August 20, 2006

Retro: SABOTEUR (1942)

Man muss sich die Ausgangssituation dieses Films ja erst einmal genauer vor Augen führen. Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere für den Flugzeugmechaniker Barry Kane, sofern das „wie jeder andere“ für einen Tag anstrengender Arbeit in einer Flugzeugfabrik steht, in Zeiten des Krieges, wirtschaftlichen Schwankungen und – Sabotageakten. Kane wird von Robert Cummings ("Dial M for Murder") entsprechend solide interpretiert, er ist ein Mensch wie du und ich und durch einen Brandanschlag auf seine Fabrik daher umso drastischer aus seinem Alltag herauskatapultiert: Als vermeintlicher Saboteur wird er zum Jäger der eigentlichen Täter und zum Gejagten der eigenen Staatsangehörigen. Er ist als Semi-Spion die Inkarnation einer Identifikationsfigur, der man auf die halsbrecherische Reise dieses unglaublich temporeichen Hitchcockfilms ohne Umschweife zu folgen bereit ist.

Worauf die Einleitung abzielen soll, ist die doch stets gegenwärtige Angst, eine Bedrohung politischer und somit wahrlich erschreckender Natur, mit der sich die Figuren von "Saboteur" konfrontiert sehen. So subtil und streng genommen auch der Unterhaltung untergeordnet Hitchcock diese Stimmung in seinen Anfangs- und Schlussmomenten evoziert, sie führen unweigerlich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema Sabotage, abstrahiert zu Fragen über Zustände im Zweiten Weltkrieg, sowie weiterführende Gedanken über die vom Regisseur latent angeschnittenen „american firsters“. Abgesehen von mitunter etwas ärgerlichen, weil zu schablonenhaft skizzierten politischen Typen und einer zunächst unfreiwilligen Nähe zum Propagandafilm (die jedoch spätestens mit der einst skandalösen Andeutung, auch auf die S.S. Normandie sei ein Sabotageakt verübt worden, relativiert wird), gehört "Saboteur" zu den eindringlichsten Werken, die Hitchcock in den USA inszenierte.

Prinzipiell gleicht der Film dabei der Grundstruktur des englischen "The Thirty-Nine Steps", in dem sich ein zu Unrecht des Mordes bezichtigter auf der Flucht vor Spionen befindet. Hitchcock variierte den Plot erneut in "North by Northwest" aus dem Jahre 1959 und orientierte sich deutlich an "Saboteur", der mit seinem hohen Tempo, der Vielzahl an Schauplätzen und Einstellungen und insbesondere ähnlich spektakulärem Finale wesentliche Elemente der filmischen Thematik eines unschuldigen Fugitive ausbaute. Neben den wie üblich beeindruckenden Schnitten, die die ganze Bandbreite der Montage abdecken, fasziniert die Kameraarbeit aus der Hand von Joseph A. Valentine, der den vielfältigen Orten der Handlung eine erstaunliche Weiträumigkeit verleiht und so stets die Grenzen der Studiosettings vergessen lässt (wobei der Film dennoch mit merklich vielen Außeraufnahmen arbeitet). Hitchcock inszeniert derart rasant, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers gar nicht verloren gehen kann, so spannend und mit seinen Actionszenen beinahe schon halsbrecherisch schreitet "Saboteur" voran, ohne jedoch – zumindest für moderne Verhältnisse – zu überladen zu sein, wie es der Regisseur später gegenüber Truffaut anmerkte.

Doch unterschätzt wird der Film ferner auch in Bezug auf sein Ensemble. Der für die Rolle des Flugzeugmechanikers ursprünglich vorgesehene Gary Cooper ("Sergeant York") hätte der Figur als Hollywoodstar nicht die nötige Glaubwürdigkeit verliehen, zudem sich das dramatische Potential angesichts eines erwartungsgemäßen Happy Ends doch vermutlich eher in Grenzen gehalten hätte. Mag Cummings an manchen Stellen etwas überfordert wirken, so ist seine naive Darstellung der Figur letztlich doch wirkungsvoller. Ähnlich verhält es sich mit der viel gerügten Priscilla Lane ("Arsenic and Old Lace"), mit der sich Hitchcock wenig zufrieden zeigte, die aber genau die stoische Art besitzt, die ihr etwas zu deutlich mondän angelegter Charakter benötigt. Barbara Stanwyck ("The Lady Eve") wäre vermutlich trotzdem die Idealbesetzung gewesen. Die beste Leistung aber bietet Norman Lloyd als Saboteur, der als besonders schwarz/weiß gezeichnete Figur mit allen erdenklichen Klischees eines Bösewichts arbeiten darf.

"Saboteur" steht doch ein wenig unberechtigt im Schatten der ähnlichen Spionage-Thriller Hitchcocks. Der Altmeister erfindet sich hier zwar nicht neu, mit herausragendem Gespür für Tempo, Dialoge und brechender Ironie gehört der Film nichtsdestotrotz zu den gelungensten Werken des Regisseurs. Tatsächlich besteht ein gewisser Reiz im Unvollkommenen, in der Ungeschliffenheit, dem nicht gänzlich Perfekten. Hitchcock mag unzufrieden sein mit einigen Details dieser Arbeit, mit dramaturgischen Patzern oder unzureichenden Leistungen seiner Akteure, doch gerade deshalb ist "Saboteur" auch eine Lehrstunde für Filmfreunde. Und spannend sowieso.


80%

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