Juni 29, 2006

Kino: POSEIDON

Wolfgang Petersen kann oder will es wohl nicht lassen: Er kommt einfach nicht los vom Wasser, von Schiffen und Booten, von großen Spektakeln, eines teurer als das andere, von Helden und Verlierern, die wiederum doch noch zu Helden werden und von einem Maximum an aufgeblasener Action, aber einem Minimum an Inhalt und Dramaturgie. „Unser Mann" in Hollywood ist eben amerikanischer als seine amerikanischen Kollegen.

"Poseidon" ist ein großartiger Beweis für die Verschwendung einer Industrie, ein unheimlich aufgeblasenes Unterfangen, das mit (offiziell) 160 Mio. Dollar Produktionskosten, inoffiziell liegt die Summe eher um die 200 Mio., zwar in der normalen Preisklasse Petersens liegt (zumindest mit "Troy" verglichen), sich anders aber als dessen bisherige Blockbuster als gigantischer Flop entpuppte: Niemand in den USA wollte das Remake von Ronald Neames "The Poseidon Adventure" sehen, der Film spielte dort bislang nicht einmal 60 Mio. Dollar ein. Verständlich eigentlich, wäre die Neuverfilmung, so unterirdisch schlecht sie auch eigentlich ist, nicht letztlich doch sehr unterhaltsam.

Das Original aus dem Jahre 1972 ist bereits alles andere als herausragend, doch im unüberschaubaren Groß der Katastrophenfilme der 70er Jahre zumindest ein Lichtblick, verstand Regisseur Neame es doch, all das spektakuläre Potential stets seiner Geschichte und den Figuren unterzuordnen, dabei vor allem unter Einsatz visuell brillanter Spezialeffekte. Petersen macht das alles eigentlich gar nicht so anders, doch ist das keine Entschuldigung für die schlichte Sinnlosigkeit dieses Films, der sich mit modernen Charakteren und (natürlich) verbesserten Effekten rühmt, aber besonders in dieser Hinsicht sang- und klanglos untergeht.

Erwartungsgemäß kommt nämlich alles wie erwartet. Dass der Film verhältnismäßig zügig zur Sache geht und nach gefühlten 10 Minuten, im Original vergeht eine halbe Stunde, bereits die Riesenwelle über das Schiffchen hereinbricht, ist dabei die einzige Überraschung, denn es kommt, wie es eben kommen muss: Die Gruppe, zwar ganz politisch inkorrekt nicht ethnisch durchmischt, aber doch für jeden was dabei, muss fortan ein Hindernis nach dem anderen überwinden. Die Katastrophe selbst ist ordentlich inszeniert und mit einigen netten kleinen Ideen versehen (der sich senkende Swimmingpool), angesichts des enormen Budgets jedoch sehr, sehr überschaubar und optisch nicht so wirklich realistisch umgesetzt. Tatsächlich war dieses erste Drittel auch schon der Großteil, in den die Jungs von der ILM ihre Arbeit investierten. Der von allen Beteiligten stolz angepriesene Prolog, bei dem die Kamera dem Wasser entsteigt und 360 Grad um das Schiff herumfährt, während wir Josh Lucas auf dem Deck joggen sehen dürfen, ist übrigens nichts anderes als eine technische Spielerei, die vielmehr das Gefühl evoziert, dass sich hier jemand wohl einfach etwas beweisen wollte, als wirklich zu erstaunen vermag. Petersen ist nichtsdestotrotz mehr als überzeugt:

"Das ist die kühnste, verrückteste Sequenz in der gesamten Geschichte des Computertricks - aber sie wirkt absolut fotorealistisch. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer denken: ,Was für einer toller Computereffekt!‘ Stattdessen werden sie sich fragen: ,Was für ein tolles Schiff - wo haben sie das bloß aufgetrieben?‘".


Bleibt also von den (sehr erfreulichen) 90 Minuten Spielzeit noch ausreichend Platz für das zwischenmenschliche Gebären der bereits erwähnten Truppe. Dieses findet allerdings auch nicht so wirklich statt. Kurz: Den Rest des Films quälen sich der wie immer grimmig-sympathische Kurt Russell als Mischung aus ehemals erfolgreichem Feuerwehrmann und Ex-Bürgermeister, seine Filmtochter, die unendlich anstrengende Emmy Rossum, deren Freund Mike Vogel (unbekannt aus dem"Texas Chainsaw Massacre"-Remake), der Draufgänger und spätere Held Josh Lucas, Richard Dreyfuss als homosexueller Rentner, sowie eine Mutter mit ihrem Balg und einige andere, die allerdings zügig das Zeitliche segnen, durch viele kleine Ereignisse, die allesamt allerdings nicht wirklich aufregend miteinander verknüpft werden. Drehbuchautor Mark Protosevich äußert sich dazu wie folgt:

"In einer solchen Krise zeigen wir unseren wahren Charakter, sie bringt das Beste und Schlimmste in uns zum Vorschein. Für menschliche Beziehungen ist das eine Zerreißprobe - entweder wächst man noch enger zusammen, oder man trennt sich. Wenn sich ein geliebter Mensch als Feigling herausstellt, vergisst man das nie, aber wenn er sein Leben riskiert, um andere zu retten, wird man das auch nicht vergessen. Wir alle haben das Zeug zum Helden in uns. Unsere Persönlichkeit wird dadurch definiert, ob wir uns zum Handeln durchringen oder nicht."


Alles schön und gut, die Figurenzeichnung bleibt jedoch weitestgehend unterhalb der Wasseroberfläche, herrlich verdrehte Rollen wie die von Kevin Dillon haben nur Kurzzeitcharakter und die zahlreichen kleinen Minidialoge zwischen den Actionmomenten sorgen vielmehr für haufenweise unfreiwillige Lacher, stets unterlegt von der gewohnt anstrengenden Dudelei Klaus Badelts, dessen einfallslos wie eh und je gestaltete Komposition bei "Poseidon" keine wirkliche Stimmung aufkommen lassen will.

Es ist ohnehin die große Frage bei diesem Film, wo genau denn jetzt Petersen die immensen Kosten veranschlagt hat. Das Gebotene ist schlichtweg zu unspektakulär und technisch nicht überzeugend genug, die Darsteller dürften bezüglich ihrer Gage ebenfalls weit unter dem Durchschnitt moderner Blockbuster stehen und dafür, dass nicht einmal ein äußeres Schiffsset wie es beispielsweise im Fall von James Camerons "Titanic" gebaut worden ist, sondern ausschließlich Innenräume im Studio entstanden, ist das, was Warner uns hier als Epos verkaufen will, reichlich fad.

Bleibt der letzte und irgendwie auch entscheidende Punkt: "Poseidon" ist trotzdem ein gutes Stück Edeltrash, unheimlich kurzweilig, gleichermaßen unlogisch wie unterhaltsam und einfach schön doof. Dass für so etwas allerdings derart viel Geld ausgegeben werden muss, bleibt nicht fragwürdig, sondern schlicht und ergreifend unnötig.

40%

Review erschienen bei: Wicked-Vision.de

Juni 27, 2006

Kino: BANDIDAS

Für ihr Kinodebüt "Bandidas" wurden die beiden norwegischen Werbeclip-Regisseure Joachim Roenning und Espen Sandberg von niemand geringerem als Autor und Produzent Luc Besson ("Subway", "Léon") engagiert, dessen Stil den Film auch relativ deutlich bestimmt – nicht unproblematisch allerdings, ist dieser Versuch einer femininen Westernkomödie doch wenig sicher und vor allem völlig unindividuell inszeniert. Nicht nur, dass stets zwischen europäischem und amerikanischen Flair gewechselt wird, der Film weiß auch nicht immer, ob er Komödie, Abenteuer, Western oder eben einfach nur eine Genreparodie all dessen sein will. In jedem Fall ist "Bandidas" leicht goutierbare Kost, harmlos, nicht wirklich ernst gemeint, aber eben auch alles andere als gut.

Kurz und bündig: Dem Streifen krankt es gewaltig an einem guten Drehbuch, das einfach völlig ideenlos und ohne den kleinsten Hauch einer feurigen Inspiration daherkommt. Die Geschichte ist abgedroschen und besteht aus nicht mehr als einer dürftigen Abfolge sattsam bekannter Westernklischees. Die Regie unternimmt auch leider herzlich wenig, den relativ öden Mix aufzupäppeln, sondern unterwirft sich vielmehr einem technischen Einmaleins, denn durch eigenständiges Handwerk zu überzeugen. Der verzweifelte Versuch einer Innovation gen Ende wirkt dabei mehr traurig als cool: Der plötzliche Bullet-Time-Einsatz als Fremdkörper par Excellence, als optischer Beweis einer spürbaren kreativen Einengung des Regiegespanns durch Besson.

Bliebe tatsächlich nichts weiter zu sagen, wären da nicht Salma Hayek (Genre erprobt mit "Desperado" und "Wild Wild West") und Penélope Cruz ("Hi-Lo Country", "Sahara") als hinreizendes Leinwandduo, das diesen so schwach ins Leben gerufenen Film erheblich aufwertet, wenn auch nicht zu retten vermag. Nicht nur stimmt zwischen ihnen die Chemie, es ist auch der unheimlich sympathischen Interaktion beider zu verdanken, dass "Bandidas" trotz seiner formelhaften Erscheinung von – fast will man sagen - wunderbarer Leichtigkeit gekennzeichnet ist. Auch hier macht Besson dem ganzen jedoch einen Strich durch die Rechnung. Neben unzähligen Drehbuchhängern (mindestens ein Banküberfall zu viel) versäumt es die Dramaturgie sträflich, dem spürbaren Knistern zwischen beiden nachzugeben und lässt sie stattdessen, freilich absolut unglaubwürdig, um den hampelnden Steve Zahn ("Out of Sight", "Joyride") streiten.

Darüber hinaus ist der sporadisch eingestreute, politische Ernst, den Besson mitunter zu verkaufen sucht, im Rahmen dieser vergnüglichen Blödelei nichts anderes als triviales, gänzlich unnötiges Beiwerk, ebenso wie Phrasen über Herkunft und Zugehörigkeit aus den Mündern von Cruz/Hayek zu deplaziertem Geplapper verkommen. Bestätigt wird dies durch die halbgare Musik aus der Feder von Eric Serra ("GoldenEye", "The Fifth Element"), die nichts anderes als bestenfalls nettes, aber absolut nicht stilechtes Geklimper darstellt. Abgerundet wird jene formale Oberflächlichkeit durch die nicht konsequente Photographie des augenscheinlich unterforderten Thierry Arbogast ("Nikita", "Ridicule").

"Bandidas" ist mitunter spritziges, aber völlig unentschlossen inszeniertes Popcornkino, das einzig und allein von seinen bestens aufgelegten Hauptdarstellerinnen lebt. Was bleibt, ist so staubtrocken wie die weite Wüste Durangos.


Wertung: 45% - Kinostart: 31.08.2006

Kino: SLITHER

Autor James Gunn hat bereits das "Dawn of the Dead"-Remake ordentlich verhunzt, fühlt sich im wesentlich seichteren Milieu eines gleichermaßen parodistischen wie liebevoll huldigenden Wiedersehens mit dem Invasion-aus- dem-All-Stoff jedoch spürbar besser aufgehoben. "Slither" ist dabei nicht selten unausgereift, aber konstant vom gelungenen Balanceakt der Genreverquickung gekennzeichnet, bedient er sich doch der Monstermotive aus dem Kino der 50er und 60er-Jahre und kombiniert diese mit den Körperhorrormanierismen der 70er, formal verortet wiederum in den 80ern, die diese Tradition noch einmal aufleben ließen. So mag Gunns Film vielleicht 20 Jahre zu spät daherkommen, reiht sich aber nichtsdestotrotz in die Liste solch großartiger, prinzipiell völlig identischer Filme wie Stephen Hereks "Critters" (1986), Fred Dekkers "Night of the Creeps" (1986) oder Chuck Russells "The Blob"-Remake (1988) ein.

Ähnlich wie genannte Beispiele nimmt auch "Slither" herrlich vergnüglich und weitestgehend treffsicher kleinstädtisches Bürgertum, sowie – etwas modifiziert – Teenagerklischees aufs Korn, und paart dabei schwungvolle Countrymelodien mit verhaltenen, aber überaus gelungenen Tricks, die unter dezentem CGI-Einsatz erstaunlicherweise noch genügend Charme besitzen, um an die Naivität des Genres anzuknüpfen und die Identität des Films als Hommage zu wahren. Optische gehen hier mit inhaltlichen Anleihen bei Romeros "Night of the Living Dead" oder Carpenters "The Thing" einher, ohne jedoch eine eigenständige Narration unbeschadet zu durchkreuzen.

Anders nämlich als die amüsanten Verwandten kommt der Streifen nie so wirklich in Fahrt, sein Drive resultiert mehr aus der Aneinanderreihung witziger Elemente und Genre- Variationen, denn flüssiger Erzählung. Obwohl die Eckpunkte - naiver Held, selbstbewusste Pretty, trottelige Cops und haufenweise Würmer und Zombiegedöns - in ihrer Kombination ein weiteres Mal gelingen, fehlt die nötige Portion Tempo, um den Unterhaltungswert durchgängig zu garantieren. Denn trotz formelhaften Ablaufs war insbesondere "Night of the Creeps" geschickter und integrierte seine Reminiszenzen immer dort im Nebenbei, wo "Slither" sich mit seinen Zitateskapaden etwas aufhält.


60%

Juni 23, 2006

Retro: CAT ON A HOT TIN ROOF (1958)

Sometimes I wish I had a pill to make people disappear.

Die Literaturadaption „Cat on a Hot Tin Roof“ nach dem gleichnamigen Stück von Tennessee Williams („Endstation Sehnsucht“, „Baby Doll“) ist ein überaus schwerfälliger und von Altmeister Richard Brooks („Die Maske runter“, „Kaltblütig“) hervorragend inszenierter Film, der sich dem Thema gegenüber der Vorlage jedoch nicht in letzter Konsequenz widmet.

I've got the guts to die. What I want to know is, have you got the guts to live?

Die amerikanischen Südstaaten sind auch in den 50er Jahren noch spürbar geprägt von den Überbleibseln ihrer Isolierung gegenüber dem Norden, den leisen Nachwirkungen eines jahrelangen Bürgerkriegs, der die Union - eine nicht gewollte Bedrohung – zur Folge hatte. Williams bzw. Brooks beziehen sich nur äußerst marginal auf diesen geschichtlichen Hintergrund, konzentrieren sich aber auf die davon nicht abzutrennenden gesellschaftlichen Werte. Der große Stolz des Südens lag immer in traditionellen Familienstrukturen und prunkvollen Anwesen, ehrenwerten Prinzipien und dem Dogma der Sklaverei, auch wenn dieser Lebensstil von einer scheinheiligen Fassade geprägt war, die spätestens nach Vereinigung der Staaten nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ ist nicht der erste Film, der hinter die Oberfläche patriarchalischer Familientraditionen blickt, aber er gehört zu den eindrucksvollsten, nicht zuletzt weil er auf eine radikale Entlarvung verzichtet und den Dialog ebenso ruhig wie distanziert innerhalb der Familie führen lässt. Dass Brooks dabei stets glaubwürdig bleibt, ist die Stärke seines intensiven Films, der sich inhaltlich mal behutsam, aber auch ebenso entladend seiner Dramaturgie verpflichtet fühlt.

This is Maggie the Cat...

Durch eine verdichtete, kammerspielartige Atmosphäre der Enge wird Raum für den Fokus auf den Konflikt der Familie geschaffen, künstlerisch unterstützt durch ein stimmungsvolles Setdesign, sowie einer unauffälligen, aber effektiven Kameraarbeit. Der berstende Sturm vor der Haustür ist dabei Sinnbild und bedingender Auslöser für den Sturm im Innern, dem unvermittelten Aufeinandertreffen angestauter Emotionen an einem schwülen Regenabend. Jedes Mitglied der Familie Pollitt hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Leid, das aus so unterschiedlichen wie doch gleich Gründen existiert: Einem Mangel an Liebe, an ehrlicher, nicht nur äußerlicher Integrität, an Wahrheit und an Toleranz. Eine Nacht, in der sich all der materielle Wohlstand und das Streben nach glänzendem Erfolg einer Konfrontation des Seelenlebens mit unausgesprochenen Wahrheiten gegenüber sehen. Dem Gelingen einer solchen Darstellung benötigt es einem Schauspielensemble, das die Glaubwürdigkeit der Figuren und den bitteren Ernst des Drehbuchs aufzugreifen vermag – im Falle von „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ eine Selbstverständlichkeit, liefern Elizabeth Taylor („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Spiegelbild im goldnen Auge“) und insbesondere Paul Newman („Exodus“, „Die Farbe des Geldes“) hier doch grandiose Leistungen ab, die zu den besten in ihrer Karriere gehören.

Every sultry moment of Tennessee Williams' Pulitzer Prize Play is now on the screen!

… ein Werbespruch, der nicht der vollen Wahrheit entspricht. So will das Drehbuch offenbar jeglichen Zwischenton, der die Beziehung zwischen Bricks und Skipper in ein über freundschaftlich hinausgehendes Licht rücken würde, eliminieren, obwohl diese Tatsache den Knackpunkt im Konflikt zwischen Bricks und Maggie darstellt, ist dies nicht zuletzt der Grund für die Eheprobleme der beiden. So bleibt es dennoch deutlich, dass der verstorbene Skipper nicht nur sportliches Idol, sondern der Freund, den Bricks liebte, war. Ob beide eine Beziehung hatten, bleibt dabei ungeklärt. Es wird lediglich versucht, mit dem überbetonten Nebenstrang, dass Magie eine Liebelei mit Skipper eingegangen wäre, diese Sichtweise zu verdecken, auch wenn sich gegen Ende bezeichnenderweise herausstellt, dass dem nicht so war. Eine Betonung oder Ausstaffierung dieser homosexuellen Anspielungen verbot sich im Kino des damaligen Hollywood von selbst, ein Umstand, der das kleine Quäntchen Ehrlichkeit opfert, das Die Katze auf dem heißen Blechdach“ noch benötigt hätte, um formal eine ähnliche Wahrheit zu erfahren, wie Familie Pollitt im Film.

Wertung: 7/10

Juni 22, 2006

Retro: THE HILLS HAVE EYES (1977)

A nice American family. They didn't want to kill. But they didn't want to die.

In Regisseur Wes Cravens brillant geschriebenen Wüstenalptraum blutiger Hügelaugen liegt die Essenz des maßgeblich durch Tobe Hooper ("Texas Chainsaw Massacre", "Death Trap") geprägten Midnight-Kinos der 70er-Jahre, die Transformation schmuddeliger Exploitation zum intelligenten Undergroundfilm und die Umkehr zum pessimistischen Gesellschaftsbild als Abzug eines Zeitgeists der Unruhe, Unsicherheit und Verwirrung. "The Hills Have Eyes" ist ein weiterer grandioser Film im Schaffen Cravens, der die Linie brachial zerrüttelnder Familienstrukturen, wie sie in seinem Erstling "The Last House on the Left" (1972) ihren Anfang nahm, konsequent fortführt.

We're gonna be french fries! Human french fries!

Wenn in endloser Weite das Grauen unvermittelt über eine bürgerliche Familie hereinbricht, wenn aus ahnungsloser Unschuld instinktive Härte erwacht und sich vermeintlicher Frieden mit kriegerischer Gewalt konfrontiert sieht, dann lässt Wes Craven ("The People under the Stairs", "Shocker") der Radikalität seiner Drehbuchfantasien freien Lauf. Der aus einer zutiefst patriarchalischen Familie stammende ehemalige Baptist macht mit der Wirklichkeit, wie er sie im Kontrast zu bürgerlicher Theorie erlebt hat, kurzen Prozess: Wie kaum eine andere seiner Arbeiten ist "The Hills Have Eyes" von geradezu entlarvender Schonungslosigkeit gekennzeichnet und markiert gemeinsam mit einer Handvoll anderer Werke seiner Zeit eine filmische Zäsur, die der biederen Wertekonstanz abschwört. Wo durch atomare Verseuchung degenerierte Kannibalen als Produkte kapitalistischer Verschwendung und politischem Größenwahn eine die saubere Mittelstandsgesellschaft porträtierende Familie attackieren, ist kein Platz für den Glanz eines Amerikas, das zutiefst verunsichert und labil ist. In der Tradition von George Romero verweist Craven auf das Grauen direkt vor der eigenen Haustür: Nicht im fernen Vietnam, sondern inmitten der gesellschaftlichen Entwicklung manifestiert sich ein unüberwindbares Trauma. Die Phase des moralischen Wertezerfalls und dem gleichzeitig als Gegenbewegung zu verstehenden Ausbruchs der Jugend aus konventionellen Strukturen, wie sie radikal in "Last House on the Left" thematisiert wurde, wird hier um den vom individuellen zum gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel rückenden Fokus erweitert. Ob Craven seine barbarischen Individuen tatsächlich als Abziehbilder zurückgekehrter, nicht zu resozialisierender Soldaten zu zeichnen versuchte, sei hier dahingestellt – es ist jedoch dieser Subtext, der den Film modifizierbar durchzieht.

We are not lost, we're right here somewhere on this little blue line.

Dass "The Hills Have Eyes" auch jenseits solch einer Betrachtung im Kontext des Zeitgeistes als höllisch guter Genrefilm funktioniert, ist die Selbstverständlichkeit solch einer intelligenten Regiearbeit. Bedenkt man das Budget von um die 250 000 US-Dollar, ist es erstaunlich, wie technisch ausgereift der Film inszeniert wurde. Die naturalistische Kamera wechselt von statischen Momentaufnahmen zu unruhige Hektik ausstrahlenden Steadyshots und unterstützt stets das atmosphärische Spannungsfeld aus enger Isolierung und weiter Ferne. Im stilistischen Einklang mit dieser Backwoodillusion wird der Zuschauer mit bizarren akustischen Klängen konfrontiert, die das dreckige, nahezu staubig-körnige Ambiente des Films abrunden. Dabei arbeitet "The Hills Have Eyes" mit einer beklemmenden, leisen Spannung, die sich in der Mitte – der erste direkte Angriff im Wohnwagen als Klimax – entlädt. Von hier an funktioniert der Film nach den Run and Hyde-Mechanismen des Terrorgenres, was ihn jedoch nicht weniger intensiv macht, können die treffsicher eingestreuten Attacken der Kannibalen, die in der deutschen Synchronisation sinnentstellend zu Außerirdischen degradiert wurden, doch ebenso überzeugen wie die Darstellung jener durch Michael Berryman und Co., sowie die restlichen schauspielerischen Leistungen (insbesondere von Dee Wallace Stone, bekannt aus "The Howling" und "E.T."). Wenngleich der Einsatz überzogener graphischer Gewalt dabei ausbleibt (bzw. zugunsten des Ratings Federn lassen musste), ist die Wirkung keinesfalls zu unterschätzen, ist der Film mit seiner rohen und kompromisslosen Thematik sowie dem Ausbleiben eines Happy-Ends doch ohnehin schwer verdauliche Kost.


90%

Juni 19, 2006

Retro: HIS GIRL FRIDAY (1940)

„Ich glaube, dass ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.“ (Rudolf Augstein)

Auf den
Inhalt von "His Girl Friday" trifft dieser Ausspruch sicherlich nicht uneingeschränkt adäquat zu, so muss geklärt werden, wie viel schlimmer die Realität tatsächlich erst ist, doch er fasst nichtsdestotrotz die Stimmung des Drehbuchs zusammen. Die große Stärke dieser zeitlosen Komödie ist genau jenes, adaptiert vom Gespann Ben Hecht ("Wuthering Heights", "Notorious") und Charles MacArthur ("Barbary Coast", "The Senator Was Indiscreet") auf Grundlage ihres eigenen Bühneerfolgs „The Front Page“ (1928), ein Drehbuch, wo beinahe jede Nuance stimmt, gradlinig und unnachahmlich geschickt geschrieben.

Aus dem Starreporter Hildebrand Johnson des Stücks wurde für die zweite Verfilmung des Stoffes, die erste inszenierte Lewis Milestone 1931, Hildegard „Hildy“ Johnson, eine Frau. Regisseur Howard Hawks ("To Have and Have Not", "The Big Sleep") entschied sich bewusst für diese Änderung, die im Kontext des Geschlechterkampfes die Grundlage für seine mit "Bringing Up Baby" auf die Höhe der Zeit katapultierte Screwball-Comedy darstellt. Und Rosalind Russell ist der große Star dieses Films, die sich einst u.a. gegen Katherine Hepburn, Carole Lombard und Irene Dunne durchsetzen konnte. Selten trägt eine Frau so erstklassig, charmant und selbstbewusst einen Film auf ihren Schultern, selten stimmte eine Chemie so sehr wie zwischen Russell und Cary Grant, der diesen Umstand gar nicht als solchen betrachtet, sondern längst nur der Mann an ihrer Seite ist.

"His Girl Friday"
ist dabei eine in sich geschlossene, von unüberwindbarem Tempo gekennzeichnete Tour de Force der Dialoge und Schlagzeilen, die den ohnehin turbulenten Stil der Komödie maßgeblich beeinflusste. Hawks verfeinert im Einklang mit Inhalt und Technik die aberwitzigen und süffisanten Wortgefechte, in dem er die tonale Überlappung in sich übergreifender Dialoge erweitert. Russell und Grant wirbeln mit ihren Wortfetzen energisch umher und fallen sich kontinuierlich so ins Wort, dass ganze Enden verschluckt werden. Das Geschick besteht jedoch darin, nie die inhaltliche Bedeutung abhanden kommen zu lassen, denn trotz der Fülle an Gesprochenem und dem daraus resultierenden Witz, dass ein Hinterherkommen zur Herausforderung wird, kann der Zuschauer dem Geschehen stets folgen. Raffiniert ist besonders, wie Hecht und MacArthur mit dieser Form des Humors umgehen: Immer wieder greift der Protagonist Wortfetzen des Antagonisten auf, ironisiert diese, verändert sie genüsslich und holt zum mündlichen Gegenschlag aus. Handwerker Hawks vertraut ganz auf diese Methodik, verzichtet auf anderweitige Spielereien und lässt seine Kamera stets auf Augenhöhe, um den Zuschauer unmittelbar in den Genuss dieses – nur in der Originalfassung empfehlenswerten - feinsinnigen Spiels kommen zu lassen.

Der wahre Geschlechterkonflikt bleibt jedoch erfreulicherweise stets ein Konflikt im Subtext. Besonders in der Screwball-Comedy schwingt mit, welche gesellschaftlichen Einschnitte die Kriegsgeschichte markiert - die nach außen zu starker Schlagfertigkeit avancierte Frau als Ausdruck einer neuen Rollenverteilung, als gleichermaßen überzogene wie unausgesprochene Angst vor dem Statusverlust des Mannes. Dabei ist "His Girl Friday" unübersehbar von einer bissigen und tiefschwarzen Kritik an ausbeuterischem Journalismus und skrupellosem Opportunismus durchzogen und liefert ein zynisches Bild der modernen Welt, die geprägt vom, den zwischenmenschlichen Diskurs überlappenden, Kapitalismus scheint - in der Konsequenz also schlicht und ergreifend verrückt ist.


80%

Juni 17, 2006

Juni 15, 2006

Juni 08, 2006

Kino: R.V.

Regisseur Barry Sonnenfeld hat seine guten („The Addams Family“) und seine weniger guten („Wild Wild West“) Tage – „Die Chaoscamper“ fällt eindeutig in letztere Kategorie und kann nach einem, wohlwollend ausgedrückt, vergnüglichen ersten Drittel nur mehr angestrengte Familienunterhaltung präsentieren.

Eines der vielen Probleme ist Robin Williams, der in diesem Film das macht, was er augenscheinlich am besten kann: Den blödelnden Familiendaddy geben. Leider sind sämtliche Gags und Pointen viel zu harmlos und vorhersehbar, nicht zuletzt weil dem Zuschauer das relativ überschaubare Grimassenrepertoire des Hauptdarstellers allzu bekannt ist. Immer wieder schwankt Sonnenfeld zwischen Road-Movie, Familienkomödie und bissiger Satire, ohne eines der genannten Genres adäquat aufzubereiten. Vielmehr orientiert sich das ganze augenscheinlich an den Abenteuern der Familie Griswold, jedoch ohne deren von schärfstem Sarkasmus geprägten, selbstironischen Witz zu erreichen. Denn jede Slapstickabfolge wird konsequent von rührseligem und leider fürchterlich ernst gemeintem Schmalz durchbrochen, den Williams ähnlich penetrant in Filmen wie „Mrs. Doubtfire“ zu vermitteln suchte. Selbst „Curb Your Enthusiasm“-Star Cheryl Hines ist nicht in der Lage, die Ego-Attacken ihres Filmgatten im Zaum zu halten.

Vor dem Totalausfall bewahrt lediglich Jeff Daniels in einer herrlich verschrobenen Rolle, die etwa in der Tradition der National Lampoon’s Filme angelegt ist, aber sträflich untergeht. Die Auftritte von ihm und seiner ebenso schrillen Familie sind nämlich derart rar gesät, dass man nur zeitweilig ins Vergessen gerät, dass „Die Chaoscamper“ doch sehr zäh und eben alles andere als „Die Schrillen Vier auf Achse“ ist.

40%