Januar 30, 2007

DVD: MUNICH (2005)

Den Titel gebenden Anschlag im September 1972 bebildert Regisseur Steven Spielberg nur grob; in semi- dokumentarischen Einzelepisoden demonstriert er den palästinischen Blutakt an israelischen Olympiateilnehmern, kombiniert mit authentischen Fernsehaufnahmen, die dem Zuschauer jene Ereignisse noch einmal nachdrücklich ins Gedächtnis rufen oder zumindest übersichtlich veranschaulichen. Seine Geschichte fokussiert dagegen die Folgen und Auswirkungen eines derartigen Attentats, um in allgemein festgehaltenen Thesen auf die ewig rotierende Gewaltspirale hinzuweisen: Die inoffizielle Vergeltungsodyssee der Mossad-Agenten steht im Mittelpunkt einer Reflexion und Auseinandersetzung über die Entfremdung des Individuums in einem blinden Kampf, der nie gänzlich ausgetragen werden kann. Dabei erweist sich "Munich" als brisanter Politthriller, der meisterlich erzählt und visuell herausfordernd zu den komplexesten Filmen Spielbergs zählt.

Diskussionswürdig ist nicht nur die fiktive Grundlage dieses Stoffes, der Roman "Vengeance" (1984) von George Jonas, sondern auch die bemühte Vorsicht des Regisseurs, Wertungen vorzunehmen, um Vorwürfen beider Lager Einhalt zu gewähren. Dadurch, dass er sich möglichst unangreifbar in eine Schutzposition zurückzieht, um sich vielmehr einer ganz theoretischen und unspezifischen Abhandlung der Gewalt-Gegengewalt-These zuzuwenden, wurde Spielberg von mehreren Seiten kritisiert. Zu naiv, zu weltfremd und kindlich seien seine Vorstellungen vom politischen Nahostkonflikt, der als Beispielinstanz verfremdet würde, um anhand eines menschlichen Schicksals – dem jüdischen Agenten Avner, gespielt von Eric Bana – als Opfer und Täter zugleich ein pazifistisches Plädoyer einzustimmen, das stark manipulierend und kurzsichtig an den Humanismus des Zuschauers appelliere.

So wenig diese Beschuldigungen auf den ersten Blick widerlegt werden können, so sehr verweigern sie den Diskurs mit ihrem Verursacher Spielberg. Dessen natürliche Empathie mit dem organisierten Rachefeldzug Israels sollte nicht als antisemitisches Statement verstanden werden, sondern als Problematisierungsansatz für den Mangel an Kommunikation, der Entscheidungen nur auf Basis von Gewalt in all ihren Formen fällt. Dass die augenscheinliche Lösung nicht einfache Vergeltung in Form und Stil der politischen Gegner sein kann und darf, wird zum polemisch belegten Grundsatz des Films, ohne Spielberg diesen verübeln zu können: Indem er keine Seite konkret anklagt, sondern seine Wut und Zweifel gegen den Weg der Gewalt wendet, forciert der Film die Auseinandersetzung und Diskussion mit seinen Sujets, die er selbst nur fragend in den Raum stellen kann – und welche Barrikaden hätte manch einer erklommen, würde er sie beantworten.

Durch seine Figur Avner, einem patriotischen Diener des Mossad, transzendiert Spielberg eindrucksvoll die Auswirkungen seines schwer greifbaren Gegenstandes, staatlichem Terror. In doppelt kodierten Dialogen, besonders jener Schlüsselszene, als Avner auf einen palästinischen Abgesonderten, der seine Identität nicht kennt, trifft, verweist er auf beide Positionen und den historisch bedingten Hintergrund der jüdischen Diaspora und Staatsgründung. Dieser Moment ist einer der wenigen, in denen der Regisseur zugleich stark kommentiert und Diskussionsstoff anbietet, indem er den gegenseitigen Hass als verselbstständigte Maschinerie erscheinen lässt: Ein Dialog wird gar nicht mehr in Erwägung gezogen, vielmehr müssten neue Söldner produziert werden, um den ewigen Krieg garantieren zu können. Dass die kollektive Erhabenheit längst jeglichen Individualismus zerstört hat, wird Avner – der seinem Gegenüber entsprechend schockiert begegnet – unlängst selbst bewusst. Seine Treue für Israel blendete den Zweck der staatlich verordneten Vergeltung aus, der Verlust der eigenen Souveränität ist deren Folge.

Das drückt sich ebenso radikal wie – natürlich – diskussionswert in einer an David Cronenbergs "A History of Violence" erinnernden Sexszene aus, die, gemessen an der Spielbergschen Prüderie, erstaunlich offensiv die bittere Erkenntnis nicht nur jener verlorenen Sicherheit durch die Freunde, sondern auch die Angst vor weiteren Racheakten heraufbeschwört. Selbst in der intimsten Sphäre des Menschen kann es keinen Schutz und keine Rückkehr zur Normalität mehr geben, grelle Schreckensbilder haben sich in Avners Kopf unwiderruflich festgesetzt und drohen ihn zu zerstören. Das mag populistisch und überstilisiert sein, doch kann nicht die eindringliche Kraft dieser ambitionierten Aufforderung schmälern, berechtigte Fragen stellen zu dürfen.

85%

Review erschienen bei: Wicked-Vision.de

Kommentare:

  1. Sehr schöner Text. Stimme Dir - ausnahmsweiße - mal hundertprozentig zu. Wobei: ich hätte ihm 10/10 gegebn... ;-)

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  2. Sehr schöner Text. Stimme Dir - ausnahmsweiße - mal nicht hundertprozentig zu. Das war doch alles sehr sehr oberflächlich, ohne politischen Bezug. DsaSpielberg keine Seite bevorzugt mag man ihm zugute halten, aber das übrig blieb halt nur ein überdurchschnittlicher Actionkrimi.

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  3. Mr, Vengeance31/1/07 00:11

    sehe ich auch so.

    Mal abgesehen davon das MUNICH narrativ eine kleine Bruchlandung macht, verläuft sich der Film in seiner Liberalität. Ach ja: Es gab die meines Erachtens schlechteste Sex-Szene der Filmgeschichte zu sehen. War noch peinlicher als die Kunststücke Giamatti's bei der Asiatin, in Shyamalans Supergau.

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  4. @Grammaton Cleric:

    10/10 bekommen bei mir nur ganz persönliche Filme, die sich diesen Status auch erst "erarbeiten" müssen. Als ich letztes Jahr aus dem Kino kam, war ich völlig weggeblasen von MUNICH, auf DVD relativierte sich dann so manches. Aber schön, dass wir mal einer Meinung sind ;-)

    @Tomalak:

    Wie gesagt, ich stehe eigentlich auch auf weitem Flur allein mit dieser Meinung. Viele Kollegen und Freunde von mir fanden den Film völlig inakzeptabel, weil er tatsächlich nicht besonders politisch ist, sondern eher mit den Konventionen des Thrillerkinos arbeitet. Das ist ja generell bei Spielberg das Problem: Wenn er Suspense-Momente kreiert, die immer nur eine Variation seines Standardbeispiels "Jaws" sind, dann wird ihm das immer dann, wenn er ernste Sujets anpackt, zum Verhängnis. Ich als Spielberg-Fan rede mir da manches sicherlich schön, das weiß ich. Aber gerade die Naivität reizt mich so. Manchmal wünsche ich mir für komplexe Sachverhalte einfache Lösungen - sozusagen Kino als Wunschdenken.

    @Timo:

    Ach ja, die Sexszene ... ich kann da nicht wirklich widersprechen. Und dennoch bekomme ich nicht nur in dieser Szene eine Gänsehaut, das kann ich eben irgendwie nicht ändern.

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  5. Stimmt auch wieder. Habe MUNICH bisher nur im Kino gesehen, und obwohl ich die DVD schon ewig im Regal habe, kam ich noch zu keiner Zweitsichtung... Muss dringend mal nachgeholt werden (und evtl. komme ich dann ja auch auf 9/10 ;-))!

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  6. Schöne Review, besser geschrieben wie meine *beschämt*

    Ich finde Spielberg konnte den Film nur liberal-neutral in Szene setzen, für welche Seite hätte er den Partei ergreifen sollen? Ich finde in dem Konflikt kann man sich nicht auf eine der beiden Seiten schlagen, weil beide Recht haben und das drückt Spielberg in der im Text beschriebenen Szene zwischen Avner und seinem PLO-Kollegen Ali aus. Von daher hat er politisch den richtigen Kurs eingeschlagen.

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  7. Stimme ich dir zu. Im Übrigen fand ich deine Worte zu dem Film ziemlich treffend, als ich sie gestern gelesen habe. Wobei ich in "Munich" persönlich mehr als einen "soliden Thriller" sehe.

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  8. Hm, ich finde Munich ist ein höchst politischer Film. Stellt er doch das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" Prinzip beider Seiten in Frage. Der letzte Schwenk zum WTC unterstreicht dies noch einmal und stellt den Bezug zur Gegenwart her. Das dies vielleicht im Nebel des Agententhrills nicht nur ein wenig untergeht, dafür kann er nichts. Er ist halt Abenteuerfilmregisseur;-)

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  9. Gerade den WTC-Schwenk fand ich unpassend und kurzsichtig, da Spielberg hier mal eben mit einer Einstellung salopp und undifferenziert den Bogen vom September- zum 9/11-Terrorismus spannen will, was einfach nicht geht, da dies im Kontext völlig unterschiedliche Ausprägungen von Terror sind und Spielbergs politische Schwächen sich hier besonders offenbaren.

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  10. Ob der Schwenk jetzt gelungen war oder nicht, ändert ja nichts an der Tatsache, daß Spielberg mit Munich ein politisches Statement hinterläßt. Ich denke auch, daß der Film in den USA eine ganz andere Wirkung hat als hier in Europa.

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