare fassbar zu gestalten. "Die Fälscher" ist ein ambitionierter, spannender und – natürlich – bewegender Film. Das verdankt er aber nicht seiner mit Klischees überfrachteten Inszenierung, sondern dem realhistorischen Unterbau: Dieses Kapitel in der Geschichte des Dritten Reichs wurde bislang eher wenig beleuchtet. Und das urdeutsche Filmphänomen greift auch hier. Im Kino darf sich der Deutsche weniger schwer tun mit seiner Vergangenheit, als das sonst der Fall ist.

Denn die Gewissensappelle und Bekenntnisse ermöglichen eine Identifikation mit dem jüdischen Opfer, das sonst so unnahbar scheint und über eine sympathische und physisch wehrlose Charakterisierung vom einzelnen Individuum zu einer Gesamtheit abstrahiert wird. Im selben Moment schaffen sie Distanz zum deutschen Täter, dem Monstrum in Menschengestalt, das nun ein bizarres Gesicht erhält – der deutsche Zuschauer darf sich keineswegs mit der deutschen Filmbestie auf der Leinwand identifizieren. Dem Kino wird die Funktion zuteil, seinem Zuschauer einen Raum zu geben, in dem er seine Geschichte in kompakter, eindringlicher und emotional forcierter Weise rekapitulieren und schließlich verarbeiten soll. Das brachte in Filmen wie Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" groteske Überzeichnungen, deren unfreiwillige Gegenwirkung aus verharmlosender, vermeintlicher Geschichtsüberwindung bestand. Die mythische Verklärung als Folge ehrenwerter, aber fehlkonzipierter Kompromisslosigkeit im Umgang mit der deutschen Kriegshistorie ist vielen Kinofilmen über den Nationalsozialismus gleich.

Obwohl "Die Fälscher" demgegenüber ein verhältnismäßig gelungener deutscher Beitrag ist, muss auch er sich mit der Problematik zurechtfinden, komplexe Ereignisse möglichst verkürzt und abstrahiert darzustellen. Der kaum zu ertragende Druck, dem die Geldfälscher standhalten müssen, wird mit einem kurzen Wutausbruch der Hauptfigur verdeutlicht. Die Angst und Sorge um die verstreuten Familienmitglieder kommt dadurch zum Ausdruck, dass einer der Mitarbeiter in den Auschwitzpässen für die Fälschungs- vorlagen die Dokumente seiner Kinder entdeckt und zusammenbricht. Und dass auch die befehlenden Nazikommandeure nur kleine Glieder einer Kette und gar nicht einmal zwingend nationalistisch ideologisiert sind, wird über den Monolog eines Aufsehers vermittelt (bedenklich!). Diese episodischen, in ihrer Funktion zu erkennbaren und konventionellen Momente behindern die intensive und grundsätzlich zu einem bemerkenswerten Drehbuch verfasste Geschichte.

Dennoch möchte man dem Film tendenziell mit Wohlwollen begegnen, nicht nur weil er über ein verhältnismäßig noch wenig bekanntes Ereignis berichtet, sondern auch weil er nur selten in die alles zerkauenden, heuchlerischen und plakativen Erklärungsmuster vieler anderer deutscher Filme über die eigene Nazivergangenheit verfällt. Meist behutsam und zurückhaltend im Ton gelingt vor allem die konsequente Erzählung aus Sicht der Fälscher. Die Schrecken des Krieges, die Zustände in den anderen Blöcken, all das, was die Sondertruppe nicht direkt wahrnimmt, bleibt auch dem Zuschauer verborgen. Hier appelliert der Film an die Grundkenntnis und Fähigkeit des Publikums, entsprechende Szenarios selbständig auszufüllen. Das unterscheidet ihn von anderen Geschichtsaufarbeitungen, die allen gerecht werden wollen, indem sie die ganze Bandbreite ihres Themas zu servieren versuchen und keinen wirklichen Fokus besitzen.

Leider aber ist Ruzowitzky wie bereits erwähnt in der Wahl seiner Mittel sehr grobschlächtig. Den größten Makel bildet dabei die Kameraführung. Ohne ersichtlichen künstlerischen Grund wackelt sie unaufhörlich umher, umkreist die Personen und möchte einfach nicht still stehen. Das hat weder eine authentische noch den Zuschauer mit einbeziehende Wirkung, sondern eher im Gegenteil: Es schafft eine Distanz – davon abgesehen, dass die entfesselte Photographie nicht zu dem durch Raum und Zeit beengten Inhalt passen möchte.

Eines der weiteren maßgeblichen Probleme ist die Figurenzeichnung: Löst sich der Film erstaunlich von den angesprochenen Mustern anderer Produktionen, so bedient er leider die gängigen Klischees bei der Darstellung der Faschisten. Weil auch "Die Fälscher" sie offenbar nicht begreifen kann, werden sie zu Karikaturen gemacht, die mal menscheln, mal hysterisch und unzurechnungsfähig erschei- nen. Das ist außerdem übertrieben gespielt, z.B. mit dem üblichen überbetonten Berliner Akzent und wirkt verharmlosend. Obwohl sich ein derartiger Umgang mit den Geschichtsmonstren ja bewährt zu haben scheint: Zuletzt erntete "Das Leben der Anderen" vielerorts Anerkennung, trotz seiner fragwürdigen Überzeichnung der Figuren, darunter einem sächselnden Schreibmaschinenexperten, der eher lächerlich als bedrohlich wirkt.

So eindrucksvoll die zentrale Figur des Films von Karl Markovics interpretiert wird, so blass bleibt der völlig facettenlose August Diehl an dessen Seite. Zwar ist seine Rolle bereits eindimensional angelegt und beschränkt sich auf ideologische Hülsen und Revolteparolen, doch Diehl ist auch scheinbar nicht bereit, ihr Zwischentöne zu entlocken. Seine mangelnde Wandlungsfähigkeit und die ewig statische, gelangweilte Aggressivität seiner Darstellung stören den weitestgehend sehr gut gespielten "Die Fälscher" erheblich. Leider geriet eine Episode des Films sogar sehr ärgerlich. Sorowitschs Einladung in das Haus des SS-Leiters der Operation, Friedrich Herzog (Devid Stresow), führt zur Bekanntschaft mit dessen Frau und Kindern. Diese Szene sticht in ihrer fatal grotesken Unannehmlichkeit aus dem Gesamtkontext stark heraus, wenn die deutsche Ehefrau als unwissendes, naiv-dümmliches Blondchen porträtiert wird.

Es bleibt somit ein Film, der an den bekannten Eigenheiten deutscher Kinogeschichtsstunden leidet. Dennoch setzt sich "Die Fälscher" mit seiner grundsätzlichen Vorgehensweise von den moralinen Mitstreitern ab. Das gelingt noch bei weitem nicht vollständig, doch es ist ein erster Versuch. Und nebenbei eine Geschichte, die auch tatsächlich einmal dringend erzählt werden musste.

55%

März 14, 2007

Retro: CABARET (1972)

"Cabaret" ist einer dieser Filme, die man eigentlich gar nicht wirklich begreift. Liegt es an seiner zeitlosen, ganz eigenen und wunderbaren Schönheit und Ausstrahlung? An der herzlichen Geborgenheit, der lebensbejahenden Botschaft und Leichtigkeit, die er vermittelt? Oder handelt es sich ganz einfach nur um ein Film-Musical, das von scheinbar grenzenlosem Positivismus geprägt ist? Basierend auf dem Broadway-Erfolg adaptiert Bob Fosse die leicht veränderte Geschichte des Oxfordstudenten Brian Roberts (Michael York), der Anfang der 30er Jahre vor dem Hintergrund der drohenden Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nach Berlin reist.

Willkommen!

Dort trifft er in einer kleinen Pension die schrille US- amerikanische Sängerin und Tänzerin Sally Bowles (Liza Minnelli), die jede Nacht auf der Bühne des legendären "Kit-Kat"-Clubs steht und mit ihrer schillernden Performance schnell das Herz des jungen Englischlehrers gewinnt. Doch die quirlige Sally hat noch weitere Verehrer, darunter den jüdischen Baron Maximilian von Heune (Helmut Griem), der allerdings ebenso auch an dem schüchternen Brian interessiert ist. Die anfangs vergnügliche Ménage à trois ist nicht von Dauer – und die immer stärkeren politischen Veränderungen fordern radikale Entscheidungen.

Mein Herr / Two Ladies

Was man heutzutage ganz schlicht mit ‚queer’ abkürzt, nämlich all das, was sich von normativen Konventionen ablöst, rückt bei "Cabaret" in den Mittelpunkt. Doch wo der sexuell Abtrünnige selbst noch im Kino der anfänglichen 70er-Jahre entweder einem der Lächerlichkeit preisgegebenen oder aber isolierten und zum Scheitern verurteilten Typus entsprach, da erhebt Fosses mit 8 Oscars prämierter Film das Anderssein zu einer genussvollen Lebensart. Der Autor Armistead Maupin bringt das in der Dokumentation "The Celluloid Closet" ganz lakonisch auf den Punkt: "Es war der erste Film, der Homosexualität geradezu feierte".

Maybe This Time / Sitting Pretty

Und das bedeutet ganz schlicht, dass die Helden sich keinen Regeln verschreiben und dafür einmal nicht abgestraft werden – anders zu sein erscheint nun auch im Kino nicht mehr als Benachteiligung. Im Gegenteil: ‚Life is a Cabaret’ lautet das Motto! "You have to understand the way I am, mein Herr!", so einfach flüstert es die hinreizende und leicht androgyne Minelli mit verführerischer Stimme in die Kamera. Spätestens dann, wenn die Tochter der Hollywoodlegenden Judy Garland und Vincente Minnelli das erste Mal die Bühne des kleinen Cabarets betritt und die Musicalnummern mit schier unglaublichen Choreographien zu leben beginnen, wird sich niemand mehr dem Bann dieses Films entziehen können.

Tiller Girls / Money, Money

Die Musicalsequenzen in "Cabaret" bleiben durchgängig in ihrem Bühnenshow-Kontext und werden durch eine reine Spielfilmhandlung vernetzt. Es wird ausschließlich nur dort gesungen und getanzt, wo auch die Musik spielt. Das macht Fosse ungemein geschickt, erhält das Musical dadurch doch einen ungewöhnlich filmischen Charakter und wirkt beinahe wie ein Konsens: Genrefans werden ebenso befriedigt wie ein Publikum, das sich mit Film-Musicals tendenziell eher schwer tut. Doch insbesondere durch ihre Zäsurwirkung sind die Songs nicht einem etwaigen Selbstzweck verpflichtet. Denn Komponist John Kander und Liedtexter Fred Ebb verleihen ihnen eine kommentierende Funktion – sie treiben die Geschichte voran.

Heiraten / If You Could See Her

Mehr noch: Sie reflektieren eine tiefere Ebene, die sich unter der pompösen Lebenslust verbirgt und die Ängste der Figuren ebenso wie die gesellschaftlich-politisch Schattenseiten widerspiegelt ("So once I was rich / And now all my fortune is gone / If I've lived through all that / Fifty marks doesn't mean a lot."). Die herausragend in Szene gesetzten Musicaleinlagen sind somit Ausdruck einer wilden, kostümierten Feier, die sinnbildlich für das unbeschwerte und bunte Lebensgefühl der Protagonisten steht, aber aufgrund der doppelbödigen Texte auch eines Zustands voller Zukunftszweifel und einem deutlichen Bewusstsein für die gegenwärtigen Veränderungen des Landes.

Tomorrow Belongs To Me / Cabaret

"Cabaret" ist deshalb nicht nur ein Film über das Ende der goldenen 20er, wo das feierliche Nachtleben noch einmal seine letzten glanzvollen Züge genießt, sondern auch über den Aufstieg des Faschismus in Deutschland. In nur wenigen Momenten und kleinen Szenen wird der Schrecken der Nazis verfremdet angedeutet, aber sein Schleier belegt den gesamten Film. Insbesondere die symbolträchtige Gesangs- einlage auf einem bayerischen Fest verdeutlicht das in einer überzogenen, aber dennoch beeindruckenden Weise. Und wieder sind es die Songs, die die Handlung bestimmen und auf eine Metaebene bringen: Hinter all der schrillen Travestie steckt auch ein sehr bitterer Kern.

Am Ende steht der Anfang, wenn Zeremonienmeister Joel Grey das Publikum zum Finale verabschiedet: Durch Glas, sodass es sich verzerrt selbst spiegelt. Das durchblitzende Hakenkreuz auf dem Arm eines klatschenden Mannes bestimmt die letzte Einstellung. Ein befreiender Optimismus und ebenso auch unbehagliches Gefühl bleiben. Das schaffen wirklich nur die allerwenigsten Filme über das Dritte Reich. "Auf Wiedersehen. A Bientôt. Good Night!".

100%

März 12, 2007

DVD: HWAL (THE BOW)

Der alte Mann und das Meer: Nicht gegen einen großen Fisch, sondern ein 16jähriges Mädchen kämpft er. Vor 10 Jahren stieß sie zu ihm, seitdem bilden der Greis und die Lolita eine Zweckgemeinschaft auf dem Kutter. Doch die ersten Spuren der Reife sorgen für einen Disput. Die junge Frau droht sich vom Bann ihrer väterlichen und gleichzeitig auch sexuellen Obhut zu befreien – der gemeinsame Bogen dient bald nicht mehr nur lieblicher Musik, sondern verwandelt sich zum phallischen Symbol.

Kim Ki-Duk vereint in seiner zwölften Regiearbeit all jene Motive, die auch sein etwas schizophrenes Oeuvre begründen: Die unmittelbare Gewalt wird (wenn auch stark chiffriert) ebenso eingearbeitet wie die meditative Sinnlichkeit seiner letzten Werke. "Hwal - Der Bogen" ist aber weitaus mehr als ein simples Ki-Duk-Best Of. In großartigen Bildkompositionen erzählt er eine konventionelle Geschichte über das Erwachsenwerden, die mit ihren patriarchalischen Motiven radikal bricht. Zwar krankt der Film gelegentlich an seiner Übersymbolik, doch das Initiationsdrama irgendwo zwischen fernöstlichen Mythen und buddhistischer Kultur fesselt durch seine konzentrierte Inszenierung. Im wunderbar surrealen Finale wird dann nicht nur die Trennung von Vater und Stieftochter, sondern auch das Ende zweier Liebender besiegelt: Der Bogenpfeil, zuvor ein Zeichen zwanghafter Enthaltsamkeit, erscheint nun als Auslöser der sexuellen Befreiung.


60%

März 10, 2007

TV: Fernsehtipps 10.03. - 16.03.07

Samstag, 10.03.

18:25 Uhr – „Das darf man nur als Erwachsener“ (Das 4.)

Witzig und tiefgründig: Molly Ringwald brilliert abermals in einem großartigen John Hughes-Film.

20:15 Uhr – „American Werewolf in Paris“ (RTL2)

Stark gekürztes, aber auch ansonsten dümmlich-lahmes Sequel zum durch und durch britischen Original.

22:30 Uhr – „Nightwatch – Nachtwache“ (Das 4.)

Atmosphärisch dicht, irre spannend und unheimlich gruselig – doppelbödiger Meisterthriller.

1:15 Uhr – „Hellraiser 6: Hellseeker“ (Pro7)

Unglaublich schlechte Fortsetzung, die den bereits reichlich verquasten Vorgänger noch unterbietet. Pinhead übernimmt nunmehr endgültig eine gänzlich untergeordnete Rolle in einem hanebüchenen Drehbuch.

Sonntag, 11.03.

20:15 Uhr – „The Day After Tomorrow“ (RTL)

Emmerichs bis dato bester bzw. erster wirklich gelungener Film: Brillante Action mit Gewissen und einem tollen Jake Gyllenhaal.

20:15 Uhr – „Spider-Man 2“

Technisch ausgereiftes und überdurchschnittlich gut ge- schriebenes Sequel mit fantastischem Finale. Eines der wenigen Comicfilm-Highlights.

23:00 Uhr – „The Punisher“ (Pro7)

Zweite Adaption des Stoffes. Weitaus unterhaltsamer als ihr Ruf, wenn auch durch unfreiwillige Komik gekennzeichnet. In der hier gekürzten Fassung indes absolut unbrauchbar.

Montag, 12.03.

20:15 Uhr – „Pathfinder - Ofelas“ (Tele5)

Das Original. Natürlich besser als der Ralf Moeller-Käse, aber dennoch völlig überschätzt.

22:15 Uhr – „Denn zum Küssen sind sie da“ (ZDF)

Manchmal etwas geschmackloser Thriller nach Schema F, durchwachsen gespielt und insgesamt unbedeutend.

Dienstag, 13.03.

20:15 Uhr – „Money Train“ (K1)

Launige Buddy-Komödie ohne Umschweife. Läuft geschnitten.

Mittwoch, 14.03.

20:15 Uhr – „Splash – Jungfrau am Haken“ (S-RTL)

Einen einzigen guten Film hat auch Ron Howard hin- bekommen. Daryl Hannahs bezaubernde Paraderolle.

22:10 Uhr – „Nur 48 Stunden“ (K1)

Nervig, hölzern und schrecklich langweilig. Eddie Murphy als Brechmittel.

0:20 Uhr – „Der Feuerwehrball“ (ARD)

Tschechisches Frühwerk von Milos Forman. Kenne ich noch nicht.

Donnerstag, 15.03.

20:15 Uhr – „Anna und der König“ (VOX)

Erreicht Cromwells Original zu keiner Sekunde.

0:20 Uhr – „Schiffsmeldungen“ (ZDF)

Einfühlsames Drama von Lasse Hallström, Geheimtipp.

Freitag, 16.03.

20:15 Uhr – „Godzilla“ (Pro7)

Gründlich misslungener Versuch, einen US-Godzilla zu etablieren.

22:00 Uhr – „From Hell“ (RTL2)

Visuell atemberaubende Variation des Jack the Ripper- Stoffes, die sich stark, aber dennoch gelungen von der Vorlage löst.

22:30 Uhr – „Lohn der Angst“ (3SAT)

Hochspannender Thriller vom großartigen Clouzot.

0:30 Uhr – „Eat Drink Man Woman“ (ZDF)

Ang Lees meisterlicher Abschluss seiner “Father knows best”-Trilogie – ein Juwel.