Juli 22, 2007

Kino (FFF '07): LE SERPENT

Erinnert sich noch jemand an diese Spät-80er-Phase der Filmgeschichte, in der volle Kinos immer dann garantiert schienen, wenn ein psychopathischer Mörder mit bürgerlicher Maske gut situierte Familien unterwanderte – sich also erst mühsam alle Sympathien erspielt hatte, um später dann zum Neid und Hass erfüllten Monstrum mutieren zu können? Das waren nicht selten gestörte Frauen (man denke nur an Glenn Close in "Fatal Attraction" oder Rebecca De Mornay in "The Hand That Rocks The Cradle"), die für ihren individuellen Unmut alles Glückselige zur Rechenschaft ziehen mussten und dringend einer Sozialisierung unterzogen gehörten, während mitunter allerdings auch die männlichen Bösewichte nach familiärer Zugehörigkeit gierten (Ray Liotta in "Unlawful Entry") und dafür kein noch so perfides Mittel scheuten.

Derweil hinken diesem einstigen Trend nur noch vereinzelte Nachzügler hinterher, die jene biedere Grundmoral – ein Mensch wird zur mörderischen Bestie, wenn er nicht Teil eines sozial geordneten familiären Raums ist – mit relativ beliebigen Thrillermustern kombiniert aufgreifen. Eric Barbiers "Le Serpent" ist so ein Genrefilm, der es sich in dieser Nische gemütlich gemacht hat, auch wenn er als französischer Beitrag womöglich lieber mit den detektivischen Neo Noir-Vertretern der Claude Chabrol-Ära assoziiert werden möchte. Er scheint ganz darauf zu vertrauen, dass seine Zuschauer sich nichts verwerflicheres vorstellen können, als dass die eigene Familie von einem wahnsinnigen russischen Erpresser bedroht wird, während man selbst als zu Unrecht verdächtigter Mörder mittellos die eigene Unschuld beweisen und schließlich das Leben seiner Frau und Kinder retten muss.

Diese Geschichte ist an und für sich schon mindestens so unterinteressant wie eine durchschnittliche Ausgabe diverser ZDF-Vorabendkrimis, wird allerdings noch wesentlich minderwertiger in Szene gesetzt. Die TV-Ästhetik des Films ist für sein Scheitern dabei gar nicht einmal so ausschlaggebend, vielmehr krankt "Le Serpent" an einer gänzlich faden Erzählstruktur, die nichts – also tatsächlich: nichts – unternimmt, um die abgestandene Story mit einigen Kniffen, Drehungen, Wendungen, ja sagen wir zumindest dem Hauch einer Idee aufzuwerten. Stattdessen spult Barbier das Standardprogramm ab, alles ganz und gar schrecklich vorhersehbar und garantiert spannungsfrei.

Dafür braucht der Film zudem ganze zwei Stunden, eher sich Vincent, der Photograph, endlich gegen den erpresserischen Plender behaupten kann. Letzterer leidet übrigens an einem selten dämlichen Ödipus-Komplex, was für einige großartig komische Momente sorgt, wenn er das gläserne Grab der Mutter besucht und ihre wie auch immer erhaltenen Überreste begafft. Wie zu erwarten war, rettet der ganze Schlamassel letztlich sogar die Beziehung zwischen Vincent und seiner Ehefrau, die über Scheidung jetzt kein Wort mehr verlieren wird – immerhin wurde sie samt den Kindern gefesselt und für mehrere Stunden in ein Tiefkühlfach gesperrt. Vincent sollte seinem Peiniger also doch zur Abwechslung mal dankbar sein! Das wäre überhaupt die Sensation, ja eine ganz neue Idee fürs Genre, quasi so ein Stockholm-Syndrom als Homo-Drama. Also warum eigentlich ist dann Plender hier das Arschloch? Und nicht stattdessen einfach mal der schmierige Selbstjustiz-Papi?

30% - erschienen bei: DAS MANIFEST

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