September 11, 2007

Kino: SICKO

Polemik und Populismus. Die beiden Plattitüden gleich zu Beginn, damit es gar nicht erst dazu kommen muss, Michael Moore ein weiteres Mal der Einseitigkeit und Vereinfachung, der Bagatellisierung und Übertreibung zu bezichtigen. Denn irgendwie ist's langweilig, auch in Zeiten, da selbst die eigenen Reihen zum Widerstand rüsten und den Dokumentarfilmer aus Flint, Michigan, ihrerseits mit Produk- tionen wie "Manufacturing Dissent" der großen Lüge beschuldigen. Moore biege sich die Wahrheit hier und da hübsch zurecht, heißt es, er banalisiere komplexe Probleme zu unterhaltsamen One Linern und hätte Segmente seiner viel gefeierten und mit Preisen überschütteten Filme "Roger and Me", "Bowling for Columbine" und "Fahrenheit 9/11" verfälscht.

Derlei Gegendarstellungen sind jedoch so unnötig wie naiv – selbstverständlich entbehrt Moores Arbeit jeglicher Objektivität, jedes Detail ist hier sorgfältig ausgewählt, klar kalkuliert und zweifellos zu einem Urteil montiert. Was salopp als Infotainment betitelt wird, hat längst keinen Anspruch mehr auf eine wie auch immer definierte Neutralsicht. Moores Filme sind eindeutige politische Bekenntnisse, sie sind Kampfansagen mit Nachdruck, latent radikal in ihrer Mitteilungswut und ganz unentbehrlich in Zeiten, da der konservative Lobbyismus das US-Kino scheinbar endgültig unterwandert hat. "Sicko" ist ein ganz typischer Moore: Sarkastisch, manipulativ, ehrgeizig. Doch er ist gleichzeitig auch ganz anders, wesentlich unaufgeregter, fast schon sentimental. Es geht ihm weniger um Selbstdarstellung und Diffamierung, als die Sache für sich. Die Sache mit diesem unbegreiflichen Gesundheitssystem der USA.

Und sein Ansatz ist nicht der eines "Bowling for Columbine", in dem Moore dem Waffenirrsinn seiner Landsleute nachging, um Rückschlüsse auf die hohe Verbrechensrate zu ziehen. Als er dabei stets Einzelpersonen wie Charlton Heston vor die Kamera zwängte und ihnen manch unfreiwilliges Bekenntnis entlockte, war dies zweifellos Amüsement auf hohem Niveau, gleichzeitig allerdings musste sich der Filmemacher diesbezüglich auch den Vorwurf gefallen lassen, die Schuld der untersuchten Misere bei alten einsamen Kinohelden zu suchen. So positioniert sich Moore in "Sicko" mal nicht vor die Türen der hiesigen Chefetagen und überrennt die verwirrten Beschuldigten mit Zahlen und Fakten, er widmet sich also tatsächlich nicht dem Führungspersonal all der Pharma-Unternehmen und Ver- sicherer, sondern den Opfern: Und diese gehören überraschenderweise nicht nur zu den 50 Millionen US-Bürgern, die nicht versichert sind, sondern auch jenen anderen, die eigentlich Anspruch auf Leistungen hätten.

Dass also schon das grundsätzliche Paradoxon des Films – Krankenversicherte, die durch irrsinnige Forderungen, Ablehnungen oder Einschränkungen ihrer Privatkassen gesundheitlichen Schäden unterliegen – bissiger als jede Polemik wirkt, macht "Sicko" um einiges cleverer als seine Vorgänger. Die leider obligatorischen Off-Kommentare fehlen zwar auch in diesem Moore-Film nicht (und sie sind nicht selten abermals redundant), doch dass sich die Produktion immer an die Geschädigten hält, nur ihnen einen Artikulationsraum bietet, das lässt jede Ambition frei vom Moore-Filter ehrlich erscheinen. Fast gerät es da in den Hintergrund, dass der Film im gleichen Moment, in dem er die kostenpflichtige Versorgung der USA anklagt, die Gesundheitssysteme von Kanada, England und Frankreich übermäßig lobpreist, ohne deren Steuerfinanzierung oder überhaupt das größere Ganze ins Blickfeld zu nehmen.

Was "Sicko" letztlich zu mehr als zwei Stunden gewissenhafter Unterhaltung macht, ist vor allem sein Bild von der Demokratie als solche: Gesunde, selbst bestimmte Bürger lassen sich nur schwer regieren, heißt es im Film, wohl gemerkt nicht aus Moores Mund. Und so ist das wirklich erschreckende an "Sicko", wie er Zusammenhänge spinnt zwischen einer katastrophalen Krankenversorgung und politischem Wahnsinn: US-Kongressabgeordnete, die erst Gesetze und Scheinreformen verabschieden, nur um dann an die Spitzen der Pharmagesellschaften zu wechseln – das ist wahrlich schlicht und ergreifend sick.

75% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. Der erste Absatz gefällt mir ja glatt am besten ;-)...

    aber ne, Moores Karten waren mir bisher immer zu gezinkt, das einzig Positive ist vermutlich wieder mal nur die vermeintliche Intention

    VG
    Daniel

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  2. Der erste Absatz gefällt mir ja am besten ;-)

    aber ne, Moores Karten waren mir bisher zu gezinkt, das einzig Positive ist vermutlich wieder mal nur die vermeintliche Intention

    VG
    Daniel

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  3. Schade, keine PV in Stuttgart, wobei - ein Film von einem Volkshetzer, der öffentlich zum Mord gegen Deutsche und Mexikaner aufruft...?

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  4. Klingt nicht besonders vertrauenswürdig. Wo haste das her? Von www.we-bash-michael-moore.com? ;)

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  5. Lies mal "Querschüsse" (oder die Rezensionen bei Amazon), dann siehst Du, was ich meine... ;-)

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  6. bestimmt aus einem seiner Bücher ;-) (wobei jedes das andere in den kernthesen so ziemlich wiederholt)

    Daniel aus MV

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  7. Klingt aus dem Zusammenhang gerissen. Oder da hat jemand kein Gespür für Ironie. Aber ich bin auch kein Moore-Verfechter, war nur sehr angetan von SICKO, mehr nicht. ;)

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