Juli 31, 2006

Kino: DIE ERDE VON OBEN

Die Erde von oben“ ist durchaus ein filmisches Wagnis. Es ist die freie Interpretation der berühmten Photographien von Yann Arthus-Bertrand, die insgesamt 170 Aufnahmen in einer kontinuierlichen Abfolge präsentiert, begleitet vom Off-Kommentar eines Vaters mit seinem Jungen. Es ist ein Film von unvergleichlicher Schönheit geworden, bewegend und einfühlsam, poetisch und philosophsich, vor allem aber unverwechselbar eindringlich.

Obwohl diese insgesamt vier Jahre Produktionszeit umfassende Adaption des Werks von Arthus-Bertrand mit den Sehgewohnheiten des Kinogängers bricht, vergisst man schnell, lediglich einer Montage von unbeweglichen Bildern beizuwohnen, so stark, magisch und leidenschaftlich ist der Sog des überwältigenden Antlitzes dieser Photographien. Erstaunlich vor allem, wie es Regisseur Renaud Delourme gelingt, die Aufnahmen in einen dramaturgischen Kontext zu bringen, dem Gezeigten eine Leichtigkeit zu verleihen, eine Ordnung herzustellen.

Der Film ist dabei in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte in sieben Kapitel unterteilt: Genesis, Mensch, Sinne, Babel, Das Chaos und die Ordnung, Zivilisation und Terra Incognita. Diese losen Umrandungen sind vielmehr Anhalts- und Ausgangspunkte für die dezenten Zwischenkommentare, die von angenehmer Weisheit und Gedanken anregenden Einwürfen gekennzeichnet sind, denn feste Strukturpunkte, denen sich die Aufnahmen unterwerfen. Es ist die behutsame Inszenierung, die den Zuschauer auf eine vogelperspektivische Reise schickt, es ihm ermöglicht ungezwungen in Gedanken zu schwelgen.

Erzeugen die Bilder allein nicht ohnehin bereits eine Faszination, gelingt es Delourme dennoch, sie erst zum Leben zu erwecken. Großen Anteil daran hat die wunderbare Musik von Armand Amar, deren Komposition zwei Jahre in Anspruch nahm. Sie verleiht den Photographien einen Rhythmus, einen Sinn beinahe, überfliegt die Bilder ähnlich wie der Zuschauer und engt ihn trotz ihrer Funktionalität nie ein. Amar vermischt dabei die verschiedensten musikalischen Stile dieser Welt, ohne jedoch Klischees oder erwartungsgemäße Assoziationen zu bedienen. Seinen eindringlichen, intensiven und berauschenden Klängen sind die Gänsehautmomente dieses Films zu verdanken.

Dass uns Delourme und Arthus-Bertrand mit ihrer bildgewaltigen Reise etwas mitteilen wollen, wird dem Ende entgegen vielleicht ein wenig zu deutlich, wenn zweifelsfrei wahre, aber müßig zu erwähnende Einsichten latent den Kommentar bestimmen. Nichtsdestotrotz ist „Die Erde von oben“ insgesamt erstaunlich zurückhaltend, er lässt den nötigen Raum für die eigene Auseinandersetzung, er appelliert nur dezent, er verklärt den Menschen nicht plakativ zum Monstrum. Zu der Erkenntnis, dass „ethisches Bewusstsein und menschliche Verantwortung“ nicht existieren, dürfte der Zuschauer wohl selbst gelangen: Die Schönheit dieser Erde, die eben nicht grenzenlos ist.

Wertung: 75%

Kommentare:

  1. zustimmung, ein filmisches wagnis, was für mich auch größtenteils aufgegangen ist. nur fand ich die dialoge zwischen vater und sohn meist überflüssig, pseudo-spirituell und zu belehrend, besonders gen ende hin, wo die botschaft ohne einen kommentar schon klar erkennbar ist. das wertet die doku für mich leider etwas ab. würde ihm 6/10 punkten geben.

    die musik hat mich auch beeindruckt, ebenso, wie delourmé fast mühelos von ort zu ort springt.

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  2. Ja, die Dialoge sind wohl gewöhnungsbedürftig. Der Zeigefinger wird ja vielerorts kritisert, ich empfand dies nur wenig bis gar nicht störend. Lediglich die Schlusswidmung war mir etwas zu belehrend. Aber so richtig gefesselt hat dich das nicht?

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