Oktober 10, 2006

Kino: THE WICKER MAN

Die negative Eigenschaft, einen Filmstoff nicht nur zu wiederholen, sondern ihn vor allem zu amerikanisieren, weist auch "The Wicker Man" auf, das Remake des zu einem Kultfilm avancierten, englischen Mysterythrillers von Robin Hardy aus dem Jahre 1973. Weniger geringe Einzelheiten, denn grundlegende Änderungen forcieren in Neil LaButes Version den Blick auf einen interessant gestalteten, geschlechterspezifischen Text, der eine weiter variierte Fortsetzung des Mann-Frau-Themenkomplexes ist, den man bereits aus früheren Werken des Filmregisseurs und Theaterautors - darunter "Your Friends & Neighbors" - kennt. Trotz seiner dramaturgischen Übereinstimmungen und mitunter direkt dem Original entlehnter Sequenzen ist das Update des "Weidenmannes" eine angenehm unaufgeregte Angelegenheit und zählt zu den besseren Genreneuauflagen der letzten Jahre.

In Großbritannien einer der beliebtesten Horrorfilme aller Zeiten, fristet "The Wicker Man" hierzulande (und auch in den USA) ein eher unbekanntes Dasein und wurde auch nie offiziell veröffentlicht, obwohl das damalige Kinoplakat mit der übergroßen Strohpuppe zu den bekanntesten Motiven des Genres zählt und Altstar Christopher Lee immer wieder betonte, wie sehr er den Film und seine Rolle darin schätzen würde. Entsprechend verwirrt äußerte dieser sich zu der Veränderung gegenüber der Vorlage, den Anführer der mysteriösen heidnischen Sekte nun zu einer Frau umzuschreiben, die als Matriarchin über Recht und Unrecht von Summersisle waltet. Darüber hinaus wurde die Handlung ungünstigerweise von Schottland in die Vereinigten Staaten transferiert und die offenherzige Darstellung der Sekteninteressen des Originals – hemmungsloser Sex, wo und wann immer man den Willen danach verspürt – somit gleich ausradiert.

LaButes Film ist ungleich zahmer geraten, da er den antipuritanischen Geist der Vorlage geflissentlich ignoriert. Edward Malus war darin ein erzkonservativer Polizist, der auf der seltsamen Insel mit all dem konfrontiert wird, was gegen seinen Glauben, seine Weltanschauung, seine Prinzipien verstößt. Letztlich wird die fromme Konformität des Mannes ihn nicht schützend isolieren, sondern in einem der konsequentesten wie überraschendsten Filmenden des Genres bildgewaltig in den Abgrund stürzen.


Nicolas Cage interpretiert die Figur anders: Zwar ist auch er ein gehemmter, unsicherer Mann, doch resultiert dies aus einem persönlichen Unfalltrauma, wie das Drehbuch eigenständig dem Stoff hinzudichtend am Anfang demonstriert, als bei einem Unfall eine Mutter und ihre kleine Tochter ums Leben kommen, ohne dass Malus Hilfe leisten kann. Im Gegensatz zum Original ist er somit ein von Flashbacks geplagter Suchender, der nur noch wenig mit der adult virgin aus dem Jahre 1973 gemein hat. Die berühmt-berüchtigte Antiklimax wiederholt LaBute allerdings dennoch, obwohl er deren Intention aus dem Subtext löst – in seiner Version ist Malus sogar Vater einer Tochter.

Zwar verliert der Stoff durch die verharmlosenden Änderungen an Essenz und Aussagekraft, dem Regisseur gelingt es aber trotzdem, verhältnismäßig reizvoll, die strukturellen Ähnlichkeiten in den Dienst einer selbst formulierten Richtung zu stellen. Der einstige Kampf zwischen einer neuen, vermeintlich aufgeklärten und einer traditionellen Welt, deren Bewohner es mittels der Eliminierung selbst auferlegter Dogmen in ihrer unmodernen Erscheinung letztlich weitaus progressiver zu leben pflegten, wird nun zu einer Gegenüberstellung der Geschlechter erklärt, bei der Männer einen rein funktionellen Zweck erfüllen und über ihre Aufgabe als Samenspender und Ritualopfer nicht hinauskommen. Man mag dieser etwas plakativen Umformulierung LaButes kritisch gegenüber stehen, doch er setzt sie entsprechend kompromisslos in Szene, ohne dabei zu vergessen, den Widerspruch einer der Natur verpflichteten Gruppierung, die diese für ihre soziale Ungleichheitsstruktur längst zu missbrauchen scheint, aufzuzeigen.

Zurückhaltender wird der Regisseur eher, wenn es um die unkonventionelle Inszenierung der 73er-Version geht. Tatsächlich unternahm Hardy in der Vorlage offenbar alles, um seinen Film nicht kategorisierbar zu gestalten, da trafen okkulte auf rein der Thrillernarrative verpflichtete Elemente, wurde gesungen und getanzt, sodass ganze Passagen den Charakter eines schrägen Musicals besaßen, und nicht mit Freizügigkeit gegeizt. Schräge Ethnoklänge und der zu heftigem overacting neigende Christopher Lee als Inselprophet unterstrichen dabei nur die Merkwürdigkeit des Ganzen, was im Remake, trotz einer bemüht unheimlichen Musikuntermalung durch Angelo Badalamenti ("Blue Velvet") und malerischen wie gleichzeitig unheimlichen Bildern, in ihrer Eigenwilligkeit nicht wiederholt werden kann.

Und dennoch ist auch der neue "The Wicker Man" ein mitunter faszinierend seltsames Erlebnis. Zwar kann LaBute Zugeständnisse an das moderne Publikum nicht vermeiden, indem er einige selbstzweckhafte Schockszenerien und einen überaus ärgerlichen Epilog entwirft, doch hält er sich deutlicher an die ruhige Erzählweise Hardys, als vorher anzunehmen war. Kenner des brillant aufgebauten Originals werden kaum überrascht, unvorbereitete Zuschauer indes dürfte die durch und durch eigenwillige Handlung ähnlich verunsichern, wie einst auch die Vorlage, die geschickt mit den Erwartungen spielte und beinahe jede Minute mit neuen Plottwists aufwarten konnte. Zudem gelingt es Cage, mit der Darstellung des zweifelnden Polizisten, nach vielen gesichtslosen Rollen, die er zuletzt verkörperte, eine erstaunliche Präsenz und Glaubwürdigkeit an den Tag zu legen, wenn seine Performance dem Vergleich mit jener von Edward Woodward auch nicht standhalten kann.

Es ist also wie so oft bei Neuverfilmungen alles eine Frage des Blickwinkels. Das Original "The Wicker Man" hat viele Anhänger, die es nicht zuletzt für seine zynische Auseinandersetzung mit dem Konservatismus schätzen und wenig begeistert über den neuen Ton des Stoffes sein dürften. Überraschenderweise konnte auch das Remake das unvorbereitete Publikum nicht begeistern und blieb in den USA weit hinter den Einspielerwartungen zurück. Gemessen am Original wäre das zumindest ein Segen – Jahre später wurde es vielerorts überhaupt erst aufgeführt und entsprechend gewürdigt.


60% - erschienen in der: filmzentrale

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