August 31, 2006

Kurzschluss: THE DEVIL WEARS PRADA

Der furiose Anfang verspricht einiges – und tatsächlich punktet „The Devil Wears Prada“ mit einigen herrlich witzigen Momenten. Doch leider ist die Geschichte vom hässlichen Entlein nicht nur so alt wie das Kino selbst, sie ist auch dementsprechend altbacken inszeniert. So kann auch die großartige Meryl Streep, die hier an ihre Performance in „Death Becomes Her“ anknüpft, nicht verhindern, dass der Film gleichermaßen vorhersehbar wie zäh ist. Für einen leichten Kinoabend ohne Überraschungen mag das vielleicht noch genügen, das bestens aufgelegte Ensemble bleibt aber dennoch spürbar unterfordert.

Wertung: 5/10 - Kinostart: 12.10.2006

Kino: SHORTBUS

Der als Schauspieler und Regisseur mit diversen Preisen ausgezeichnete John Cameron Mitchell ("Hedwig and the Angry Inch") schickt sich mit "Shortbus" an, die Lebenskultur der eigenen Generationsgeneration abzubilden. Irgendwo in New York haben irgendwelche Mitzwanziger eben irgendwie so ihre Probleme mit Selbstfindung, Befriedigung oder Einsamkeit. Der Nenner bleibt dabei der gleiche: Sex. Der Unterschied: Mitchell erklärt ihn zum Sinn des Lebens, seine Figuren sinnieren und reden ausschließlich Übers Ficken – Sex ist nicht nur der einzig wahre Grund ihrer Existenz, er hält sie quasi auch am Leben.

Dementsprechend sehen wir davon reichlich auf der großen Leinwand, in unverhüllten Hardcore-Bildern treibt es jeder mit jedem, ob homo oder hetero, vorne oder hinten, oben oder unten. Zwar muss man Mitchell zugestehen, dass seine Freizügigkeit weniger dem Selbstzweck dient als es bei den penetranten, letztlich auf den reinen schmierigen Voyeurseffekt hin ausgelegten, Bildern eines Larry Clark (
"Kids") der Fall ist, sein "Shortbus" weiß darüber hinaus aber letztlich ebenso wenig Substantielles zu berichten.

Z
u oberflächlich und banal sind seine Themen und zu unwichtig sind ihm schließlich auch die Figuren. Die (zugegeben brillant gefilmte) Odyssee der Hauptdarstellerin Lee Sook-Yin mag in ihrer Virtuosität, die jene Momente in der Titel gebenden Bar aufweisen, "authentische" Dichte kennzeichnen, die Motivation dieser Figur – die Suche nach dem weiblichen Orgasmus (!) – ist hingegen ebenso albern wie unzulänglich, da Mitchell offenbar nicht einmal versucht, einen Ausweg aus ihrer inneren Krise zu suchen. Das verhältnismäßig pompöse Finale verkommt somit zum unfreiwillig komischen Höhepunkt, bei dem der Regisseur zudem vergeblich darauf picht, den finalen Orgasmus seiner Figur auch zu einem des Films werden zu lassen.

Trotz einiger hervorragend inszenierter und erfrischend natürlicher Szenen scheitert
"Shortbus" deshalb an seinen unzureichenden Charakteren, die nur als bessere Schablonen für Mitzwanziger-Nostalgie und allzu gewollt erscheinen. So bunt und zahlreich Mitchell sein Ensemble in Szene setzt, so leer und einfach gestrickt sind die Figuren letztlich – und so sehr enden auch tragische Themen wie Suizid und Kindesmissbrauch im aussagelosen Nichts. Richtig schief geht der kokette Versuch, eine angeblich zerstörerische Gesellschaft in Bezug zu 9/11 zu setzen, was den Ficken-für-die-Freiheit-Appell des Films nur umso überproportionierter erscheinen lässt (Fremdschamgarantie). Da kann New York einen in noch so wundervoll gebastelten Miniaturen verzaubern, die den Zuschauer in ihren Zwischensequenzen umgarnen - es mag schön aussehen, aber einen Blick dahinter will man besser gar nicht erst riskieren.


40%

August 27, 2006

Kino: VOLVER

Er war ja nie wirklich weg, Regisseur Pedro Almodóvar. Aber der Titel seines neuen Films "Volver" ist in vielerlei Hinsicht Programm, bedeutet er doch die Rückkehr Penelope Cruz’ in ihre Heimat, nachdem sich der Erfolg auf dem amerikanischen Markt nicht einstellen lassen wollte, ein Wiedersehen mit der Grand Dame des spanischen Kinos Carmen Maura, nach fast 20 Jahren erneut mit Almodóvar vereint, und die Wiederkehr in die Region La Mancha, wo der Filmemacher aufwuchs. Das Werk hält dabei - in meisterlicher Vollendung – die Balance zwischen den schrillen, exzentrischen Elementen früherer Almodóvars und gesetzten, zurückhaltenden Klängen, eine neue Formel beinahe, und ein neues Ergebnis: Sein 16. Film ist nicht nur der zugänglichste, sondern auch der bislang beste.

"Volver" ist in erster Linie eine filmische Besinnung, eine Ode an die Heimat und Kindheit, eine gedankliche Rückkehr zu Orten und Geschehnissen, die nie verarbeitet wurden. Penelope Cruz spielt Raimunda, eine lebensstarke Frau, die Almodóvar durch viele Höhen und Tiefen laufen lässt, sie auf eine Reise in die Vergangenheit begibt, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Er erzählt die bewegte Geschichte einer Familie in einem spanischen Dorf, wo Mythen und Aberglaube mehr bedeuten als wahrheitsgetreuer Rationalismus. So kehrt die Mutter von Raimunda und ihrer Schwester Sole (Lola Dueñas) aus dem Reich der Toten zurück und klärt nicht nur die Umstände ihres vermeintlichen Todes auf, sondern was sich einst bei einem großen Brand wirklich ereignete.

Das alles ist so wunderbar echt ins Leben gerufen, es fühlt sich ebenso leicht an, wie es erzählt ist, und es ist doch so ernst, so tragisch und vor allem so melancholisch. Bei allem Witz und all der Heiterkeit ist "Volver" eine anrührende Tragikomödie über die Begegnung mit den Geistern der Vergangenheit, eine Liebeserklärung an die Frauen, die mit ihrer Zwischenmenschlichkeit die schuldigen Bilder einer Realität in der Ferne vergessen lassen. Almodóvar verwischt inhaltlich abermals eindrucksvoll surreale mit naturalistischen Elementen, doch so absurd das auch immer erscheinen mag, das Leben ist eben eigentlich nicht anders, mal schrill und wiederum bieder, mal eigenartig und doch völlig normal.

Aus dem Ensemble, fantastisch harmonisch und geschlossen, brilliert insbesondere Penelope Cruz, die hier spürbar alle Masken ihrer eingeschränkten Arbeit in der Traumfabrik ablegt. Wie die Frauen bei Visconti oder Rossellini (nicht zufällig verweist Almodóvar in einer Szene auf "Bellissima") bewegt sie sich grazil und selbstbewusst, betont die Kamera ihre weiblichen Rundungen. Schließlich singt sie sich in einer wundervoll inszenierten Restaurantszene in die Herzen des Publikums, nur einer der vielen Gänsehautmomente des Films. "Volver - Zurückkehren" ist zu schön, um wahr zu sein – und trotzdem ein Schritt vor, denn zurück.


85%

August 26, 2006

Retro: BROKEBACK MOUNTAIN (2005)

[wird in Kürze überarbeitet]

August 25, 2006

News: Romeros DIARY OF THE DEAD

Was freue ich mich auf diesen Film! Ich meine, ich freue mich eigentlich nie wirklich auf einen Film, wenn News WX und Trailer XY zu YZ erscheinen, aber da George Romero - einer der wenigen wirklichen Lieblingsregisseure von mir – seinen großartigen „Land of the Dead“ fortsetzt, dann ist das durchaus ein Grund mehr, voller Freude ins Wochenende zu starten.

"The Hollywood Reporter writes that horror maven George A. Romero has signed on to write and direct "George A. Romero's Diary of the Dead," the latest sequel to his 1968 cult classic "Night of the Living Dead."


With a story mixing elements of "The Blair Witch Project" and the long-running "Dead" series, the film will follow a group of college students shooting a horror movie in the woods who stumble upon a real zombie uprising. When the onslaught begins, they seize the moment as any good film students would, capturing the undead in a "cinema verite" style that causes more than the usual production headaches.


After going more than two decades without making an independently financed zombie film, Romero told his production partner Peter Grunwald he was frustrated working within the system. "I was trying to convince Peter we could just run off and do it ourselves," he said."


Quelle

August 22, 2006

Retro: THE EMPIRE STRIKES BACK (1980)

Die „Star Wars“-Retrospektive geht in die zweite Runde. Von Kritik und Fans gleichermaßen als beste Episode gekürt, geht „The Empire Strikes Back“ zwar einen Schritt weiter als „Episode IV: A New Hope“, kann aber noch nicht mit über die Enthüllung des Vater/Sohn-Konflikts hinausgehenden Vertiefungen aufwarten. In Bezug auf seine Dramaturgie hat das Sequel dennoch Maßstäbe in der Gestaltung von Film-Trilogien gesetzt. Zur Filmbesprechung geht es hier.

August 21, 2006

Kino: SNAKES ON A PLANE

In den USA kennt mittlerweile jedes Kind den Ausdruck „Snakes on a Plane“, eigentlich der Titel einer teuren C-Produktion mit B-Movie-Anstrich, nun allerdings nicht nur im Jugendjargon eine gängige Floskel. Bereits lange vor Veröffentlichung entwickelte sich ob des skurrilen Titels eine weltweite Fangemeinde, die für den größten Internet-Hype seit „The Blair Witch Project“ (1999) verantwortlich zeichnet. Unzählige Websites und Blogs befassten sich mit dem „Phänomen“, da wurden Gedichte und Songs geschrieben, Plakate kreiert, Trailer gedreht und allerhand andere Dinge ins Leben gerufen, um die Wartezeit bis zum Kinostart zu verkürzen. Der Film zum Hype kann bodenständige Erwartungen erfüllen: Er ist schlecht, er ist absurd und er ist verdammt unterhaltsam.

"I want these motherfucking snakes off this motherfucking plane."

Samuel L. Jackson („The Red Violin“) soll den Vertrag Gerüchten zufolge nur wegen des Titels unterschrieben haben. Umso bezeichnender, dass New Line Cinema scheinbar nicht einmal wusste, was für einen potentiellen Trash-Hit sie in der Mache hatten, als sie den Film in „Pacific Air Flight 121“ umbenannten – freilich gefolgt von heftigen Fan- und Crewprotesten. Nach Einsicht der Produzenten sollte dies jedoch nicht das einzige Beispiel für den Einfluss des Publikums bleiben. Letztlich wurde eine Vielzahl an Entscheidungen zugunsten der Fangemeinde getroffen, zumeist sogar in Form von Nachdrehs. So sollte „Snakes on a Plane“ ursprünglich als jugendfreier PG-13-Film in die Kinos kommen, wurde nach Einwänden der Internet-Community jedoch um nach gedrehte Gewaltszenen, sowie herbere Dialoge ergänzt und auf R-Rated-Niveau gebracht. Das ganze ist also durchaus auch kommerzielles Kalkül, nichtsdestotrotz ist es letztlich aber ein Film für die Fans geworden. Es gibt Gewalt, es gibt Titten - und es gibt natürlich Schlangen. In der Luft.

Die Idee ist so abstrus, dass daraus nur ein Hit werden konnte. Dabei ist das alles eigentlich nur ein weiterer Tierhorrorfilm mit Actioneinschlag, eine Mischung aus „Turbulence“ und „Anaconda“ grob gesagt, den Produktionen aus der Nu Image-Schmiede nicht unähnlich. Aber eines haben die anderen eben nicht: Samuel L. Jackson, der in einem Flugzeug gegen eine Horde orientierungsloser, durch Pheromone verwirrter Schlangen kämpft! Wie es dazu kommen konnte ist schnell erzählt, handelt es sich wohl um den ältesten McGuffin der B-Actionfilmgeschichte. Ein junger Biker beobachtet irgendwo in Honolulu, wie irgendwelche Gangster (die im weiteren Film auch keine Rolle mehr spielen werden) einen Mord verüben. Der FBI-Agent Nelville Flynn will den Zeugen zum Schutz nach Los Angeles bringen. Auf dem Flug dahin allerdings befinden sich auch Hunderte Schlangen - Mambas, Pythons und Kobras, die den Passagieren, sexgeile Teenager, Sprüche klopfende Afroamerikaner und knapp bekleidete Stewardessen, das Leben schwer machen wollen.

At 30,000 feet, snakes aren't the deadliest thing on this plane.

Mit Regisseur David R. Ellis, der bereits in „Final Destination 2“ für extravagante Todesarten sorgte, hat New Line den richtigen Mann für „Snakes on a Plane“ verpflichtet. Der Film macht keinen Hehl daraus, dass er eine hanebüchene Geschichte zu erzählen hat, jedes nur erdenkliche Klischee bedient und nicht einmal in Ansätzen etwas - von der Idee abgesehen - Innovatives bieten kann, sondern eben grundsolide durchinszeniert ist, sich auf niveaulose, aber doch verdammt witzige Einfälle verlassen kann und dabei kaum Durchhänger aufkommen lässt. Und streng genommen ist „Snakes on a Plane“ ohnehin ein einziger sinnfreier Leerlauf, ein konstitutiver Trashfilm sozusagen, der die Trivialität zum Prinzip macht.

Essentiell ist dabei die Darstellung der Schlangen. Die 33 Mio. US-Dollar Budget sieht man den visuellen Effekten nicht wirklich an, die animierten Schlangen sehen ungleich schlechter aus als ihre trainierten, wirklichen Kollegen. Dem Charme des Films kommt das jedoch zu Gute, denn die Attacken der Reptilien sind erfreulich zahlreich, über zu wenig Screen-Time wird man kaum klagen können. Die nachträglich gedrehten, etwas härteren Szenen sind überdeutlich als später platzierte, Selbstzweck hafte Momente zu erkennen, allerdings möchte man sie nicht missen. Die Schlangen toben sich nämlich derart zynisch (und selbstverständlich außerordentlich unrealistisch) aus, dass diese in Brustwarzen, Genitalien und überhaupt alle Öffnungen des menschlichen Körpers beißen oder verschwinden, ohne waschechten Gore zwar, aber doch erstaunlich eklig. Das Drehbuch lässt dann auch keine Gelegenheit aus, dem bitterbösen Humor freien Lauf zu lassen (Stichwort: Hund). Und da es letztlich das ist, was das Publikum, die Fans sehen wollten, enttäuscht „Snakes on a Plane“ wahrlich nicht.

Bleibt zu sagen, dass man mit Samuel L. Jackson und seinen giftigen Anhängern eine Menge Spaß haben kann, wenn man denn möchte. Manches Mal hätte es zwar gerne doch etwas origineller sein dürfen und insbesondere zum Ende hin verschenkt der Film einige Chancen (der etwas unspektakuläre Abgang der Riesenschlange), den überaus naiven Gesamteindruck kann das aber nur marginal beeinträchtigen. Wäre da nicht der Titel, dann würde Ellis’ Flugzeughorror rein qualitativ wohl vermutlich eher irgendwo auf dem unersättlichen Video/DVD-Markt ein tristes Dasein verbringen, aber gerade deshalb sollten Freunde zweitklassiger Kost den Kinobesuch besonders genießen. „Snakes on a Train“ kann kommen!

Wertung: 6/10 - Kinostart: 07.09.2006

August 20, 2006

Retro: SABOTEUR (1942)

Man muss sich die Ausgangssituation dieses Films ja erst einmal genauer vor Augen führen. Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere für den Flugzeugmechaniker Barry Kane, sofern das „wie jeder andere“ für einen Tag anstrengender Arbeit in einer Flugzeugfabrik steht, in Zeiten des Krieges, wirtschaftlichen Schwankungen und – Sabotageakten. Kane wird von Robert Cummings ("Dial M for Murder") entsprechend solide interpretiert, er ist ein Mensch wie du und ich und durch einen Brandanschlag auf seine Fabrik daher umso drastischer aus seinem Alltag herauskatapultiert: Als vermeintlicher Saboteur wird er zum Jäger der eigentlichen Täter und zum Gejagten der eigenen Staatsangehörigen. Er ist als Semi-Spion die Inkarnation einer Identifikationsfigur, der man auf die halsbrecherische Reise dieses unglaublich temporeichen Hitchcockfilms ohne Umschweife zu folgen bereit ist.

Worauf die Einleitung abzielen soll, ist die doch stets gegenwärtige Angst, eine Bedrohung politischer und somit wahrlich erschreckender Natur, mit der sich die Figuren von "Saboteur" konfrontiert sehen. So subtil und streng genommen auch der Unterhaltung untergeordnet Hitchcock diese Stimmung in seinen Anfangs- und Schlussmomenten evoziert, sie führen unweigerlich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema Sabotage, abstrahiert zu Fragen über Zustände im Zweiten Weltkrieg, sowie weiterführende Gedanken über die vom Regisseur latent angeschnittenen „american firsters“. Abgesehen von mitunter etwas ärgerlichen, weil zu schablonenhaft skizzierten politischen Typen und einer zunächst unfreiwilligen Nähe zum Propagandafilm (die jedoch spätestens mit der einst skandalösen Andeutung, auch auf die S.S. Normandie sei ein Sabotageakt verübt worden, relativiert wird), gehört "Saboteur" zu den eindringlichsten Werken, die Hitchcock in den USA inszenierte.

Prinzipiell gleicht der Film dabei der Grundstruktur des englischen "The Thirty-Nine Steps", in dem sich ein zu Unrecht des Mordes bezichtigter auf der Flucht vor Spionen befindet. Hitchcock variierte den Plot erneut in "North by Northwest" aus dem Jahre 1959 und orientierte sich deutlich an "Saboteur", der mit seinem hohen Tempo, der Vielzahl an Schauplätzen und Einstellungen und insbesondere ähnlich spektakulärem Finale wesentliche Elemente der filmischen Thematik eines unschuldigen Fugitive ausbaute. Neben den wie üblich beeindruckenden Schnitten, die die ganze Bandbreite der Montage abdecken, fasziniert die Kameraarbeit aus der Hand von Joseph A. Valentine, der den vielfältigen Orten der Handlung eine erstaunliche Weiträumigkeit verleiht und so stets die Grenzen der Studiosettings vergessen lässt (wobei der Film dennoch mit merklich vielen Außeraufnahmen arbeitet). Hitchcock inszeniert derart rasant, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers gar nicht verloren gehen kann, so spannend und mit seinen Actionszenen beinahe schon halsbrecherisch schreitet "Saboteur" voran, ohne jedoch – zumindest für moderne Verhältnisse – zu überladen zu sein, wie es der Regisseur später gegenüber Truffaut anmerkte.

Doch unterschätzt wird der Film ferner auch in Bezug auf sein Ensemble. Der für die Rolle des Flugzeugmechanikers ursprünglich vorgesehene Gary Cooper ("Sergeant York") hätte der Figur als Hollywoodstar nicht die nötige Glaubwürdigkeit verliehen, zudem sich das dramatische Potential angesichts eines erwartungsgemäßen Happy Ends doch vermutlich eher in Grenzen gehalten hätte. Mag Cummings an manchen Stellen etwas überfordert wirken, so ist seine naive Darstellung der Figur letztlich doch wirkungsvoller. Ähnlich verhält es sich mit der viel gerügten Priscilla Lane ("Arsenic and Old Lace"), mit der sich Hitchcock wenig zufrieden zeigte, die aber genau die stoische Art besitzt, die ihr etwas zu deutlich mondän angelegter Charakter benötigt. Barbara Stanwyck ("The Lady Eve") wäre vermutlich trotzdem die Idealbesetzung gewesen. Die beste Leistung aber bietet Norman Lloyd als Saboteur, der als besonders schwarz/weiß gezeichnete Figur mit allen erdenklichen Klischees eines Bösewichts arbeiten darf.

"Saboteur" steht doch ein wenig unberechtigt im Schatten der ähnlichen Spionage-Thriller Hitchcocks. Der Altmeister erfindet sich hier zwar nicht neu, mit herausragendem Gespür für Tempo, Dialoge und brechender Ironie gehört der Film nichtsdestotrotz zu den gelungensten Werken des Regisseurs. Tatsächlich besteht ein gewisser Reiz im Unvollkommenen, in der Ungeschliffenheit, dem nicht gänzlich Perfekten. Hitchcock mag unzufrieden sein mit einigen Details dieser Arbeit, mit dramaturgischen Patzern oder unzureichenden Leistungen seiner Akteure, doch gerade deshalb ist "Saboteur" auch eine Lehrstunde für Filmfreunde. Und spannend sowieso.


80%

August 19, 2006

Kurzschluss: SCIENCE OF SLEEP

„Science of Sleep“ bietet zwar eine wunderbar erzählte und überaus liebenswürdige Geschichte, allerdings zitiert sich Regisseur Michel Gondry insgesamt zu oft selbst, um sich als Zuschauer vollends den skurrilen Bildern hingeben zu können. So naiv und verspielt der Film dabei mit seinen betörend schönen Bildern auch sein mag: Gondry hat die prinzipiell gleiche Liebesfabel in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ wesentlich eindrucksvoller, vor allem aber berührender erzählt. Empfehlenswert, aber nicht der große Wurf.

Wertung: 6/10 - Kinostart: 28.09.2006

Kurzschluss: SUPERMAN RETURNS

Dem Comichelden Superman fehlt die innere Zerrissenheit eines Bat- oder Spider-Mans, die Konturen, Ecken und Kanten. Nicht zuletzt weil seine schnöde Erscheinung reichlich albern ist, funktionierten sowohl Filme als auch Serien nur bedingt bis gar nicht, durch den ewigen, kaum variierbaren Kampf mit Lex Luthor und der einzigen Angriffsfläche mit Kryptonid nutzte sich das Konstrukt schon ab, ehe es sich eigentlich entfalten konnte: Die Schwäche von Superman ist eben die Unzerstörbarkeit, die zu gepflegter Langeweile führte. Bryan Singer steckt nun sichtlich Herzblut in diese Geschichte und inszeniert sie entsprechend altmodisch. Er schafft es – das ist die einzige Überraschung - in limitierten Ansätzen, Superman eine nie vorher da gewesene Ambivalenz zu verleihen. Das allerdings geht wiederum auf Kosten der Figur Lois Lane, deren Verkörperung Kate Bosworth sichtlich damit zu kämpfen hat, den Konflikt Ehe- vs. Supermann glaubhaft auszutragen, kurz gesagt also erschreckend blass und nichts sagend bleibt. Mit Altstar Eva Marie Saint, Parker Posey und dem gut aufgelegten James Marsden kann der Film aber zumindest an anderer Stelle für übersichtliche Highlights sorgen. Abgesehen von Schwächen in der Dramaturgie - Superman hilft hier, dann dort, um schließlich den finalen Kristall anzupacken (mehr Potential gibt der Stoff bekanntlich nicht her) - ist der Film immerhin der Versuch eines Updates mit emotionalen Anklängen.

50%

August 14, 2006

DVD: RUNNING SCARED

Eine Frau wird hinterrücks niedergetreten. Ihr Ehemann drückt ihr Gesicht in eine kalte Pizza, die er zuvor als Aschenbecher benutzte. Im Nachbarhaus sitzt zur gleichen Zeit ein alter Mann beim Essen, zitternd, unruhig. Er verschüttet die Spaghetti, lässt sie in seinen Schoß fallen. Sein Sohn verspottet ihn. Gegenüber, wo der russische Mann noch immer seine Frau quält, tritt ein kleiner Junge die Treppe hinunter: „John Wayne was a faggot!“. Daraufhin schießt er auf seinen Stiefvater.

Die Welt ist böse. Der Mensch ist schlecht. Ein Überleben im Moloch aus Drogen, Bandenkriegen, schmierigen Cops und Kinderschändern ist nur unter Einsatz brachialer Gewalt möglich. Die Welt ist krank. Der Mensch ist gut? Der Prozess des Wertezerfalls muss nicht abgeschlossen sein, ihm ist mit abgehärteter Pose noch entgegenzuwirken. Die Welt ist einfach ein Loch. Und Regisseur Wayne Kramer („The Cooler“) fühlt sich mit „Running Scared“ dazu berufen, den Zuschauer tief hinein blicken zu lassen.

Es ist nicht nur eine unglaubwürdige Geschichte, deren Ereigniskette kaum schlechter hätte konstruiert werden können, es ist vor allem eine hochgradig alberne, eine mit lächerlichen Dialogen erzählte Gewaltodyssee, überdeutlich angelehnt an die aktuellen Genrevorbilder von Tony Scott („Domino“) bis – natürlich – Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“). An der ästhetischen Oberfläche mag „Running Scared“ in dieser Richtung als einer der zahlreichen Epigonen durchaus funktionieren, leider kann er entgegen genannten Vorbildern mit keiner darüber hinaus gehenden Substanz aufwarten. Wo Scott zumindest den Versuch unternimmt, Schnitt und Kamera zu eigenen Erzählinstanzen mutieren zu lassen, steckt hinter dem spielerischen, hektischen Firlefanz dieser Photographie keine erkennbare Bedeutung, weil sie zwischen den vorgegebenen Schablonen nicht separiert, keine Differenzen schafft, sondern lediglich in Bewegung ist, trotz einiger ungewöhnlicher Einstellungen. Vielmehr erweisen sich Schnitt- und Kameraarbeit als bedeutungslose Darsteller, die Kramer ähnlich selbst verliebt zum Einsatz bringt, wie er den Film auch erzählt, nämlich spürbar zwanghaft auf „cool“ getrimmt, aber seelenlos.

Dabei verrät „Running Scared“ sein in Ansätzen ernstzunehmendes Potential an eine in jeder Hinsicht fragwürdige Inszenierung. Anstatt seine zentralen Figuren zu entschlüsseln, ihnen wirkliches Gewicht zu verleihen, zelebriert Kramer eine regelrechte Ode an die Gewalt, die ihr Publikum insgeheim eher begeistern, denn verschrecken soll, wird die ästhetisierte Darstellung jener doch konsequent als Lösung etabliert. Damit verspielt der Film seine Glaubwürdigkeit und die Chance, ein tiefgründiges Gesellschaftsbild im Stile eines „Taxi Driver“ zu zeichnen, gibt er seinen Figuren nicht einmal im Ansatz die Möglichkeit der Selbstreflexion – hier wird nicht hinterfragt, hier wird draufgehalten. Kramers Schicksale sind fadenscheinig verpackte, Testosteron gesteuerte Primaten. Die Message ist ja ohnehin deutlich: Schlecht ist unsere Welt.

„Running Scared“ ist somit ein Schritt zurück. Er dekonstruiert keinen Typus wie in Filmen von Martin Scorsese oder Michael Mann, er wiederholt ihn, determiniert Gegengewalt und Selbstjustiz als Prinzip. - Wie kann ein Leben in dieser Welt friedlich gelebt werden? Das Ende bleibt uns darauf keine Antwort schuldig. Es ist sogar ganz einfach: Töte alles und jeden, der dir mehr oder weniger im Weg steht. Dann, aber auch nur dann beginnt erst die Geburtsstunde der amerikanischen Familie. Viel Blut musste dafür fließen. Wie bei John Wayne eben.

Wertung: 2/10

August 12, 2006

Kino: THANK YOU FOR SMOKING

Nicht wenige Filme versuchen sich satirisch an der US-gesellschaftlichen Gegenwart, einer zumeist paradoxen Weltdarstellung. In „Wag the Dog“ von Barry Levinson werden die grotesken Manierismen Hollywoods zum Gegenstand politischer Aktion, in Michael Manns „The Insider“ wird der etwas verklemmte Versuch unternommen, die rein kapitalistischen Machenschaften der Tabakindustrie in einen Diskurs zu bringen. „Thank you for Smoking“, das Spielfilmdebüt von Jason Reitman, dem Sohn von Regisseur Ivan Reitman („Ghostbusters“), geht in vielerlei Hinsicht einen Schritt weiter als die beiden genannten, zielt seine bissig-zynische Absicht nicht nur ausschließlich auf Politik, Hollywood oder die Zigaretten-, Alkohol- oder Waffenindustrie ab, sondern bringt dies mit der Satire über die Absurdität der „spin“-Gesellschaft auf einen Nenner.

„Spinning“ – mit Aussagen oder Informationen die öffentliche Meinung bestimmen. „Umgangssprachlich gesagt heißt es dasselbe wie „bullshit“. Egal wie man es auch nennt, darum dreht sich unsere Welt eigentlich.“, fasst es Christopher Buckley, Autor der viel gelobten Vorlage des Films, zusammen. Nick Naylor (Aaron Eckhart) ist der oberste Pressesprecher von Big Tobacco, er verdient seinen Lebensunterhalt, um das Rauchen zu legitimieren, die Revision einer Gefahr argumentativ darzustellen, kurz gesagt: er verkauft den Tod. „Thank you for Smoking“ erzählt über ihn und andere „Spin doctors“, über die Gegner im Senat, über Korruption und Hollywoodpropaganda, Lobbyismus und skrupelloses PR-Management, vor allem aber von den Menschen und Marionetten dieser Welt, ohne jedoch im Vergleich zu ähnlichen Filmen jemals der Gefahr zu erliegen, eine Gruppe letztlich besser als die andere dastehen zulassen, Ausgleiche schaffen zu wollen oder deplatziertem Optimismus huldigen zu müssen. Nick Taylor verliert im Verlauf der Geschichte nie seine zweifelhafte Sympathie, er bleibt stets der gewissenlose Pragmatiker.

Reitman inszeniert seinen Film unheimlich kurzweilig und verliert nie das hohe Tempo des Beginns. Er erzählt straff und präzise ohne Oberflächlichkeiten, verlässt sich zielsicher auf das großartige Ensemble. Und „Thank you for Smoking“ ist bis in die kleinsten Nebenrollen prominent besetzt und hinreizend gespielt, sowie treffsicher und wirklich komisch. Vielleicht ist er aber auch deshalb so überzeugend geraten, weil die große Ironie des Films die nüchterne Erkenntnis ist, dass bei all der politischen Inkorrektheit, überzeichneten Darstellung und sarkastischen Konsequenz die Wirklichkeit der Politik eben doch selten so korrekt eingefangen wurde. Und dafür musste in diesem Film nicht einmal geraucht werden.

Wertung: 8/10 - Kinostart: 31.08.2006

August 08, 2006

Retro: STAR WARS (1977)

Mit "Star Wars", später um den Zusatz "Episode IV: A New Hope" erweitert, kehrte Regisseur George Lucas nach dem Überraschungserfolg "American Graffiti" zurück zum Science- Fiction-Genre, nachdem er seinen New Hollywood-Einstand zuvor bereits mit der originellen, effektiven Dystopie "THX-1138" lieferte. Mit seinem kruden Sci-Fi-Abenteuer um Luke Skywalker und Co. webt er ein durch und durch skurriles Geflecht verschiedenster Genrezutaten, mythologischer Symbole und Motive, sowie zahlreicher Zitate, Verweise und Anspielungen auf Literatur- und Filmgeschichte. Die konfus zusammengestellten Elemente präsentieren sich allerdings so derart selbstverständlich und einer inneren Logik unterlegen, dass sich die Zuschauer ebenso unvermittelt wie bereitwillig für diese Weltraumoper verpflichten lassen. Trotz der Eigenart des Dargestellten dürfte es schwer sein, sich der Faszination dieser ernst und unernst zugleich gemeinten Geschichte zu entsagen, nicht zuletzt aufgrund der intuitiven Vertrautheit mit den Themen des Films – die wie auf einem postmodernen Flickenteppich angeordnet scheinen.

Lucas’ Idee von "Star Wars" war so umfangreich, dass er die Geschichte schnell in drei Teile zerlegen musste. "A New Hope" würde demnach das erste Kapitel bilden, während die beiden weiteren Folgen den intergalaktischen Kampf der Rebellen gegen das faschistische Imperium unter der Führung des Imperators Dark Sidious und seines Gehilfen Darth Vader, einem einstigen Jedi-Ritter namens Anakin Skywalker, der der dunklen Seite der Macht verfallen ist, schildern sollten. Nach eigenen Angaben hatte Lucas die Serie sogar von vornherein als sechs- bzw. neunteilige Saga angelegt. Eine Prequel- Trilogie sollte der Regisseur allerdings erst viele Jahre später inszenieren und den naiven Stoff zu einer ambitionierten Oper in drei Akten umdichten, die mit dem Fall der Republik und Erhebung eines Imperiums die Vorgeschichte als simplifizierte Quasi-Metapher nationalsozialistischer Machtergreifung markieren würde (die Prequel-Episoden vermengen historische Verweise mit Sci-Fi-Unterhaltung zu einer verfremdeten, ehrgeizigen Weltraumparabel). Gleichzeitig ließ Lucas mit dem Beginn der Arbeit zu "Episode I: The Phantom Menace" verlauten, dass es keine inhaltlich an "Episode VI: The Return of the Jedi" anschließenden Folgen geben werde, da der entscheidende Schlag gegen das diktatorische Imperium in diesem letzten Film bereits erfolgt sei, und es kaum lohnte, über drei weitere Episoden lediglich den ausgedehnten Krieg zu schildern, an dessen Ende ohnehin der Sieg der Rebellen stünde. Zudem seien die Geschichten in Literatur, Comics und Hörspielen bereits weitergesponnen, so wie "Star Wars" in einem eigens geschaffenen Universum der Popkultur ein munteres Eigenleben entwickelt hat.

Da Lucas davon ausging, dass er mit seinem Film neue Maßstäbe setzen müsse, um die eigenen Vorstellungen von spektakulären Raumschlachten und halsbrecherischen Flugmanövern im Weltall entsprechend umsetzen zu können, kalkulierte er "Star Wars" mit einem 10-Millionen-Dollar- Budget Um die Produktion des Films zu ermöglichen, unterzeichnete er einen bis dato einmaligen Vertrag mit 20th Century Fox, nachdem er bei Universal vor die Tür gesetzt wurde. Er erhielt eine vergleichsweise geringe Gage für sein Drehbuch und die Regie, sicherte sich hingegen die Kontrolle über seinen Film, die Rechte für die Soundtrackverwertung und Fortsetzungen, sowie für das Merchandising, was von Studioverantwortlichen seinerzeit noch als unerhebliche Zusatzkomponente bereitwillig freigegeben wurde. Später sollte der Regisseur damit zum bestverdienenden unabhängigen Filmemacher aller Zeiten werden, Hollywood den Rücken kehren und ein eigenes Lucasfilm-Imperium erschaffen. Das weltweite Einspiel des Films beträgt heute 775 Mio. Dollar: Es ist, selbst nach inflationsbereinigter Rechnung, der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten.

Als seltsames Mantel-und-Degen-Abenteuer im Weltraum, das mit visionären Zukunftsbildern kokettiert, während es gleichzeitig auch als aufgeblasene Retro-Hommage klassischer camp serials erscheint, folgt "Star Wars" einer Vielzahl an Vorbildern. In erster Linie ist der Film eine Art beweisführende Kinoadaption des Buches "The Hero With a Thousand Faces" von Joseph Campbell, das alle Mythen und Sagen auf einen gemeinsamen Nenner zusammenfasste und so deren Reduplikationspotential offen legte. Dramaturgisch und konzeptionell wurde Lucas dann im Konkreten von Akira Kurosawas "The Hidden Fortress" beeinflusst, sogar hinsichtlich der Figurenkonstellation, während die kruden, fantasievollen, eigenbrötlerischen Elemente in der Tradition von "Flash Gordon" stehen. Da Lucas den Film nach eigenen Gutdünken spielerisch aus zahllosen Bausteinen zusammen- setzt, sich bei so verschiedenen archetypischen Filmen wie "Satyricon", "The Sea Hawk" oder "The Wizard of Oz" ebenso wie literarischer Vorbilder von "The Lord of the Rings" bis hin zu "Dune" bedient, kann "Star Wars" problemlos als Mischform aus Science Fiction-Spektakel und Gründungsmythos (1), sowie prägnantes Beispiel für ironisches, sich seiner Bezugnahme augenzwinkernd bewusstes, postmodernes Filmemachen angesehen werden – und trotz seiner Autorenqualität abseitiger New Hollywood-Film.

Die Mischung, vermutlich das Erfolgsrezept von "Star Wars", ist hingegen weniger willkürlich und weitaus mehr einer eigenen Struktur, Vorstellung und Konzeption unterstellt, als man vermuten könnte. Lucas schiebt die Referenzvorbilder nicht vor sich her, um sie der Reihe nach zu zerstreuen, sondern sortiert sie zu einer eigenen Anordnung. Im Prinzip fügen sich die Verweise Lucas’ Faszination fürs Geschichtenerzählen: Dramaturgisch vom moralischen Kampf um Gut und Böse, Spiritualität und Religion, Freiheit und Unterwerfung motivisch angeführt – Robert Kolker nennt es dezent verächtlich schlicht eine "große Colage aus einer Vielzahl von Genres, mit ausreichenden New-Age-Albernheiten über Intuition und Selbstgenügsamkeit gefärbt" (2) –, wirken die Referenzvorbilder letztlich wie Teilstücke eines Leitfadens, werden also weitestgehend sinngemäß integriert und nicht auf wahllose Objekte einer Rückbezugnahme innerhalb der Popkultur wie im Kino Quentin Tarantinos reduziert (wenn- gleich "Star Wars" diesbezüglich als Wegbereiter fungieren mag).

Die verspielte Ausgelassenheit, mit der Lucas sein "Star Wars"-Universum zum Leben erweckt, enttarnt ihn letztlich auch als jungen Regisseur mit kindlichem Gestus, der jeden Wert aufs Spektakel setzt: Die vielseitigen, oben benannten Einflüsse dienen schließlich einer großen Vision vom Kino der Reize und Emotionen, bei dem alle ästhetischen Konstruk- tionen einem Effekt des Erlebbaren und des Staunens untergeordnet werden. Die Naivität, mit der Lucas auf einen unerschöpflichen Bildervorrat zurückgreift, um sein Spektakel so mitreißend und fühlbar wie nur eben möglich zu erschaffen, erinnert nicht von ungefähr an seinen Freund und Weggefährten Steven Spielberg. Am Stärksten zeigt sich der fast fahrlässig unbeschwerte Ideenreichtum des jungen Regisseurs im Finale, das Set-Up und Einstellungen des Leni-Riefenstahl-Films "Triumph des Willens" imitiert, kopiert oder auch zitiert: Vermutlich überwältigt von der filmischen Erhabenheit und Technik, mit der Lucas (wie viele seiner Kollegen) auf der Filmuniversität in Berührung kam, lässt er die Rebellen der Galaxis im großen Thronraum der Allianz im Nazi-Stil auflaufen. Sich des Irrsinns, die faschistische Ästhetik Riefenstahls nicht problemlos von deren auch faschistischer Ideologie abtrennen zu können, sichtlich unbewusst, besteht für Lucas nicht einmal ein Widerspruch darin, die revolutionären, in rot gekleideten Rebellen des Imperiums im fascho-chic zu präsentieren. Auch jenseits jedweder Ironie, die man dort vermuten möchte.

Weltraumhelden im Nazi-Chic: "Triumph des Willens" und "Star Wars"

Dass sich Lucas’ Vorhaben, den Zuschauer ähnlich wie Luke Skywalker regelrecht in das Abenteuer zu schubsen, ihn dann aber an die Hand nehmen und große Unterhaltung garantieren zu können, als so erfolgreich erwies, ist hingegen nicht nur mit der starken Erzählung, sondern der ebenso mächtigen visuellen Ausgestaltung zu erklären. Lucas gründete unter der Führung von John Dykstra Industrial Light and Magic (ILM), eine Teilfirma von Lucasfilm Ltd., die kurze Zeit später zur marktführenden Spezialeffektsschmiede der USA reifte und ihren Hauptsitz noch heute auf der Skywalker-Ranch Lucas’ hat, um völlig neue graphische Effekte zu entwickeln. Entgegen gängiger Rückprojektionsverfahren arbeitete "Star Wars" mit der Blue-Screen-Technik, bei der Hintergründe und Details in der Nachbearbeitung entstanden. Zusätzlich wurden die spektakulären Verfolgungsjagden der X-Wings und Tiefighter mit einem Motion Control-Verfahren, bei dem computergesteuerte Kameras die Modelle filmen, inszeniert (tatsächlich computergeneriert sind im Film allerdings nur diverse Lageplangrafiken im Hintergrund). Da sich Lucas selbstredend für die Darstellung von Schall im Weltraum entschied, mussten für die Actionszenen entsprechende Sounds entwickelt werden, deren Laserschwertbrummen und schreiend über die Leinwand brechenden Raumschiffe nicht nur ebenfalls zu einem Markenzeichen des Films wurden, sondern den majestätischen Kämpfen der Raumschiffe erst das Gefühl von Spektakel und Mittendrin verliehen.

Das Element, welches jedoch am Stärksten Kontinuität stiftet, das eigenständige Zusammenhänge in einem Groß an Referenzen schafft und dem bunten Treiben eine höhergestellte Verbindung impliziert, ist zweifellos John Williams Musik. Die facettenreiche Partitur verweist innerhalb des Films auf Handlungsabschnitte und Figuren, bindet die Struktur, die Ereignisse und Action, sie deutet an und ergänzt, unterstreicht und führt fort, schafft Bezüge und Charaktere, ja erscheint mitunter gar als eigentlicher Leiter des Films, als sein Regisseur. Die Musik arbeitet oft, gerade in einem verhältnismäßig dialogarmen Film wie "Star Wars", als zwischentextliches Element, das meist erst jene Bedeutung ausbildet, die die Bilder unterschwellig, aber unbeholfen auszudrücken versuchen (beispielsweise in der Sequenz, als Luke Skywalker in die Doppelsonne blickt, und ein bewegendes, episches Motiv auf Schicksal und Hoffnung des noch etwas befremdlichen Helden verweist). Als Rückkehr zur sinfonischen Hollywoodmusik gefeiert, zählt Williams Arbeit heute zu den bedeutsamsten Filmmusiken aller Zeiten. Und George Lucas als erfolgreichster Independent-Regisseur Hollywoods – jenseits von Hollywood.


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Literatur:

  • Salewicz, Chris (1998): Nahaufnahme. George Lucas, Hamburg: Rowohlt
  • Die Rückkehr der Weltraumkrieger. In: Cinema 4/97, S. 92-111
  • Hearn, Marcus (2005): Das Kino des George Lucas, Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf
  • (1) vgl. Kuller, Christiane (2006): Der Führer in fremden Welten: Das Star-Wars-Imperium als historisches Lehrstück?. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe 3, H. 1
  • (2) Kolker, Robert (2001): Von Dinosauriern und Schiffen. Steven Spielberg, große Dinge und digitale Inszenierungen. In: Allein im Licht, München und Zürich: Diana Verlag, S. 360

August 07, 2006

Kurzschluss: CANDY / YOU, ME & DUPREE


CANDY

Ein sehr einfach inszenierter, etwas bedeutungsschwangerer Film, dessen größte Leistung im Gegensatz zu thematisch ähnlich orientierten Werken darin besteht, das Gezeigte weder zu stilisieren, noch romantisch zu verklären. In eindringlichen Bildern erzählt Regisseur Neil Armfield nicht immer so realistisch wie man es sich wünschen würde, aber doch erstaunlich substantiell, eine Geschichte über Drogen, sozialen Verfall und den Ich-Verlust der Lost-Generation. Die Intensität der Darstellung ist dabei nicht zu unterschätzen. Großartig besetzt ist der australische "Candy" mit Heath Ledger, Abbie Cornish und Geoffrey Rush obendrein.

Wertung: 65%



YOU, ME & DUPREE

…ist eine Komödie getreu dem humoristischen Terrorprinzip im Stil von „Down and Out in Beverly Hills“ oder „What about Bob?“, dabei jedoch so schrecklich durchschnittlich, altmodisch und harmlos, dass sich der Spaß arg in Grenzen hält. So gut aufgelegt Owen Wilson und Matt Dillon auch sein mögen, der Film ist in seinem Humor viel zu zahm und geglättet, vor allem aber ohne den nötigen Drive inszeniert, um eine Empfehlung geben zu können.

Wertung: 40%

August 05, 2006

Kino: WORLD TRADE CENTER

Regisseur Oliver Stone ist immer dann in seinem Element, wenn es um die Auslotung der Extreme geht. Mal rechnet er kompromisslos mit Good Old America ab, dann wiederum suhlt er sich auch gern einmal ganz tief im Bottich patriotisch- christlicher Verlogenheit. So ansehnlich und mitunter eindrucksvoll ihm das auch bislang immer gelingen mochte, nie positionierte er sein Statement so unpassend und ärgerlich wie in "World Trade Center", der Verfilmung des wahren Schicksals zweier New Yorker Polizisten, die in den Trümmern von Asche und Staub versinken.

Mag der Beginn, Polizei-Papi Nic Cage (ganz der "Family Man") als John McLoughlin macht sich in der Frühe auf den Weg zur Arbeit, die Stadt erwacht langsam, der Verkehr beginnt - die alltäglichen Szenerien eben - noch vermuten, einen dezenten, perspektivisch nicht völlig gewöhnlichen Film zu sehen, wird man schnell eines Besseren belehrt. Wenngleich der Anschlag nur kaum mit zusätzlichen Effekten versehen wird (alles andere wäre ohnehin inakzeptabel) und sich auch die voyeuristische Befriedigung in Grenzen hält, bedient sich Stone dennoch einer vollkommen unpassenden, populistischen Einzelschicksalsromantik. Die Regeln des Story Tellings sind in diesem Genre zwar bewusst dahingehend angelegt, eine oder mehrere Figuren in den Mittelpunkt zu rücken, um das Geschehen greifbar zu machen, im Falle des realen und vor allem zeitlich noch so nahen Anschlags vom 11. September 2001 ist dies allerdings ein Trugschluss. Jegliches Drama, das Stone fokussiert, wenn er ab dem zweiten Drittel die Geschichte von lediglich zwei Menschen erzählt, kulminiert im Leerlauf und lässt sich eben nicht in festgefahrene Genremuster pressen.


Er inszeniert die Geschichte als Parallelstrang (Wechsel zwischen Verschütteten und unwissenden Hinterbliebenen) mit simpelster Dramaturgie, jedem nur erdenklichen Klischee und plattesten Dialogen. Die völlig verfehlte Idee, das Ausmaß des Ganzen, die Tragik und Sinnlosigkeit des Anschlags, ergreifend festzuhalten, möchte zu keinem Zeitpunkt gelingen. Stattdessen entwickelt sich "World Trade Center" vielmehr zu einem formal völlig austauschbaren Katastrophenfilm - das Todesurteil für diese unbemühte Darstellung des großen amerikanischen Traumas. Wie kann Stone ernsthaft geglaubt haben, eine Wirklichkeit, dramatischer, beklemmender und schockierender als ein Film je sein könnte, auf Zelluloid festhalten zu können. Wenn er die große Geschichte der Feuerwehrmänner, Polizisten und anderer Helfer hätte erzählen wollen, wäre eine Dokumentation glaubwürdiger, nicht zuletzt womöglich wesentlich eindringlicher gewesen. Seine verklärte und wenig subtile Helden- und Passionsdudelei ist höchstens unfreiwillig komisch, schrecklich langweilig und absolut nichts sagend. Und das sollte ein Film diesen Sujets wohl in der Tat nicht sein.


Dass Stone den Zuschauer mit seinen künstlichen Unfug plappernden Hauptdarstellern und den sorgenvollen Ehefrauen, deren Charakterisierung ungefähr auf der Niveauebene eines Modekatalogs angelegt ist, komplett kalt lässt, ist die eine Sache. Seine fragwürdigen politischen Tendenzen jedoch überspannen den Bogen des Films. Die Kraft zu Leben, so das Produkt seiner penetranten Implikationen, kann nur aus Gottes Quelle geschöpft werden: Der gute Christ siegt zwangsläufig über den bösen Muslim. Spätestens wenn dem malträtierten Nicolas Cage im Delirium Mineralwasser-Jesus persönlich erscheint, stellt sich die erwartete, völlig berechtigte Frage nach der Notwendigkeit eines solchen Films. Wer braucht so etwas? Stone gibt eine deutliche Antwort: Niemand.


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